Unsere Frau der Woche: Nawal El Saadawi

Unsere Frau der Woche ist diesmal eine der bekanntesten sowie couragiertesten Schriftstellerinnen und Feministinnen im arabischen Raum. Die heute 85jährige Ägypterin Nawal El Saadawi kämpft schreibend gegen die Erniedrigung, Unterdrückung und Ausbeutung der Menschen, insbesondere gegen die der Frauen. Zudem setzt sich Nawal El Saadawi seit Jahrzehnten gegen die Klitorisbeschneidung bei jungen Mädchen ein. Unter anderem, weil sie mit sechs Jahren selbst Opfer dieses grausamen Rituals wurde.

Die Löwin vom Nil

Leicht hatte Saadawi es gewiss nie. Durch ihre Arbeit hat sie sich viele Feinde gemacht. Unter Sadat musste sie ins Gefängnis, unter Mubarak ins Exil. Sie bekam eine Anklage wegen Apostasie, ihr wurde mit einer Zwangsscheidung und der Entziehung ihrer Staatsbürgerschaft gedroht. Ihre Werke stehen in ihrer eigenen Heimat auf dem Index und ihr Name auf der Todesliste radikaler Islamisten. Doch sie hat sich nie einschüchtern lassen, nicht umsonst wird sie auch „die Löwin vom Nil“ genannt.

Gehorsamkeit oder Entlassung? Entlassung!

Geboren und aufgewachsen ist Nawal El Saadawi in dem Dorf Kafr Tahla. Ihre Schulzeit schließt sie als Jahrgangsbeste ab und beginnt ihr Medizinstudium in Kairo. Dort arbeitet sie bis ins Jahr 1972 als Direktorin für Gesundheitserziehung im ägyptischen Ministerium für Gesundheit und als Herausgeberin der Zeitschrift aṣ-Ṣiḥḥa („Die Gesundheit“).  Wegen der Veröffentlichung der Studie  „Frau und Sexualität“ über die sexuelle Sozialisation der ägyptischen Frau wurde die Zeitschrift eingestellt. Zudem musste sie den öffentlichen Dienst quittieren und bekam in ganz Ägypten ein Publikationsverbot.  In einem Interview erinnert sie sich: „‚Gehorsam oder Entlassung!‘,  brüllte der Minister. ‚Entlassung‘, sagte ich.“

Nach ihrer Entlassung schreibt sie weitere Bücher und veröffentlichte diese in Beirut. Nebenher gründet sie verschiedene Hilfsvereine: Health Education Association, Egyptian Women Writer’s Association sowie African Association for Women on Research and Development. Zudem übernimmt sie die Leitung eines Frauenprojekts, der UNO-ECWA in Beirut und ist als UNO-Beraterin für Frauenprojekte in Äthiopien tätig.

Sadat lässt sie 1981 wegen ihrer kritischen Haltung gegenüber der Regierung inhaftieren. Im Gefängnis wird sie gewarnt, dass es für sie schlimmere Konsequenzen hat, wenn Stift und Papier bei ihr gefunden werden als wenn sie eine Waffe finden. Von dieser Drohung ließ sie sich jedoch nicht einschüchtern und organisierte sich noch in derselben Nacht Toilettenpapier und einen Schminkstift. Sie schrieb damit nieder: „Eine aufrichtige Liebesgeschichte kann gefährlicher sein als ein Koffer voller Sprengkörper oder Zeitbomben, da sie den innersten Kern der Korruption in der Gesellschaft aufdeckt.“ Unter Mubarak kommt sie drei Monate später wieder frei.

Ihre Publikationen werden jedoch weiter verboten und immer wieder wird versucht, rechtlich gegen sie vorzugehen. Mehrmals geht sie ins Exil nach Amerika, wo sie als Gastprofessorin arbeitet. Es zieht sie jedoch immer wieder nach Kairo zurück, wo sie noch heute lebt und arbeitet.

Ihre Werke

Insgesamt hat Nawal El Saadawi über vierzig Romane, Kurzgeschichten, Sachbücher, Theaterstücke und Essays verfasst, welche in dreißig Sprachen übersetzt wurden. In ihren Werken geht es meist um Frauen, welche sich in prekären Situationen befinden. Es geht um Machtverhältnisse, um Brutalität, Ungerechtigkeit und um Rache. Im Besonderen beschäftigen sie sich mit den Schicksalen von Frauen, in der arabischen Welt. Das besondere an ihren Büchern ist, dass sie sowohl aus dem Herzen als auch dem Verstand kommen. Sie selbst sagt:

„Charakteristisch für mein literarisches Schaffen ist, dass ich keine Trennung von Roman- und Sachliteratur, von Medizin und Kunst vornehme. Sie sind eine Einheit! Ich halte nichts von Unterteilungen echter und fiktiver Charaktere, weil letztlich doch jede fiktive Geschichte auf einer wahren basiert – sonst kann man keinen Zugang zum Text finden.“

Einige ihrer berühmtesten Werke sind: „Ich spucke auf euch. Bericht einer Frau am Punkt null“, „Tschador. Frauen im Islam“ und „She Has No Place in Paradise“.

Nawal El Saadawi ist eine beeindruckende Frau mit einem beeindruckenden Lebenslauf. So beeindruckend, dass es wahnsinnig schwer ist, ihr hier gerecht zu werden. Wer neugierig geworden ist, kann sich ja direkt an eines ihrer Bücher wagen oder diese interessante Dokumentation über sie ansehen.

Hannah Rößer

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