Eine bewegende Begegnung

gemalte Frau mit Kopftuch

Muslimin
(c) Heidemarie Gniesmer

Neulich an der Bushaltestelle. Mein Einkaufsbeutel ist schwer. Und dann fährt mir der Omnibus noch vor der Nase weg. Ich setze mich ins Wartehäuschen. Neben mir sitzt eine junge telefonierende Muslimin. Ungewollt höre ich zu, wie sie über einen Mann schimpft: „Sitzt den ganzen Tag vor dem Fernseher und lässt sich bedienen usw. usw.“ Ob sie wohl über ihren Mann schimpft, denke ich? Dann beendet sie das Gespräch und lächelt mich an. Neben mir beugt sich ein korpulenter Mann mittleren Alters zum Fahrplan. Ich spüre seinen unangenehmen Körpergeruch. Die Muslimin schaut mich an und rümpft die Nase. Als der Mann weg ist sagt sie: „In Deutschland gibt es genügend Wasser, um sich zu waschen.“ Wir kommen ins Gespräch, und sie erzählt, dass ihr Mann – über den sie gerade per Smartphone mit jemanden gesprochen hat – auch so ungepflegt sei. Ich erfahre, dass sie als kleines Mädchen mit ihren Eltern im Krieg aus dem Kosovo nach Deutschland gekommen sei. Das wäre nun 28 Jahre her. Sie habe inzwischen einen deutschen Pass und lebt gern in Deutschland. Nur ihre Ehe mit einem pakistanischen Mann sei eine Katastrophe. Pakistanis würden Frauen zur Hausarbeit und fürs Bett benutzen. Das habe sie leider erst in der Ehe erfahren. Die Liebe hätte sie damals blind gemacht. Geheiratet hätte er sie nur, um in Deutschland bleiben zu können. Zum Glück habe sie keine Kinder mit ihm. Nun möchte sie ihren Mann verlassen. Der drohe jedoch, sie umzubringen. Ich war über diese Aussage erschrocken und empfahl ihr, unbedingt Hilfe zu suchen, zum Beispiel in der Bremischen Gleichstellungsstelle für die Frau. Aber sie plane, zu ihren Geschwistern nach Süddeutschland zu fahren, sagt sie. Dort wolle sie Rat und Hilfe holen.

Das Gespräch und die Begegnung beschäftigt mich noch immer. Habe ich alles richtig gemacht? Im Bus verabschieden wir uns herzlich. Ob ich sie wohl wiedersehe?

Heidemarie Gniesmer

 

  1 comment for “Eine bewegende Begegnung

  1. Julie
    10. September 2015 at 15:22

    Ja, leider keine ungewöhnliche Situation muslimischer Mädchen und Frauen. Arrangierte Ehen/Zwangsehen sind in vielen Ländern des Orients und auch hier im entsprechenden Milieu gang und gäbe, heute mehr denn je angesichts einer zunehmenden Islamisierung dort und hier.

    Ich frage mich immer, wo eigentlich die Feministinnen abgeblieben sind, die auf die Unterdrückung der Frau im realen Islam hinweisen ?!? Man protestiert gegen Pegida, gegen Rassismus, aber nicht gegen den IS, gegen Salafisten – haben die alle im Multi-Kulti-Wahn Scheuklappen auf ?! Außer Alice Schwarzer ?!?
    Ich fahre immer wieder aus familiären Gründen in den Orient und denke, ich kann darüber urteilen.
    Unsere Gesellschaft/Kultur ist auch nicht ideal, aber im Islam, den ich real erlebe, herrscht eine noch viel größere Heuchelei im Zusammenleben. Frauen haben nicht nur moralisch-wirtschaftlichen Druck ihrer Männer auszuhalten, umgekehrt üben sie oft starken moralischen Druck/Zwang auf die Männer aus, die einzige Macht, die sie haben. So bin ich froh, in einer Gesellschaft zu leben, die eine Trennung zwischen Staat und Kirche vorsieht und wo das private Zusammenleben nicht von Staatswegen religiös gegängelt wird.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.