Orientierungslos nach dem Abi

Überstürzte Entscheidungen und die Angst, sich festzulegen sind nicht selten die Auswirkungen der Frage nach der Berufsrichtung.

Zwölf Jahre Schule. Zwölf Jahre auf eines hingearbeitet: das Abitur. Viel zu schnell war die Grundschulzeit vorbei, die nächsten 6 Jahre vergingen wie im Flug. Dann die Oberstufe, die schon zu Ende war, gerade als man sich bewusst gemacht hatte, dass die Abiturklausuren nahen. Und auf einmal steht man da, gibt dem Direktor die Hand und hält dieses dünne, leichte Blatt Papier in der Hand, über dem „Abiturzeugnis“ geschrieben steht.

Endlich geschafft! Und was jetzt?

Natürlich hat man sich schon vorher Gedanken gemacht, die Fragen waren schließlich unausweichlich. „Und? Was willst du später mal werden?“ Das erste Mal muss man diese Frage mit ungefähr 6 Jahren beantworten. „Und? In welche Richtung geht es bei dir?“ Ab der Oberstufe kleben die Fragen an einem wie Gewitterfliegen.

Viele Fragezeichen

© frauenseiten ; Robers

„Und? Was willst du studieren?“ Kurz vor und nach dem Abistress ist diese wohl die am häufigsten gestellte Frage.Meine Antwort darauf war meist eher schwammig. Wer sagt denn, dass ich studieren will, unbedingt studieren muss? Aber ist eine Ausbildung das Richtige? Und überhaupt, was kann ich gut, was liegt mir? Fakt ist, dass die sogenannten Lieblingsfächer auch nicht immer weiterhelfen. Im Allgemeinen führt diese ganze Fragerei nur zu Panikausbrüchen, Zukunftsängsten und Orientierungslosigkeit.


Die Angst, sich festzulegen

Mir fiel es mit der Zeit immer schwerer, zwischen den tausend Möglichkeiten zu wählen. Dieses umfangreiche Angebot macht es fast unmöglich, sich zu entscheiden. All die Studiengänge, unter denen man viele nicht zuordnen kann. Und die etlichen Ausbildungsmöglichkeiten, Freiwilliges Soziales Jahr, Bundesfreiwilligendienst, Auslandsaufenthalte, sei es Work and Travel, Au pair, Farmarbeit oder Volontariat. An der Orientierungshilfe scheitert es wohl nicht, schließlich bieten unzählige Zeitschriften, Websites und Berufsberater ihren Rat an.

Meiner Meinung nach liegt es viel mehr daran, dass es schwer fällt, sich festzulegen, dass es hart ist, sich bei all den Optionen die „richtige“ herauszupicken. Die Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen wird übertrumpft von der Unsicherheit, sich selbst einzuschätzen, sich auf die eigenen Interessen und Stärken zu verlassen. Die Zweifel, ob die eigene Auswahl letztlich passend ist, hemmen die Versuche, etwas endgültig zu bestimmen.

Bloß keine Zeit verlieren

Oft wird der Eindruck vermittelt, wer nicht sofort studiert, vergeudet Zeit, was wiederum den Beigeschmack von „versagen“ hat. Aber irgendeinen Studiengang auf gut Glück zu wählen, nur weil man noch nicht weiß, was einem wirklich liegt oder in welchem Bereich man sich vorstellen könnte zu arbeiten, ergibt für mich keinerlei Sinn. Man kennt zu wenig und hat kaum Erfahrungen in irgendeinem Berufsbereich.Uns wird doch schließlich die Möglichkeit gegeben, Eindrücke und Erfahrungen zu sammeln, Tätigkeiten auszuprobieren, mit denen man sonst nicht in Berührung kommt und Berufswelten kennenzulernen, in die man anders höchstens nach dem Studium reinschnuppern könnte. Wieso also nicht einen Gang runter schalten und sich ein wenig umsehen, bevor man überstürzt wählt?

Alles braucht seine Zeit

Mit den Monaten ergaben sich Ideen und Pläne, die immer wieder verworfen und neu geschmiedet wurden. Letztendlich habe ich mich darauf festgelegt, mir „Zeit zu nehmen“. Keine schlechte Wahl, wenn man mich fragt. Schließlich ist die Studien- und Berufswahl eine minimal bedeutendere Frage, als „Was ziehe ich morgen an?“. Wer meint, mein Plan, mir „Zeit zu nehmen“ sei nur ein Vorwand, um nichts zu tun, sollte nicht vorschnell urteilen. Praktika sind für mich eine gute Chance, um Einblicke in einige Berufsrichtungen zu erhalten und Erfahrungen zu sammeln, die sich – seien sie positiv oder negativ – immer als hilfreich erweisen. Es kann nicht allzu schlecht sein, sich für einen wichtigen Entschluss einen gewissen Zeitraum zu nehmen. Denn letztendlich gibt es einen feinen Unterschied zwischen „Zeit nehmen“ und „Zeit vergeuden“.

Amélie Schlachter

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