Prostitution scheint je nach soziokulturellem Milieu völlig unterschiedlich konnotiert, also verstanden zu werden. Dazu kommt, dass Prostitution individuell und milieubedingt unterschiedlich bewertet zu werden scheint. Was für den einen beziehungsweise die eine nicht mal denkbar erscheint, ist für andere offensichtlich „normal“. Am 25.11.25 fand im Bürgerhaus Weserterrassen die Feature-Vorstellung „Helenenstraße – Bordell in der Sackgasse“ statt. In einem großen Saal wurde dem Publikum die Radiopremiere des Deutschlandfunks vorgestellt. Danach fand eine Diskussion mit der Autorin des Features, der Journalistin Gaby Mayr, statt. Die Veranstaltung wurde von „Leben im Viertel“ und Terre des Femmes durchgeführt. Es geht in dem Feature um die verschiedenen Perspektiven auf das Phänomen der Prostitution in Bremen und darum, welche aktuellen Meinungs- und Lösungsansätze es dazu gibt.
Das Feature „Helenenstraße – Bordell in der Sackgasse“ von Gaby Mayr
Das Feature stellt Prostitution in Bremen im Spannungsfeld der Anwohner*innen im Bremer „Viertel“, der Immobilienbesitzer*innen, der Bau- und Stadtplanungsbehörde und der Politik dar. Während die Immobilienbesitzer*innen der Prostitution offensichtlich eher gleichgültig gegenüberstehen und sich auch vorstellen können, die zur Prostitution genutzten Immobilien anders zu nutzen beziehungsweise zur Verfügung zu stellen – oder aber, diese „aufzuwerten“ – kommt aus der Politik die Haltung, die Prostitution zum Schutz der Prostituierten zu erhalten. Demgegenüber stehen die Anwohner*innen und auch Kinder, die sich fragen, was in dieser Gasse eigentlich passiert. Zum Teil sei es sogar sichtbar, dass Prostituierte an- und weggefahren werden und man sehe sie in den umliegenden Cafés.
Die anschließende Diskussion
Im Kern der Diskussion ging es darum, wie Prostitution ethisch-ideell bewertet werden muss. Dagegen stehen eher pragmatisch-handlungsorientierte Ideen und Ansätze. Viele stellen sich hinter die Prostituierten, die aus prekären Lebensumständen aus Bulgarien oder Rumänien nach Deutschland verschleppt werden. So kann man*frau ihnen hier wenigstens eine Krankenversorgung und Ausstiegsmöglichkeiten anbieten. Dagegen stehen radikalere Ansätze, die das ganze Konzept in Frage stellen und einen kulturellen Wandel im Geschlechterverhältnis fordern.
Das nordische Modell
Im nordischen Modell werden Freier bestraft. Das führte schon zu einem Rückgang der Nachfrage nach Prostitution in Schweden, wo das Modell herkommt. Skeptiker befürchten dabei aber einen erneuten Anstieg von illegaler Prostitution, die das in Deutschland geltende Prostituiertenschutzgesetz verhindern soll. Auf einer anderen Ebene ist es aber die Frage, ob der Verkauf des weiblichen Körpers mit modernen Ansprüchen von Gleichstellung überhaupt vereinbar ist. Dieser Widerspruch konnte im Rahmen der Diskussion nicht aufgelöst werden. Die Anwohner*innen wurden aber ermutigt, sich mit diesen Fragen weiter zu beschäftigen.
Prostitution in Europa
Laut ProCon.org existieren im Jahr 2022 vier verschiedene Modelle zur gesetzlichen Regulierung der Prostitution in den europäischen Mitgliedsstaaten. In Deutschland ist „Sexarbeit“ demnach legal, aber reguliert. Diesem Ansatz folgen ebenso die Niederlande und Belgien, Österreich und Ungarn sowie Lettland und Griechenland. Im „Abolitionismus“ ist Sexarbeit legal. Dagegen sind aber Bordelle oft nicht erlaubt. Diesen Ansatz verfolgen Portugal, Spanien, Italien, Slowenien, Bulgarien, die Slowakei, Tschechien, Polen, Dänemark, Estland und Finnland. Das Nordische Modell (Sexarbeit illegal, nur Freier:innen machen sich strafbar) gilt in Schweden, Frankreich und Irland. Ein Verbot der Sexarbeit (Sexarbeit illegal) besteht in Kroatien, Rumänien und Litauen.
Zumindest wurde an dem Abend deutlich, dass die Prostitution in Bremen umstritten ist.
Anna Raith



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