Bald ist es wieder soweit. Der Valentinstag gilt als Tag der Liebe und Romantik, richtet sich jedoch vor allem an Menschen in einer romantischen, heteronormativen und monogamen Zweierbeziehung. Wer außerhalb einer solchen Beziehung lebt, liebt, sorgt oder begehrt, kommt in der Erzählung dieses Tages kaum vor. Doch warum wird diese Beziehungsform eigentlich als die “einzig Richtige“ angesehen? Mithilfe von Sophie K. Rosas Buch “Radical Intimacy” (Radikale Intimität) nehmen wir den diesjährigen Valentinstag zum Anlass, dieser Frage auf den Grund zu gehen.

Von romantischer Zweisamkeit zur Norm
Feministische Kritik am Valentinstag ist nichts Neues. Auch unsere Autor*innen Linnea und Hannah K. haben sich bereits im vergangenen Jahr in dem Artikel “Rosaroter Valentinstag… ?” damit auseinandergesetzt, wie dieser Tag viele Beziehungsformen ausschließt und diskriminiert. Dabei geht es nicht darum, romantische Beziehungen grundsätzlich infrage zu stellen. Problematisch wird es erst, wenn der Valentinstag stillschweigend voraussetzt, dass Intimität immer romantisch ist, und dass romantische Intimität wiederum als monogame Zweierbeziehung gelebt werden muss. Warum ist romantische Zweierliebe überhaupt so zentral organisiert? Und wer profitiert davon?
Eine Antwort darauf finden wir in Sophie K. Rosas Buch “Radical Intimacy”, auf Deutsch Radikale Intimität. Mit diesem Titel ist keine besonders extreme oder tiefgehende Form der Intimität gemeint, sondern ein radikales Verständnis im politischen Sinne. Die Autorin denkt Intimität bewusst über Paarromantik hinaus, und versteht Nähe als etwas, das sich in Selbstfürsorge, Freundschaften, Care-Arbeit, Gemeinschaft und Solidarität entfaltet.
Für einen kritischen Blick auf den Valentinstag lohnt es sich jedoch besonders, das Kapitel zu romantischen Beziehungen und Sexualität anzuschauen. Hier zeigt uns Rosas Analyse, dass unsere Vorstellungen von Liebe, Begehren und Beziehungen gesellschaftliche Normen und Strukturen widerspiegeln, die tief in kapitalistische, patriarchale und koloniale Strukturen eingebettet sind.

Warum Kapitalismus die Zweierbeziehung braucht
Bei antikapitalistischer Kritik am Valentinstag fällt der Blick oft zuerst auf seinen Konsumcharakter. Blumen, Schmuck, Pralinen oder Restaurantbesuche werden als Pflicht-Geschenke präsentiert, romantische Liebe erscheint als etwas, das gekauft und bewiesen werden muss. Diese Kritik ist berechtigt. Sie zeigt, dass Liebe im Kapitalismus als Ware verstanden wird, um die wir alle in Konkurrenz zueinander stehen und die nach außen sichtbar gemacht werden muss, um Status zu erhalten. Doch dieser Ansatz beschreibt lediglich, wie Liebe im Kapitalismus funktioniert, fragt aber selten, warum gerade diese Form von Intimität als selbstverständlich, natürlich und erstrebenswert gilt, und damit zum Maßstab für Glück, Reife und gesellschaftliche Anerkennung wird.
Sophie K. Rosa geht in “Radical Intimacy” genau dieser Frage nach. Ihre Analyse zeigt, dass die Priorisierung der heterosexuellen Paarbeziehung kein kultureller Zufall ist, sondern eine zentrale Rolle in unserem kapitalistischen und heteropatriarchalen Gesellschaftsmodell spielt. Historisch entwickelte sich die monogame Familie – als institutionelle Zuspitzung der Zweierbeziehung – parallel zur Durchsetzung des Kapitalismus. Wie Rosa erklärt, braucht sie der kapitalistische Produktionsmodus als stabile Einheiten, die Arbeitskraft reproduzieren. Und zwar kostengünstig und außerhalb des Marktes.
Rosa argumentiert außerdem, dass die monogame Zweierbeziehung, gemeinsam mit der nuklearen Familie, überschaubare, kontrollierbare Einheiten schafft, die sich leichter regulieren lassen als vielfältige, gemeinschaftliche Formen von Nähe und Versorgung. Gleichzeitig werden Intimität, Fürsorge und emotionale Abhängigkeit aus Gemeinschaften in ein privates Paarverhältnis ausgelagert, wodurch Care-Arbeit privatisiert und entpolitisiert wird. Gegenseitige Sorge, emotionale Unterstützung, sowie die Pflege von Kindern, Kranken oder Älteren gelten als individuelle Verantwortung innerhalb der Familie und nicht als kollektive Aufgabe. Der Staat kann sich so aus der Verantwortung ziehen, während insbesondere Frauen und marginalisierte Personen diese Arbeit unbezahlt oder prekär leisten.
“Regulating Intimacy?” – Wie der Staat Intimität reguliert
Rosa macht deutlich, dass die Priorisierung der monogamen Zweierbeziehung nicht nur kulturell, sondern auch staatlich abgesichert wird. Ehe und Familie gelten bis heute als „Grundpfeiler der Gesellschaft“ und werden rechtlich, finanziell und sozial privilegiert. Nicht nur Eigentum und Erbschaft, sondern auch Steuer- und Sozialpolitik, Aufenthalts- und Familiennachzug oder Wohnraumvergabe sind häufig an Paar- und Familienmodelle geknüpft. Zum Beispiel werden Sozialleistungen oft nicht individuell, sondern auf Haushalts- oder Paarebene berechnet.
Damit wird vorausgesetzt, dass Partner*innen füreinander sorgen können und sollen, emotional wie materiell. Wie Rosa zeigt, entlastet diese Logik den Staat. Wer nicht in einer anerkannten Paarbeziehung lebt, erhält oft weniger Unterstützung oder wird faktisch gezwungen, sich auf intime Abhängigkeiten einzulassen. Selbst dann, wenn diese unsicher oder gewaltvoll sind. Romantische, monogame Intimität wird zur sozialen Voraussetzung. Die Zweierbeziehung fungiert als inoffizielles Sicherheitsnetz. Derweil bleiben andere Formen von Nähe, Freundschaft oder Gemeinschaft unsichtbar, obwohl sie oft ebenso tragfähig sind.

Die Kolonialgeschichte der Familie
Rosa macht zudem deutlich, dass die monogame Zweierbeziehung und die nukleare Familie keine universellen oder natürlichen Formen des Zusammenlebens sind. Im Zuge des Kolonialismus wurden sehr vielfältige indigene Beziehungs-, Verwandtschafts- und Gemeinschaftsformen systematisch zerstört. Europäische Kolonialmächte setzten Ehe, Monogamie und binäre Geschlechterrollen gewaltsam durch, da diese Formen besser mit Eigentum, Landaufteilung und staatlicher Kontrolle vereinbar waren. Außerdem war die Regulierung von Ehe und Intimität historisch eng mit dem Aufbau von Nationen verknüpft. Hier bezieht sich Rosa auf Gesetze, vor allem in den Vereinigten Staaten, die weiße Familien privilegierten, Schwarze oder interrassische Beziehungen kriminalisierten oder zuvor ausgeschlossene Gruppen nur über staatlich sanktionierte Beziehungsformen anerkannten.
Diese kolonialen Normen wirken bis heute fort. Vorstellungen von “richtiger” Liebe und Familie dienen weiterhin dazu, Zugehörigkeit zu regulieren. Rosa verweist hier unter anderem auf das Heranziehen romantischer Paarbeziehungen als Beweis von Integration oder Moral, und der gleichzeitigen Abwertung oder sogar Pathologisierung anderer Formen von Intimität.
Was bedeutet „Radikale Intimität“ für den Valentinstag?
Plötzlich erscheint der Valentinstag nicht mehr nur als kommerzielles Ereignis, sondern als Ritual, das eine bestimmte Beziehungsordnung feiert und reproduziert. Er bestätigt die Idee, dass wahre Intimität exklusiv, privat und paarförmig sein muss. Dabei verschleiert er, dass diese Ordnung historisch gewachsen, politisch gewollt und ökonomisch nützlich ist. Andere Formen von Nähe bleiben unsichtbar, obwohl sie unser Leben oft ebenso, wenn nicht sogar stärker tragen.
An alle, die sich trotz allem schon auf den Valentinstag gefreut haben: keine Sorge! Radikale Intimität bedeutet nicht, romantische Beziehungen abzuwerten oder den vierzehnten Februar zu „canceln“. Sie fordert vielmehr dazu auf, die Hierarchien zwischen Beziehungsformen zu hinterfragen.
„Wenn Heterosexualität und Monogamie immer schon als gegeben und als optimal angesehen werden, kann es schwierig sein, Dinge anders zu machen oder sich überhaupt vorzustellen, wie sie anders sein könnten, oder zuzugeben, dass wir uns vielleicht wünschen, dass sie anders wären.“ (Sophie K. Rosa, Radical Intimacy, S. 44, eigene Übersetzung)
Vielleicht reicht es also schon, den Tag ein bisschen zu sabotieren. Statt ihn ausschließlich der romantischen Zweierbeziehung zu überlassen, könnten wir ihn nutzen, um über Abhängigkeiten, Fürsorge und Verbundenheit nachzudenken. Über Freund*innenschaften, Wahlfamilien, kollektive Sorge und über all die Menschen, die uns im Alltag auffangen, ohne je Blumen oder Kerzen zu bekommen.
Radikale Intimität lädt dabei auch dazu ein, die eigenen Wünsche, Ängste und Erwartungen an romantische Beziehungen zu hinterfragen. Was erhoffe ich mir von romantischer Liebe? Welche Vorstellungen habe ich übernommen, ohne sie je bewusst zu wählen? Und woher kommen diese Bilder eigentlich? Eine solche Reflexion kann neue Räume öffnen, für Intimität, die weniger von Normen, Leistungsdruck und Exklusivität geprägt ist, und näher an dem liegt, was wir tatsächlich brauchen. Vielleicht sollten wir diesen Valentinstag genau damit beginnen – mit oder ohne Blumenstrauß.
Sophie Wichert



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