Die laufende WM explizit die „Männer-WM“ nennen, in Gesprächen grundsätzlich von einer Chefin ausgehen und den entgegenkommenden Männern einfach mal nicht zuerst ausweichen. All das lässt sich unter dem Begriff „Mikrofeminismus“ einordnen. Solche Acts of Microfeminism gehen immer mal wieder auf Social Media viral und finden auf TikTok, Reddit und Co. viel Anklang.
Auch das Buch „The Daily Feminist“ von Evelyn Höllrigl Tschaikner beschäftigt sich mit dem Thema des Mikrofeminismus. Es bietet seinen Leser*innen weitreichende Handlungs- und Denkanstöße, die in 199 konkreten Handlungstipps eine Vielfalt an Themenfeldern abdecken. Dabei sind diese vermeintlichen Kleinigkeiten gar nicht so klein, wie man auf den ersten Blick vermuten mag.

Warum nicht auch einfach mal mikro?
Evelyn Höllrigl Tschaikner sieht Mikrofeminismus als Anstoß für alle, die mehr tun wollen, aber wenig Zeit haben oder nicht wissen, wo sie anfangen sollen. Dabei sollen die Leser*innen die Wirkung von diesen vermeintlichen „Kleinigkeiten“ nicht unterschätzen. So meint das „mikro“ in Mikrofeminismus schließlich nicht weniger Feminismus, sondern bietet einfach eine andere Perspektive darauf. Gleichzeitig stellt die Autorin berechtigterweise die Frage, ob es nicht auch ein Echo patriarchaler Denkweisen sei, wenn wir davon ausgehen, etwas müsse laut und groß sein, um überhaupt Wirkung zu entfalten.
The Daily Feminist Handlungstipps
Die Handlungsempfehlungen sind in große Überkategorien eingeordnet, die ein breites Spektrum abdecken. Themen sind beispielsweise Raum einnehmen, Sprache, Sichtbarkeit, Medizin, Geld, Kindererziehung, Sex, Beziehungen und vieles mehr.
Die Handlungstipps sind dabei nicht einfach stichpunktartig in einer Liste runtegerattert, sondern sinnvoll in Text und Kontext eingebunden. Dabei finden sich in den Kapiteln Unterüberschriften, welche die neuen Punkte mit einem „Mikrofeminismus ist…“ einführen. Das Schema sieht also etwa wie folgt aus: Aus folgenden Problemen, Denkweisen und Strukturen ergeben sich folgende Handlungstipps. Die Geschichte zeigt, dass sich Folgendes bewehrt hat, also sollten wir folgendermaßen Handeln.
Durch diese Herangehensweise werden ihre Punkte auf vielfältige Art und Weise präsentiert. Das hat den Vorteil, dass der Text wirklich unterhaltsam ist und gleichzeitig wichtige Denkanstöße, Zusammenhänge und Wissen vermittelt. Das alles macht die Autorin in leicht verständlicher Sprache, mit Humor und mit vielen hilfreichen Begriffserklärungen.
Ein paar Beispiele aus The Daily Feminist
Die Handlungsempfehlungen kommen fast schon mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden daher. Teilweise sind sie direkte, kleine Veränderungen in der Sprache oder im Verhalten. Teilweise sind es die eigenen inneren Einstellungen, die überprüft und umprogrammiert werden müssen. Und zum großen Teil eine Mischung aus allem.
So geht es in einem Tipp ganz konkret und simpel darum, Männerfußball zu sagen, solange noch von Frauenfußball die Rede ist. Natürlich stellvertretend auch auf alle weiteren Sportarten bezogen. Diese sprachliche Trennung suggeriere schließlich, dass der männlich dominierte Sport die Norm ist und Frauen nur eine Sonderkategorie bilden würden.
An anderer Stelle wird thematisiert, dass FLINTA-Personen sich häufig nicht sicher genug fühlen, um Raum einzunehmen. Sei es nun bewusst oder unbewusst, aufgrund von Sozialisierung oder Unbehagen. Dieses ganze Problem führt die Autorin auch direkt zu ihrem nächsten Punkt: Anzuerkennen, dass der öffentliche Raum für FLINTA-Personen noch immer keine Selbstverständlichkeit ist. Auch geht es darum, „Nein“ zu sagen, obwohl ein Nein von Frauen oft als erklärungsbedürftig oder „unweiblich“ gilt. Es geht darum, nicht „nur“ von Teilzeit zu reden, es geht um den Gender Health Gap, um Intersektionalität oder auch um den Bechdel-Test. Es geht um so viele verschiedene thematische Sphären, die sich gleichzeitig auch überschneiden können.
Ein paar letzte Worte
Mikro als Präfix ist also erstmal irreführend. Wie die Autorin selbst sagt, bedeutet Mikrofeminismus nicht weniger Feminismus und das macht das Buch deutlich. Hier wird in verschiedene wichtige Themenkomplexe eingetaucht, Kontext und Hintergrund gegeben und sogar ein, über den Verlauf des Buches mitwachsendes, Dictionary eingeführt.
Somit bietet The Daily Feminist einen guten Einstieg in eine Bandbreite feministischer Themenfelder. Aber auch für Menschen, die vielleicht schon etwas tiefer in der Materie sind, finden sich spannende Anregungen, Feminismus in den Alltag zu integrieren. Dabei geht es vor allem um die Momente, die man gar nicht so auf dem Schirm hat. Die Momente — wie es Evelyn Höllrigl Tschaikner ausdrücken würde — in denen uns das patriarchale Gefüge zu stark vernebelt hat. Somit will ich auch mit ihren Worten enden:
„Ziel ist es, den Nebel dort sichtbar zu machen, wo er so sehr zum Alltag gehört, dass er kaum noch auffällt.“
Maxi Burfeindt



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