Schaffermahl mit Gender-Gaga

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Die Wellen der Entrüstung über den Ausschluss von Frauen von der Bremer Eiswettfeier sind noch nicht verebbt, da naht schon die nächste festliche Mahlzeit, die Frauen jahrhundertelang wohl kochen und servieren, aber nicht mit den Herren zusammen verspeisen durften: das Schaffermahl. Seit 1545 gibt es dieses Event und seit nunmehr 4 Jahren ist dort die Neuzeit angebrochen und Frauen werden zugelassen. Alles in Ordnung also?

Mitnichten. Hier gibt es nachzubessern, auch wenn die Herren Schaffer den Eiswettgenossen etwas voraus sind. Während der Eiswettpräsident sich jüngst den antifeministischen Kampfbegriff der AfD zu eigen machte und tönte, er werde so ein Gender-Gaga nicht mitmachen, lassen die Schaffer Frauen nunmehr zu. Allerdings hatte es dafür jahrelanger Proteste bedurft. Diese kulminierten 2013 darin, dass die hungrigen Herren im Frack (den die Kleiderordnung vorschreibt) den Eingang zum Rathaus, wo das Essen auf sie wartete, nur durch ein Spalier von ebenfalls festlich befrackten Damen erreichen konnten. Diese wollten wissen, warum ihnen trotz vorschriftsmäßiger Kleidung der Eingang verwehrt wurde. Was die Herren nicht zur Zufriedenheit der Damen beantworten konnten.

Frauen an den Katzentisch

Aushang Sitzordnung Schaffermahl 2015

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Inzwischen dürfen Frauen nun aber doch teilnehmen – das hat der Protest erreicht. Wo liegt denn nun das Problem? Das Problem liegt wie so häufig im Detail. Wie immer müssen wir uns die Geschäftsbedingungen genau durchlesen. Und die besagen: eingeladen werden kaufmännische Schaffer, Kapitäne und Gäste. Kapitäninnen gibt es einige wenige, die sind also zugelassen, halleluja. Und Schafferinnen? Noch nie wurde eine Frau als Schafferin vorgeschlagen! Ja, aber die Gäste?! Nun, weibliche Gäste gab und gibt es, aber die dürfen im Leben nur ein einziges Mal kommen! Und außerdem: die Frauen werden laut Weserkurier „ausschließlich am Vorstandstisch platziert“, und da ist ja nicht soooo viel Platz. Warum am Vorstandstisch? Ist das neuerdings der Katzentisch? Oder sind Frauen so gefährdet durch die anderen Herren, dass der Vorstand sie beschützen muss? Oder sind sie so gefährlich für die anderen Herren, dass der Vorstand sie unter Kontrolle halten muss? Dieses Jahr soll es gerade mal drei Gästinnen geben. In Worten: drei! Warum drei? Weil: „Dreimal ist Bremer Recht“??? Oder: mehr sind nicht verkraftbar???

Vom Schaffermahl zum Wiener Opernball

Frauen auf dem Schaffermahl

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Trotzdem gibt es in diesem Jahr gibt eine neue Entwicklung, die wohl noch Folgen haben wird. So hoffen wir jedenfalls. Erstmals in der Geschichte wurde eine Frau zur Präses der Handelskammer in Bremen gewählt: Janina Marahrens-Hashagen. (Und ja, der weibliche Artikel für Präses existiert laut Duden tatsächlich, wenn’s auch ungewohnt ist! Das ist kein Gender-Gaga dieser Autorin!) Nun sollte frau doch vermuten, dass Frau Marahrens-Hashagen in ihrer neuen Funktion zur Schafferin wie berufen ist. Wer, wenn nicht die Präses der Handelskammer? Nur: die Wahl fand ja gerade erst statt – und die Schaffer sind alle schon längst berufen worden. Also bittet man sie erst mal als Gast zum diesjährigen Schaffermahl. Was aber ist im nächsten Jahr? Gäste können ja, siehe oben, nur einmal teilnehmen… Da haben die Herren nun ein Problem, denn die Frau wird ja auch noch im nächsten Jahr Präses der Handelskammer sein…

Der Änderungswille scheint jedoch bisher noch begrenzt zu sein. So äußerte der Vorsteher des Hauses Seefahrt, Matthias Claussen, laut Weserkurier Bedenken für schnelle Veränderungen: „Wir sind nicht der Wiener Opernball!“ (was immer das heißen soll). Nee, sind wir ganz offensichtlich nicht – der geht nämlich nicht ohne Frauen! Vielleicht sollte man sich in Bremen also ein Beispiel am Wiener Opernball nehmen.

Irene

  6 comments for “Schaffermahl mit Gender-Gaga

  1. Ricarda
    29. Januar 2019 at 11:54

    Liebe Irene,
    Deine Analyse ist wieder einsame klasse! 🙂 🙂 🙂

  2. Janni
    29. Januar 2019 at 12:54

    Irene, du schreibst so toll!
    Janina

  3. Ulrike Hauffe
    2. Februar 2019 at 13:58

    Ja, es ist komplett richtig beschrieben: Das bisherige (kleine) Öffnen der Schaffermahlzeit für Frauen ist nur ein begrenzter Schritt. Wir bleiben alle dran, bitte!

  4. Bernd Kaltenbach
    6. Februar 2019 at 13:37

    Ich weiß nicht warum sich alle Frauen darüber aufregen? Es ist doch ganz einfach als Frau ganz offiziell und langjährig zum Schaffermahl geladen zu werden – als Kapitänin! Frau Barbara Massing hat hat so 14 Jahre lang diesem Treffen beigewohnt.

  5. redaktion
    7. Februar 2019 at 11:53

    @ Herrn Kaltenbach

    Warum sich Frauen aufregen steht doch ganz klar im Artikel. Übrigens: gerade gestern wurde von der Generalversammlung des Hauses Seefahrt beschlossen, es bei der bisherigen Praxis zu belassen und keine Frauen als Schafferinnen zuzulassen! Und darüber sollen wir uns nicht aufregen?!

  6. Imke
    7. Februar 2019 at 23:07

    Die Frau Präses darf solange am Schaffermahl teilnehmen, solange sie Präses ist, weil der/die Präses grundsätzlich teilnimmt.

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