Schieflage

Eine fiktive Erzählung über familiäre Schieflagen

Nichts ist gerade in und an mir. Seltsam schräg kam ich schon aus dem Geburtskanal meiner Mutter. Ihr Kanal gerade. Ich krumm. So begann mein Leben.

Ich schief und krumm in der sorgsam geordneten Welt meiner Kindheit. Alles um mich herum hatte seinen Platz, seine Linien und Formen. Das ebenmäßige Gesicht meiner Mutter, die Krawatte meines Vaters über seinem faltenfreien Hemd. Die Schrift meiner Klassenlehrerin, ja sogar die meiner Freund*innen waren haargenau perfekt geschwungen. Nur meine war schief und krumm. Sosehr ich mich bemühte, es funktionierte nicht. Mein Kopf schwang wunderbare akkurate Linien. Meine Hand und meine Finger gehorchten nicht. Buchstaben in Krakelschrift waren das Ergebnis. Ich fühlte mich wie eine Aussätzige zwischen all den schön geformten Buchstaben. Zuhause räumte mir meine Mutter alles hinterher. Sie beseitigte meine Unordnung. In meinem Zimmer sorgte sie dafür, dass ich noch mit 16 Jahren keine Ordnung herstellen konnte. Alles legte, stellte ich ab, wo ich stand, aß, schlief, mich bewegte. In mir gab es nur eines, Chaos. Und ich merkte es noch nicht einmal, weil meine Mutter ständig dafür sorgte, dass es wieder verschwand. Für mich war es das Normalste, nicht in diese Welt hinein zu passen. Egal, wie ich mich drehte, wendete, mich duckte, verbog, ich passte nicht hinein.

Schwarz-weiß Fotografie einer Frau von hinten, die sich in Schieflage gegen einen Türrahmen lehnt.

(c) die Brecht

Risse in meinem Umfeld bemerkte ich erst, als ich Mitte Zwanzig war, und ich begriff zögerlich, das nicht nur mein Leben in Schieflage war. Nur waren meine Bekannten, meine Verwandten, und insbesondere meine Familie damit beschäftigt, diese zu bekämpfen, zu bedecken oder gar zu vernichten. Meine Mutter ist Meisterin darin. Sie putzt. Bis heute.

Als sie durch einen blöden Zufall erfuhr, dass mein Vater sie über Monate betrog, schrie sie nicht, sie machte ihm auch keinen Vorwurf, sie weinte nicht, sie verzweifelte nicht. Sie brachte unsere 140 Quadratmeter Wohnfläche auf Hochglanz. Sie polierte jeden Gegenstand. Sie wischte jedes Staubkorn weg. Ganze fünf Tage lang. Ich war noch zu klein, als dass ich damals wusste, was passiert war. Aber diese Tage erinnere ich nur zu gut. Fünf Tage, in denen meine Mutter die gleiche Kleidung trug, ein weißes T-Shirt, graue Jogginghose und knallpinke Gummihandschuhe. Sie trug keine Schminke auf, sie wusch sich nicht, sie aß nicht, geschweige denn, dass sie schlief. Sie reinigte alles. Jeden Winkel, jedes Fach, jede Unreinheit. Nach fünf Tagen waren ihre Augen müde, ihr Haaransatz fettig, und ich roch zum ersten Mal ihren Schweiß. Ich habe ihn noch nie gerochen. Vorher. Und auch danach nie wieder. Aber er brannte sich in meine Nase ein – der süßlich bittere Schweißgeruch meiner Mutter. Am sechsten Tag weckte sie mich, gestriegelt, gekämmt, geglättet und poliert in einer gelben Bluse, dazu eine schwarze Samthose und hellbraune Sandaletten. Perfekte Frisur, dezentes Make-Up. Wie eh und je. Nichts. Nicht war passiert. Schieflage gelöscht.

Schwarz-weiß Fotografie einer Frau von hinten, die sich in Schieflage gegen einen Türrahmen lehnt.

(c) die Brecht

Was blieb. Ich konnte nichts mehr anfassen, nichts berühren in unserem Haus. Ich bewegte mich auf Zehenspitzen. Und hatte permanent Angst, mit nur einer falschen Bewegung das Ungleichgewicht wiederherzustellen. Meine Mutter löschte nicht sich aus, nicht meinen Vater, nicht seine Geliebte, sondern ihr Fleisch und Blut. Mich. Ich konnte nicht mehr atmen. Es gab keine gute und keine schlechte Luft mehr. Keine Bakterien. Keine Keime. Es gab nur noch die Hülle meines Körpers. Mein Vater war all die Tage fort. Erst am Abend des sechsten Tages kam er wieder. Er umarmte erst mich, küsste mich dabei auf die Stirn, und schenkte mir einen kleinen hellbraunen Teddy mit großen Knopfaugen. Dann ging er zu meiner Mutter, umarmte sie, und gab ihr einen Kuss auf den Mund. Seine Schieflage war wieder in Ordnung gebracht.
Ich verstand nichts, und es dauerte lange, bis ich wieder atmen konnte, das Herzrasen aufhörte, und die Alpträume verschwanden, und ich ohne Schrecken einschlief und wieder aufwachte.
Den Teddy ertränkte ich beim Spielen. Ich drückte ihn extrafest unter Wasser und überließ ihm dem Tümpel. Dabei empfand ich eine Mordslust, für die ich mich am Abend schämte. Doch zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass ich mit meinen Händen Ordnung hergestellt hatte.

geschrieben von der Brecht

  2 comments for “Schieflage

  1. Fränzy
    28. November 2019 at 9:03

    Wie immer wunderschön geschrieben! Danke dir!

    • redaktion
      28. November 2019 at 18:24

      Danke liebe Fränzy! Das freut mich sehr!

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