Schöne Scheiße – Eine Abrechnung mit dem Schönsein

Nahaufnahme von Haut. In der rechten Bildecke sieht man ein Stück schwarzen Stoff schön

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Schön. Ein Wort, das alles und nichts bedeuten kann. Manchmal streift es die Oberfläche, manchmal trägt es eine tiefe Bedeutung mit sich, manchmal ist es ein riesiges Kompliment und häufig wabert es im Universum menschlicher Empfindsamkeiten und versucht seine Wertigkeit klar zu machen – Bist du schön, dann bist du gut. Ganz antikapitalistisch versteht sich, und ganz im Sinne der Gleichberechtigung. Frauen müssen schön sein, Männer auch. Aber Frauen noch viel schöner. Das ist eine Tatsache. Damit werden Frauen groß. Lebenslang, direkt und indirekt belastet durch den Anspruch schön zu sein. Dahinter steckt unter anderem eine Modeindustrie, eine Kosmetikindustrie, aber vor allem eine patriarchale Gesellschaft und ihre Strukturen. Ein erfolgreicher Mann hat eine schöne Frau. Eine schöne Frau darf erfolgreich sein, so lange sie den noch größeren Erfolg des Mannes nicht gefährdet. Sie weiß demnach, wann sie ihren Mund zu halten hat. Eine schöne Frau darf natürlich auch dumm sein. Einer schönen Frau liegt die Welt zu Füßen, so lange sie sich an ihre Spielregeln hält. Einem schönen Mädchen laufen die Jungs hinterher. Es wird nie einsam werden und immer einen Ernährer an ihrer Seite wissen. Klingt wie von vorgestern? Genauer hinschauen lohnt sich, denn es geht sogar noch ein paar Stufen weiter.

Normschönheit als Privileg

Wer als Frau schön ist, darf im besten Falle einer höheren Gesellschaftsschicht angehören. Vorausgesetzt frau entspricht den geltenden Schönheitsidealen. Wobei weiße Haut und blondes Haar sie global schneller in den Olymp der superschönen Privilegien aufsteigen lassen. Tja, die weißen Männer an den Schalthebeln der Welt, wollen doch lieber unter ihresgleichen bleiben. Und blond stirbt bald aus, davor warnen angebliche Expert*innen. Also ist es besonders en vogue.

Nahaufname von Haut mit Dehnungsstreifen schön

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Bist du also blond, hast du ein paar Sommersprossen, Size Zero, einen großen Hintern, dicke Lippen reine Haut und bist ziemlich jung? Deine Chance ist ziemlich hoch, im Olymp der superschönen Privilegien zu landen.
Bist du aber dick, pickelig, Schwarz, schmallippig und hast krauses Haar, kleine Augen und dir fehlt ein Bein? Deine Chancen sind gleich Zero, dass du Wertigkeit erfährst. Ums auf den Punkt zu bringen: Deine Wertigkeit findet nicht statt, denn du bist nicht schön.

SCHÖN neu definieren oder aus dem eigenen Wortschatz streichen

„Schönheit liegt im Auge des Betrachters“ oder „Wahre Schönheit kommt von Innen“ könnte man versuchen, dem jetzt entgegen zu setzen, die Yogamatte ausrollen, sich ins Nirvana meditieren, und einfach nicht von dieser Welt sein. Da wo Schönheit keine Rolle spielt, wo Frau ist, was sie sein will, sie nicht über ihre Geschlechtsmerkmale definiert wird und nicht durch ihre Äußerlichkeiten oder ihre Körperform sexualisiert wird.
Und dann? Ziel erreicht? In der Gleichberechtigung angekommen? SCHÖN wär’s… Wenn oberflächliche Schönheit weniger Bedeutsamkeit erfahren würde, wir Diversität und Anderssein endlich als schön begreifen würden. Und wir den Begriff „schön“ neu denken, damit sich jede*r schön fühlen darf, aber nicht muss. Optional könnte man an dieser Stelle auch den Ratschlag von klugen Menschen wie mir, also der Autorin, folgen, und das Wort SCHÖN endgültig aus dem eigenen Wortschatz streichen. Will man nun seinem Gegenüber ein richtiges Kompliment machen, kann man wieder erfinderisch sein. Anstelle von „Du siehst echt schön in dem Kleid aus“ heißt es jetzt „Du siehst wirklich grandios aus in deiner abgewetzten Jogginghose, mit deinen fabelhaften Augenringen, deinen bezaubernden Speckrollen und deiner reizenden Zahnlücke.“

Fotografie, die den Ausschnitt eines Körpers in Nahaufnahme zeigt. Auf der Haut sind Dehnungsstreifen. schön

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Sich gegen das Diktat einer Schönheitsindustrie auflehnen, ist vermutlich weitaus mehr und schwer – aber machbar, und auch im Kleinen mehr als lohnenswert. Also lasst uns gemeinsam mutig sein, und neue Wege gehen, fernab von vorgefertigten Mustern und Schablonen, in die selbst die angeblich Schönste nicht immer hineinpassen wird. Pech gehabt, könnte man meinen. Glück gehabt, würde ich sagen.

Die Brecht

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