Am 31. März ist der Transgender* Day of Visibility (TDOV), der Tag der trans* Sichtbarkeit. In Bremen, einer Stadt, die sich gerne mit Weltoffenheit und Toleranz schmückt, flattern an diesem Tag mancherorts die hellblau-rosa-weißen Flaggen im Wind. Doch dieser Tag ist weit mehr als nur ein buntes Symbol im Stadtbild. Er ist ein radikaler Akt der Selbstbehauptung, ein Fest des Lebens und ein lauter Aufruf zur Solidarität an uns alle.

Die Geschichte: Das Leben feiern
Um den TDOV wirklich zu verstehen, müssen wir einen Blick auf seine Entstehung werfen. Ins Leben gerufen wurde der Aktionstag im Jahr 2009 von der US-amerikanischen trans* Aktivistin Rachel Crandall-Crocker. Ihr Antrieb war eine schmerzhafte Lücke in der Erinnerungskultur: Der bis dahin einzige weltweit begangene Tag für trans* Personen war der Transgender Day of Remembrance im November, ein Tag an dem der ermordeten trans* Menschen gedacht wird.
Crandall-Crocker wollte dem Tod das Leben entgegensetzen. Der TDOV sollte ein Tag sein, der nicht die Trauer, sondern die Existenz, die Vielfalt, den Mut und die schiere Lebensfreude von trans* Personen in den Mittelpunkt stellt. Es geht darum, Erfolge zu feiern und trans* Vorbildern eine Bühne zu geben.
Die Kehrseite der Sichtbarkeit: Gewalt und Diskriminierung
So wichtig das Zelebrieren der eigenen Identität ist, so ehrlich müssen wir auch über die Realität sprechen: Sichtbarkeit ist ein Privileg und oft eine Gefahr. Wer sichtbar als trans* Person durch die Welt geht, macht sich angreifbar. Die Zahlen der polizeilich erfassten queerfeindlichen Hasskriminalität in Deutschland steigen seit Jahren erschreckend an. Die Dunkelziffer liegt weit höher. Auch Bremen ist keine Ausnahmeinsel. Zwar pulsiert im Viertel das queere Leben und das Rat&Tat-Zentrum leistet seit Jahrzehnten unschätzbare Arbeit, doch die Realität sieht oft anders aus: Beleidigungen in der Straßenbahn, abfällige Blicke beim Einkaufen, verbale oder sogar körperliche Angriffe beim abendlichen Ausgehen.
Für viele trans* Personen bedeutet der tägliche Weg durch unsere Städte noch immer ein ständiges Abwägen von Sicherheit. Gerade trans* Frauen, die zudem oft von Misogynie und ggf. von Rassismus betroffen sind, erleben intersektionale Gewalt in drastischem Ausmaß.
Was Allies tun können: Die persönliche Ebene
Ein Tag der Sichtbarkeit richtet sich nicht nur an die Community selbst, sondern fordert auch uns als cisgeschlechtliche Allies heraus. Solidarität beginnt im Kleinen, in unseren direkten Beziehungen. Wenn du trans* Personen in deinem Freundeskreis, der Familie oder am Arbeitsplatz hast, kannst du den TDOV nutzen, um echte Verbundenheit zu zeigen:
Anerkennung zeigen: Eine einfache Nachricht bewirkt oft Wunder. Ein ehrliches „Ich bin froh, dass du so bist, wie du bist“ zeigt, dass du an ihrer Seite stehst und sie so akzeptierst wie sie sind.
Zuhören und Raum geben: Sichtbarkeit kann unheimlich anstrengend sein. Manche trans* Personen möchten am TDOV feiern, andere fühlen sich vielleicht verletzlich oder sind erschöpft von der ständigen Aufklärungsarbeit. Frag nach, wie es ihnen geht, und höre einfach zu ohne Ratschläge zu erteilen oder die Unterhaltung auf deine eigenen Gefühle zu lenken oder feiere mit ihnen offen und sichtbar. Aktionismus passiert nicht immer laut auf den Straßen, sondern oft auch auf kleineren Ebenen zwischen zwei Personen die sich solidarisieren.
Die Aufklärungsarbeit abnehmen: Nutze den Tag, um dich weiterzubilden, damit deine trans* Freund*innen das nicht tun müssen. Nimm dir ein Buch zur Hand, lies Artikel von trans* Autor*innen oder hör dir queere Podcasts an. Je mehr du weißt, desto weniger musst du im Alltag nachfragen und umso mehr kannst du dann Verständnis für schwierigere Situationen zeigen und dein Wissen auch mit anderen Teilen, die nicht Teil der trans* Community sind und sie sensibilisieren.
Finanzielle Solidarität (Mutual Aid): Viele trans* Personen tragen hohe Kosten für gesundheitliche Maßnahmen, die von den Krankenkassen oft nicht oder nur nach kräftezehrenden Kämpfen übernommen werden. Wenn du die Mittel dafür hast, spende an lokale queere Organisationen oder unterstütze direkte Crowdfunding-Kampagnen von trans* Personen. Lokal für Bremen gibt es den Verein Trans*Recht e.V.
Zivilcourage: Wenn es im Alltag hart auf hart kommt
Wahre Solidarität zeigt sich aber auch im öffentlichen Raum besonders dann, wenn es ungemütlich wird. Zivilcourage ist hier das absolute Schlüsselwort. Wenn du in Bremen unterwegs bist und Zeug*in von Diskriminierung oder Belästigung wirst, werde aktiv:
Fokus auf die betroffene Person: Konfrontiere nicht zwingend sofort die angreifende Person (das kann die Situation eskalieren). Sprich stattdessen die betroffene Person an. Stell dich neben sie und frag: „Alles in Ordnung? Soll ich bei dir bleiben? Sollen wir zusammen aussteigen?“ Das signalisiert: Du bist nicht allein. Und es zeigt der angreifenden Person: Ihr Verhalten wird gesehen.
Ablenkung schaffen: Manchmal hilft es, die bedrohliche Situation durch Alltägliches zu durchbrechen. Frag die betroffene Person nach dem Weg oder tu so, als würdest du sie kennen („Mensch, hallo, ewig nicht gesehen!“). Das entzieht der übergriffigen Person die Bühne
Umfeld mit einbinden: Ein einfaches „Hilfe“ verpufft meistens. Beziehe das Umfeld direkt mit ein und benenne die Personen konkret. Ein einfaches „Sie in der roten Jacke, können Sie kurz helfen?“ hilft dabei, den Zuschauereffekt aufzubrechen.
Dokumentieren, aber sicher: Wenn du nicht direkt einschreiten kannst, mach dir Notizen (Aussehen der Täter*innen, Uhrzeit, Ort) und biete der betroffenen Person im Nachgang an, als Zeug*in für eine Anzeige zur Verfügung zu stehen. Wenn du diskret Fotos oder ein Video machen kannst, dann ist das auch eine Option. Aber pass gut auf, dass du dich hierbei nicht selbst in Gefahr bringst.
Diese Tipps sind sicherlich ein Anfang und bieten einen ersten kleinen Anhaltspunkt für Zivilcourage. Ich würde dir jedoch empfehlen, dich für einen Selbstverteidigungskurs anzumelden oder weitere Ressourcen diesbezüglich aufzusuchen. Es gibt es viele Mittel und Wege Zivilcourage zu zeigen, selbst wenn man sich nicht ins Getümmel stürzt.
Sichtbar an eurer Seite: Der Trans* Day of Visibility ist eine Erinnerung daran, dass der Kampf um Gleichberechtigung, Sicherheit und Selbstbestimmung noch nicht gewonnen ist. Bremen kann stolz auf seine starke queere Community sein, aber es liegt an uns allen, dafür zu sorgen, dass unsere Stadt ein sicherer Ort für jede trans* Person wird. Nicht nur am 31. März, sondern an jedem Tag im Jahr.
Anlaufstellen und Support in Bremen
Wenn du selbst Unterstützung suchst oder dich informieren möchtest, findest du in Bremen großartige, engagierte Stellen:
Rat&Tat-Zentrum für queeres Leben e.V.: Die zentrale Anlaufstelle in Bremen bietet psychosoziale Beratung, queere Jugendgruppen und regelmäßige Treffen speziell für trans*, inter* und nicht-binäre Menschen an.
Trans*Recht e.V.: Ein unglaublich wichtiger Bremer Verein, der Peer-to-Peer-Beratung zu rechtlichen, medizinischen und sozialen Aspekten der Transition anbietet. Von der Personenstandsänderung bis zum Umgang mit Krankenkassen wird hier geholfen.
Antidiskriminierungsstelle des Landes Bremen (ADA): Hilfe und rechtliche Einordnung bei Diskriminierungserfahrungen, zum Beispiel auf dem Wohnungsmarkt, am Arbeitsplatz oder im öffentlichen Raum.
Schattenriss e.V. & Mädchenhaus Bremen: Auch wenn sie historisch auf cis Frauen und Mädchen ausgerichtet waren, positionieren sich diese wichtigen Bremer Institutionen gegen sexualisierte Gewalt heute explizit offen und solidarisch für trans* Personen.
Marcelo



Marlene meint
gibt’s ’ne Demo zum Trans* day?