Stipendium und Schattenseite – das Gegenteil von gut?

Der Deutsche Akademikerinnen Bund (DAB) in Bremen ist klein. Um so beeindruckender war die Nachricht, dass dieser Verband, bestehend aus fünfundzwanzig Frauen, im März 2019 ein Stipendium ausschrieb. Akademikerinnen wissen, wie der Berufstart war, wie stark Studentinnen durch Zusatzherausforderungen wie Pflegefälle in der Familie oder Kinder belastet werden können. Ein solidarischer Akt, dieses Stipendium, mit bitterem Beigeschmack.

Es endet ja nicht mit dem Studium, jedoch ist die prekäre Situation von Studentinnen mit Kindern besonders stark. Der DAB rund um Vorstand Sabine Kopp-Danzglock und Heike Mühldorfer will also Gutes tun und entwickelt dank Mäzenin Edith Lücke ein Stipendium für ebensolche Frauen in Studien- und Pflege-/Familiensituation. 150 Euro im Monat soll es geben. Gute Sache! Die Ausschreibung ist gemacht, der Zulauf dank Presse, Mailverteilern, Internet sehr gut. 40 Bewerbungen trudeln ein. Ein Fall herzzerreißender als der andere. Es zeigt sich ein Bild von so vielen verschiedenen Notsituationen, die alle hochgradig unterstützenswert sind. Eine Entscheidung kann nur Fortuna treffen: das Los entscheidet unter notarieller Aufsicht.

Glückwunsch an Marina Kaiser

Das Los fiel auf Marina Kaiser, eine Architekturstudentin der Hochschule Bremen. Sie erzieht während ihres Masterstudiengangs zwei Töchter. Als Mutter von zwei Kindern zu studieren und ebenfalls die finanzielle Basis zu sichern, ist eine hohe Belastung. Für sie sind die 150 Euro mehr „ein Tag mehr“ Freiheit. Die finanzielle Unabhängigkeit sei ihr wichtig, so die Stipendiatin. Trotzdem muss sie an die anderen 39 Frauen denken, die ebenfalls in schwierigen Situation von Vereinbarkeit von Studium, Familie, Pflege sind.

„Es zeigt, dass zu viele alleinerziehende oder pflegende Studentinnen durch das allgemeine Förderraster fallen, das auf der Regelstudienzeit oder leistungsbezogene Kriterien fußt. Studierende mit Betreuungspflichten- zum allergrößten Teil junge Frauen, sind aufgrund ihrer Mehrfachbelastung jedoch meist nicht in der Lage, ihre intellektuellen Ressourcen im vollen Umfang auszuschöpfen“. (Sabine Kopp Danzglock, Erste Vorsitzende des DAB Bremen.)

Gut! Wo bleibt der Haken? Das Stipendium soll Studentinnen an Bremer Universitäten und Hochschulen in Sorge- und Pflegeverantwortung unterstützen. Der Zweck ist keineswegs ein konkret umzusetzendes Projekt, sondern die finanzielle Unterstützung von jungen Frauen in der Doppelbelastung. Gerade dies ist der Knackpunkt. BAföG- Empfängerinnen würde dieses Zusatzeinkommen angerechnet werden. Der eigentliche Sinn verpufft. Die Recherchen und Nachfragen des DAB ergaben bislang keine zufrieden stellende Lösung. Daher entschließt sich der Verband, eine Initiative zu starten.

Fünf Frauen präsentieren Stipendium

Heike Mühldorfer, Stipendiatin Marina Kaiser, Andrea Buchelt und Mäzenin Edith Lücke (c)Renate Strümpel

Gesetzesinitiative für Änderungen im BAföG

Der DAB Bremen e.V. hat über den Bundesverband eine Initiative gestartet, die Regeln zum anzurechnenden Einkommen für die Personengruppe der Studierenden mit Betreuungspflichten (Betreuung von Kindern, Pflege) im Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG) zu überprüfen und im Interesse der Betroffenen analog zu §21Abs.3Nr.2 zu ändern: „Ausbildungsbeihilfen und gleichartige Leistungen, die nicht nach diesem Gesetz gewährt werden und nach vom Geber allgemeingültig erlassene Richtlinien ohne weitere Konkretisierung des Verwendungszwecks vergeben werden, gelten für Studierende mit Betreuungspflichten nur als anzurechnendes Einkommen, soweit sie im Berechnungszeitraum einen Gesamtbetrag übersteigen, der einem Monatsdurchschnitt von 300Euro entspricht. “ Zur Begründung wird angebracht, dass diese Regelung in §21 Abs.3.Nr2 nur für begabungs- und leistungsabhängig vergebene Stipendien gilt – jedoch für alle Studierenden.  Aber die besondere Lebenssituation von Studierenden mit Betreuungspflichten erfordert auch Programme beziehungsweise Stipendien, die unabhängig von zusätzlich zu erbringender Leistung funktionieren und eben auch keine finanziellen Nachteile erzeugen. Der DAB möchte mit seiner Initiative diese Benachteiligung aus dem Weg räumen.

Das Gegenteil von gut und gut gemeint! Eine Tragik, die zeigt, wie sehr engagierte Frauen strukturell gegen Windmühlen kämpfen. Wir können nur hoffen, dass sich etwas in der Gesetzgebung ändert und wünschen dem DAB viel Glück!

Renate Strümpel

  2 comments for “Stipendium und Schattenseite – das Gegenteil von gut?

  1. Danke für diesen Artikel, der in vielerlei Hinsicht zeigt, wie wichtig es ist, sich in Vereinen und Verbänden zu organisieren, um nachhaltig an der Änderung von Lebenswirklichkeit zu arbeiten. Danke, Renate Strümpel.

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