„Erst wenn ich weiß, worüber ich spreche, kann ich handeln.“ (Anne Kaupisch)
Darum geht es im StoP-Projekt in Osterholz-Tenever: um Aufklärung und Prävention von Partnergewalt. Darum, Tabus zu brechen und Nachbarschaften zu stärken, Stadtteilen zu helfen, sich selbst zu helfen. StoP (Stadtteile ohne Partnergewalt) wurde 2006 in Hamburg von Sabine Stövesand gegründet, die dafür 2024 mit dem Bundesverdienstorden ausgezeichnet wurde. In Bremen existiert das Projekt seit 2024 im Stadtteil Osterholz-Tenever unter der alleinigen Leitung der Sozialarbeiterin Anne Kaupisch, die ich an ihrem Arbeitsplatz besuchen durfte.

Der Herbstwind pfeift mir um die Ohren, als ich durch die Straßen von Osterholz-Tenever laufe, auf dem Weg ins ALZ, das „Arbeit, Leben, Zukunft Zentrum“ der Trinitatis Gemeinde, welches Räumlichkeiten für StoP bereitstellt. Gemeinsam mit StoP findet dort ein mal im Monat donnerstags das Kreativ-Café statt, wo Menschen basteln können, sich informieren und austauschen. Drinnen begrüßen mich Anne und ihre studentische Praktikantin Ada Broekman, die selbst schon beim StoP-Projekt in Wien gearbeitet hat. Es riecht nach Kaffee und Zimtschnecken, als ich mich zu ihnen an den großen Tisch setze und wir uns über das Projekt unterhalten.
Information und Prävention
Anne erzählt mir vom Kreativ-Café:
„Die Frauen wissen das mittlerweile, wenn sie hier ins Kreativ-Café kommen, dass sie da über alles reden können. Und die sind auch untereinander so vertraut.“

Beim Austausch kann es um verschiedene Themen gehen, keine Person müsse etwas erzählen, wenn sie sich nicht wohlfühle. Wichtig sei: Informationen sind immer zugänglich, sei es im Gespräch mit den anderen, mit Anne, oder nur durch einen Flyer mit der Aufschrift: „Was ist häusliche Gewalt?“. Das sei laut Anne und Ada nämlich gar nicht so klar, wie man zunächst annehmen würde. Die meisten würden physische Gewalt erkennen, doch StoP ist es ein Anliegen, auch auf alle anderen Arten von Gewalt aufmerksam zu machen. So beispielsweise psychische, finanzielle, soziale, strukturelle oder sexualisierte Gewalt.
„Wusste ich gar nicht, ist die häufigste Aussage. Ich dachte, das wäre nur, wenn mich mein Mann aus dem Haus prügelt, so nach dem Motto. Und dann sage ich nein, das ist es nicht. Es geht schon damit los, wenn er anfängt, dich in irgendeiner Weise runterzumachen, zu denunzieren oder dich zu ghosten.“ (Anne)
Ada betont, wie wichtig das Aufklären über Gewaltformen sei, Menschen Begriffe zu geben für das, was sie erleben. Erst dann könne ein Problem erkannt und benannt werden, um sich Hilfe zu holen. Dieses Wissen gebe Kontrolle und Selbstermächtigung, ganz nach der Devise „Wissen ist Macht“. Genau dabei gehe es in der Präventionsarbeit, die ansetzt, bevor etwas passiert, bevor „Pflaster geklebt werden müssen“, wie Anne es nennt. Es sei wichtig, „die Menschen miteinander zu vernetzen und sie selbst zu empowern, ihnen helfen, sich selbst zu helfen.“
Osterholz-Tenever
Für diese Vernetzung, auch Gemeinwesenarbeit genannt, ist Anne viel in Tenever unterwegs. Ich darf sie bei einem Stadtteilspaziergang begleiten. So ist Anne zu Beginn auch vorgegangen: ist an den Hochhauskomplexen, den Grünflächen und Spielplätzen, den Schulen und Kindergärten, den Vereinen und Straßen vorbeigelaufen. Während ihrer Sozialraumerkundung hat sie sich verschiedene Einrichtungen angeschaut, welche Menschen dort hingehen, welche Angebote es gibt, wo man anknüpfen kann.

So kooperiert sie zum Beispiel mit Frauengesundheit Tenever, dem ALZ, der Migrationsberatung oder dem Mütterzentrum und stellte dort zu Beginn das Projekt vor. Auch den Kindergärten ist StoP bereits bekannt. Mit Hilfe von Infotischen, Workshops und Schlüsselpersonen (Menschen, die viele Leute kennen, zum Beispiel eine Pastorin oder ein Kioskbesitzer) oder Multiplikator*innen (Interessierte und engagierte Menschen), soll das Projekt durch Mund-zu-Mund-Propaganda eine möglichst große Anzahl an Leuten erreichen. Als wir durch die Straßen gehen, fällt mir auf, wie viele Angebote es in Tenever bereits gibt und wie engagiert der Stadtteil ist. Deshalb frage ich Anne, warum ausgerechnet Osterholz-Tenever der einzige Standort in Bremen ist, in dem das Projekt aktiv ist.
Sie erzählt mir, dass StoP in Osterholz-Tenever ein Pilotprojekt sei. Nach einem Femizid in der Silvesternacht im Jahr 2018 kam es im Stadtteil zu einem großen Aufschrei: es muss etwas getan werden. Darauf folgte ein Fachtag zum Thema häusliche Gewalt, zu dem auch das StoP-Projekt eingeladen und vorgestellt wurde. Schließlich nahm die Bremer Bürgerschaft 2022 das Projekt im Landesaktionsplan zur Umsetzung der Istanbul-Konvention auf. Dass der Stadtteil mit seinem Protest erfolgreich war, führt Anne auf die gute Vernetzung der Einrichtungen zurück. Ein Projekt wie StoP in Osterholz-Tenever sei kein schlechtes Zeichen, im Gegenteil:
„Es ist nicht da, wo die Gewalt sitzt, sondern da, wo sich die Menschen engagieren möchten.“
Bestenfalls müsse es Projekte wie StoP in allen Stadtteilen geben, wie Ada es aus Wien berichtet, denn Gewalt würde überall vorkommen, egal ob Hochhaussiedlung oder Villenviertel.
Zeug*innen, Zivilcourage und Privatheit
Sicher ist, die meiste Gewalt gegen Frauen passiert in ihrem eigenen Zuhause. Deshalb ist es StoP ein besonderes Anliegen, die Nachbarschaft zu stärken. Dabei geht es ihnen nicht nur um gewaltbetroffene und gewaltausübende Personen, sondern auch insbesondere um Zeug*innen. Die Nachbar*innen seien nämlich meist die ersten, die etwas hören oder mitbekommen. Wichtig ist es dann, dass diese wissen, wie sie in einer solchen Situation handeln sollen.

Das Thema Privatheit spielt dabei eine große Rolle. Ada erklärt es so: einerseits sei es schwierig, aus der eigenen Privatsphäre herauszubrechen und aktiv zu werden, andererseits sei es auch eine Hürde, in die Privatsphäre anderer einzubrechen und zu intervenieren. So beispielsweise, wenn man hört, dass es in der Nachbarwohnung nach häuslicher Gewalt klingt. Dann gibt es praktische Tipps, wie zum Beispiel unten an der Tür zu klingeln und nicht gleich an der Wohnungstür, damit man sich nicht direkt im Geschehen befindet. Doch den Mut aufzubringen, die Klingel zu drücken, jemanden anzusprechen oder jemandem zu helfen, braucht Training.
„Zivilcourage ist reines Üben. Man wird immer selbstbewusster, je öfter man das gemacht hat.“ (Ada)
Genau wie Einzelpersonen und deren Zivilcourage, so muss auch in Gesellschaft und Politik noch deutlicher werden, was auf dem StoP-Flyer gedruckt steht: „Gewalt ist KEINE Privatsache“. Es dürfe Anne zufolge nicht davon ausgegangen werden, dass häusliche Gewalt ein privates Problem sei, denn dann könne man nicht handeln. Dafür muss Partnergewalt als geschlechtsspezifische und strukturelle Gewalt erkannt werden. Um daran zu arbeiten, geht Anne für StoP zu verschiedenen Gremien, Veranstaltungen und Arbeitskreisen im Stadtteil.
„Es ist einfach das patriarchale System, die traditionelle Rolle der Frau und rechte Gruppierungen (…) man merkt eben diese Grundstimmung. Dagegen anzuarbeiten ist nicht nur Aufklärung, sondern auch politische Arbeit.“ (Anne)
Probleme und Potentiale von StoP in Bremen
Während ich mich mit Anne unterhalte und Fragen stelle, schwingt in ihren Antworten eines immer mit: Es wäre so viel mehr möglich. Sie erzählt mir von Ideen für Workshops an Schulen, Fahrradtouren für Frauen in der Nachbarschaft oder mehr aktiven Befragungen auf der Straße, um zu verstehen, was braucht der Stadtteil von ihr? Doch dafür fehlen Geld und Kapazitäten. In den zwei Jahren hat Anne trotzdem sehr viel geleistet:
„Ich denke schon, dass sich jetzt in den zwei Jahren, in denen ich jetzt schon hier bin, sich schon ein anderes Bewusstsein entwickelt hat und dass es jetzt so langsam anfängt, zu laufen. Nach einem guten Jahr konnte man merken, okay, wenn ich irgendwo auftauche und StoP erwähne, kommt ein Ah ja, habe ich schon mal gehört.„
Umso frustrierender ist es für sie, dass bisher nicht eindeutig ist, ob das Projekt Ende des Jahres ausläuft oder weiterhin gefördert werden kann. Im März 2026 wird ein Abschlussbericht die Maßnahmen des Landesaktionsplans bewerten – klar sei bereits, dass vier der Projekte aufgrund fehlender Mittel nicht mehr umgesetzt werden können.
Dabei braucht es Projekte wie StoP so sehr wie nie, in Anbetracht der aktuellen Femizide in Bremen. Ein Beispiel kann sich Bremen an Hamburg nehmen, wo StoP mit einem großen Team in insgesamt acht Stadtteilen vertreten ist. Anne bringt ihre Wünsche auf den Punkt:
„Ich kann nur das geben, was ich habe an Energie, und ich will nicht, dass das einfach so im leeren Raum verpufft, sondern ich möchte gerne, dass es irgendwie weitergeht. Ich möchte, dass es noch mehr Engagement gibt und noch mehr Menschen darauf aufmerksam werden.“
Wer sich gerne in Bremen engagieren möchte, kann sich bei Anne melden. Wer anders aktiv werden oder spenden möchte, kann das hier tun. Noch einmal detailreicher erklärt wird StoP in der StoP-Toolbox.
Lisann Prüss
BREMEN SAGT NEIN (c) Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz




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