Über ‚Nett gemeinten‘ Alltagsrassismus

Strasse mit vielen Menschen im Himmel steht Oh yeah! Oha. Alltagsrassismus Das Seufzen ist das, was ich gestern um 9:40 Uhr auf dem Weg zur Redaktion gehört habe. Zwei fremde Männer schauten mich an und seufzten.

Wie ich reagierte? Ich zeigte Ignoranz und fuhr weiter. Ignoranz, Nichtbeachten ist die beste Vorgehensweise in solchen Fällen. So habe ich es aus bisherigen eigenen Erfahrungen gelernt.

„I love Asian girls. Because you guys are so beautiful.“

Es ist schon drei Jahre her, seit ich von der gegenüberliegenden Seite der Erde hierhergekommen bin. In Südkorea hatte ich einen Job, der mich mit der Zeit einfach nicht mehr ausgefüllt hat. Ich wollte mal an fremden Orten etwas Neues erleben. Ich packte meine Koffer und kam nach Deutschland. Alles in Deutschland war wirklich neu für mich. Wie beispielsweise: Eine neue Sprache, exotische Architektur, verschiedene Menschen und gutes Bier.

Manchmal muss ich aber auch unerwünschte neue Sachen, wie das Seufzen dieser Männer erleben. Auf der Straße bekomme ich ab und zu ein Kompliment über mein Aussehen, das ich nur von meinen Eltern ansonsten bekam. „Hey, du siehst gut aus!“, „I love Asian girls. Because you guys are so beautiful.“ Dabei fühle ich mich sehr schlecht, da ich ‚das Kompliment‘ deutlich als sexistisch beziehungsweise rassistisch ansehe. Außerdem habe ich Angst vor einer unerwünschten Reaktion, wenn ich darauf irgendwie reagieren würde. Niemand weiß, was dann passieren würde. Wenn ein Kompliment eine Person in Angst versetzt, ist das schon kein Kompliment mehr.

Ein ähnliches Gefühl habe ich auch von einer anderen Art von Menschen bekommen.

„Ni Hao“ und dann gehen sie einfach weiter

Straßenzug mit geparkten Fahrrädern, (c) Siegel

(c)Seniorenlotse ; Elfie Siegel

In der heutigen Gesellschaft sind wir alle oft viel beschäftigt. Trotzdem gibt es immer wieder Menschen auf der Straße, die gern ihre wertvolle Zeit mit einem Gruß vergeuden. Sie rufen „Ni hao (hallo auf Chinesisch)“ oder „Konnichiwa (hallo auf Japanisch)“ hinterher. Naja, nicht alle Asiat*innen sprechen Chinesisch oder Japanisch. Was noch komischer ist, dass sie nach dem „Ni hao“ einfach weitergehen, statt weiter mit mir zu sprechen. Trumpfen sie nur mit ihrem Wissen der chinesischen Sprache auf? Sollte ich ihnen dann applaudieren? Leute, die ich bisher getroffen habe und sich wirklich für asiatische Kulturen interessieren, haben mich meistens zuerst gefragt, ob ich Deutsch oder Englisch spreche. Diese Leute sind bei mir immer willkommen.

‚Ching Chang Chong’ und ‚Schlitzauge’ sind kein Thema von diesem Artikel. Es ist schon klar, dass diese Worte rassistisch sind. Aber es ist ein gesellschaftlich umstrittenes Thema, ob ein Kompliment über das Aussehen und ein Gruß auf der Straße wirklich nur ein naives Interesse an fremden Personen sind.

‚Nett gemeinter‘ Alltagsrassismus bleibt Rassismus

Manche Freunde geben mir einen Rat, dass ich die unhöflichen Leute verstehen sollte, da es eine unschuldige Geste war. Dieser Rat macht mich wütend. Das hört sich an, als ob ich ein Kompliment nicht von Rassismus und Sexismus unterscheiden kann. Bis wann soll ich die Leute nur ignorieren? Ist das wirklich das beste Verhalten, um mit diesen Problemen umzugehen? Das habe ich nicht nur in Deutschland, sondern auch während meiner Reise in den USA, Italien, Frankreich und anderen Ländern erlebt. Ja, das ist ein weltweites Thema.

Hey. Seien wir mal ehrlich. Bitte sagt nicht, dass ihr es wirklich nicht wusstet, dass euer naives Kompliment jemandem den Tag ruinieren kann.

Minyoung Song

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  4 comments for “Über ‚Nett gemeinten‘ Alltagsrassismus

  1. 12. Juni 2018 at 11:39

    Ich kenne das zu gut und sehe es wie du „Alltagsrassismus bleibt Rassismus“.

    Aus meiner Sicht kann ich diesem „I love Asian girls. You guys are so beautiful.“ leider nicht viel abgewinnen. Es fängt mit dieser Verallgemeinerung an und führt für mich oft in eine Fetischisierung der asiatischen Herkunft. Warum werde ich gemeinsam mit den anderen „Asian girls“ in einen Topf geworfen?
    Wieso „you guys“ und nicht „you are so beautiful“? Nicht du eine Person wird hier geschmeichelt, sondern eine vermeintliche Idee von der „exotischen asiatischen Frau“.

    Für so etwas bedanke ich mich nicht.

  2. Y. Lee
    12. Juli 2018 at 0:44

    Ich finde es sinnvoll, Rassismus und Sexismus möglichst klar zu trennen. Natürlich sind die beiden in den Fällen von z.B. dem Ruf „hey du bist hübsch, ich liebe euch Asiatinnen“ miteinander verwickelt.

    Dennoch denke ich, dass die beiden prinzipiell abgegrenzt werden können und für effektivere Diskussion abgegrenzt werden sollten.

    In Praxis, in Bezug auf den Artikel, würde ich sagen, dass Ni-Hao-Thematik von Cat-calling-Thematik getrennt behandelt werden sollten.

    Warum?

    „Manche Freunde geben mir einen Rat, dass ich die unhöflichen Leute verstehen sollte, da es eine unschuldige Geste war. Dieser Rat macht mich wütend. Das hört sich an, als ob ich ein Kompliment nicht von Rassismus und Sexismus unterscheiden kann.“

    Hier z.B. tritt das Problem auf, dass es unklar wird, woran das Problem jener Aussage liegt. Die Aussage gehört sehr wahrscheinlich zum Ni-Hao-Thema (Ich kann mir nicht vorstellen, dass deine Freunde offensichtliche Cat-calling-Akte „unschuldige Geste“ genannt hätten. Wenn es doch der Fall war, habe ich mich geirrt), aber du erwähnst es im Kontext von Cat-calling („Kompliment“)-Thema.

    Sorry für lange Gerede.

    Jetzt zu der Frage: „Bis wann soll ich die Leute nur ignorieren?“

    Ich bleibe nur bei Ni-Hao-Thematik. (Das heißt aber natürlich nicht, dass ich Cat-calling okay finde.)

    Kurz und knapp gesagt, ich glaube, für immer.

    Ich glaube, das Verhalten verschwindet nicht, solange Asiaten in Deutschland als eine Minderheit bleiben. Es wird wahrscheinlich geändert, wenn die Hälfte der Bevölkerung aus Asiaten gefüllt wäre.

    Selbst in der Gruppen von ziemlich gut gebildeten Menschen ist es häufig unvermeidbar, dass sie uns (Asiaten) durch unser Aussehen kategorisieren. Es ist einfach ein automatisch durchgeführter kognitiver Vorgang. Man kann nur versuchen, mithilfe ihrer rationalen Fähigkeit diese intuitive, natürliche und automatische Perzeption zu reflektieren und nicht völlig danach zu handeln. Dennoch verbleibt meistens die Kategorisierung. Leider.

    Ich erzähle mal meine (ein bisschen deprimierende) Erfahrungen.

    Erstmal von einem Kommilitonen. Er ist ein netter Mann. Am Semesteranfang konnte ich spüren, dass er rücksichtsvoller Mensch ist und extra für mich gesorgt hat, damit ich nicht ausgeschlossen werde. Er hat mich angesprochen, in subtiler Art und Weise in gemeinsames Trinkspiel hereingezogen usw. Irgendwann habe ich mal ihn um etwas gebeten (eine Lernhilfe oder so etwas) und er sagte scherzhaft, „als Gegenzug musst du dann einen ersten Sonn Bruce nennen! (damit er Bruce Lee, wie den berühmten Schauspieler, heißen würde) Haha!“

    Zweites Beispiel ist mein netter Mitbewohner. Er ist ein belesener Schwul mit hervorragenden Geschichtskenntnissen. Er kritisiert es immer, dass die Menschen in der sogenannten „ersten“ Welt nicht genug über den „Rest“ der Welt gelehrt werden. Er hat das Zimmer mir gemietet, weil er sich die Schwierigkeiten der ausländischen Studierenden vorstellen konnte und deswegen lieber an einem ausländischen Student das Zimmer geben wollte als anderen deutschen Kandidaten. Ein Mensch wie er ist definitiv ein ungewöhnlicher Fall. Dennoch sagt er manchmal so etwas: „Dieses Gemüse wird bei euch Asiaten häufig gegessen.“ Und das Gemüse kenne ich gar nicht. Vielleicht wird es in Indonesien gegessen. Oder „Der König bei Euch, Khan, war damals…“ Khan ist ja die Bezeichnung des Volksführer der alten Mongolen. Nicht bei anderen Asiaten.

    Ich spare weitere Beispiele. Die Botschaft meiner Geschichte ist einfach: Selbst für gut gebildete, warmherzige Leute ist es manchmal einfach unausweichlich, ethnisch andere Menschen nach der Ethnie zu kategorisieren.

    Was hat das mit Ni-Hao-Fall zu tun? Die Leute, die dumm genug sind, auf der Straße zu einem wildfremden Asiaten „Ni hao“ sagen können, sind auch auf diesen grundlegenden kognitiven Vorgang. Dieser Vorgang ist einfach nicht zu beseitigen. Wenn man intelligent genug ist, über die eigenen Verhalten zu reflektieren, kann man schaffen, wenigstens solche Dummheiten nicht zu begehen.

    Aber es gelingt nicht, die Intelligenz von allen Menschen auf einmal zu erhöhen.

    Du könntest hier vielleicht einen Einwand erheben: Auch dumme Leute machen so etwas zu einem Mensch aus mittlerem Osten oder einem Russen nicht machen.

    Das stimmt. Eine Bosnierin, die in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, hat mir es gesagt und hinzugefügt, dass solche Leute Asiaten besonders ungefährlich empfinden und nicht als gleichrangige Menschen respektieren, sondern als Unterlegene sehen und deswegen einfach so „Ni Hau“ rumwerfen können.

    Ich bin der Überzeugung, dass solche Perzeption auch tierisch und sehr grundlegend ist. Ergo braucht man entweder eine hohe kognitive Leistung, mit der man denken kann, dass Asiaten auch genauso komplexe Menschen sind, auch wenn sie von der Äußerlichkeit her irgendwie nicht ernst zu nehmen sind (klein, zierlich, jung bis sogar kindlich aussehende Gesichter usw.), oder eine gewisse Furcht. Furcht macht einen höflicher. Bestimmt kennst du die lustige Experimente aus Korea, wo aggressive Menschen plötzlich ganz höflich werden, sobald sie die Tattoos auf dem Körper vom Gegenüberstehenden entdecken.

    Diese Furcht wird sich auch nicht sofort bilden.

    Das finde ich nach dem ungefähr 7 jährigen Aufenthalt in Deutschland sehr schade und manchmal sogar verletzend, dass ich von hiesigen Menschen immer als „ein Asiat“ wahrgenommen und kategorisiert werde.

    Ich glaube, das ist aber nicht zu ändern. Vielleicht nach ca. 100 Jahren ist es merklich besser als jetzt, aber auch in der Zeit sollte es noch Gruppen der Menschen geben, die nach ihrer Ethnie eine verschlossene Gruppe bilden und ethnisch anderen Menschen etwas Unhöfliches oder Schlechtes antun würden, glaube ich.

    Diese Situation gehört meiner Meinung nach nicht zu Sachen, die eine oder mehrere Personen mit vielen Mühen ändern können.

    Aber es gäbe auch etwas verändern können.

    Zum einen würde ich meine emotionale Energie mehr für die Leute investieren, die mich nicht als ein Asiat sehen sondern einfach als ein Mensch sehen und darüber hinaus noch als ein Freund annehmen. Je enger ich mit solchen guten Leuten verbunden bin, desto egaler werden die dummen anonymen Leute auf der Straße.

    Zum andern würde ich mich immer weiter bemühen, mein Deutsch bis auf das Niveau von Muttersprachler zu verbessern. Perfekte Beherrschung des Deutsches erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die deutsche Leute mich eher als „einer von den“ wahrzunehmen als ein Ausländer bzw. Asiat, meiner Meinung nach. Es gelingt mir immer noch nicht und ich erlebe wiederholend Frustration. Dennoch sehe ich keine andere Lösungsmöglichkeit, was ich mit meiner Bemühung (eventuell) erlangen könnte.

  3. redaktion
    12. Juli 2018 at 16:12

    Danke für dein Statement, das zeigt, dass die Erfahrungen im Alltagsrassismus sehr unterschiedlich sind und ebenso vielfältig die Wahrnehmung sein kann. Ignorieren kann und darf unserer Meinung nach kein genereller Lösungsansatz sein.
    Sexismus und Alltagsrassismus in Zusammenhang zu setzen ist, im beschriebenen Fall nicht abwegig. Unsere Autorin schreibt von ihren persönlichen Erfahrungen. Wir finden es wichtig, diesem Thema Raum und damit mehr Aufmerksamkeit zu geben.

  4. Merle
    6. August 2018 at 21:57

    Ich finde auch das da viel zusamen gepackt wird im Text.
    In den USA ist es nichts ungewöhnlich: „I love (zB.) German…“ Selbst erlebt. Ja, und? Wenn mich in anderen Ländern jemand als deutsch erkennt, dann ist „guten Tag“ für mich ne nette Geeste.
    Was Ärger macht, mal bei ein selber gucken.
    An die Redaktion: ich greife die Autorin nicht an, Verteidigung daher unötig. 🙂

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