Der Gerichtsprozess ist vorerst beendet. Ein Urteil ist gefallen. Doch für Wendy G., die einen versuchten Femizid überlebt hat, beginnt der Kampf jeden Morgen aufs Neue. Während öffentlich vor allem über Tat und Urteil gesprochen wird, bleiben die Geschichten der Betroffenen oft unsichtbar. Ich hatte die Möglichkeit, persönlich mit Wendy G. über ihre Erfahrungen zu sprechen.

Triggerwarnung: Im folgenden Artikel werden die Tat sowie die Folgen eines versuchten Mordes beschrieben. Dies könnte beunruhigend oder retraumatisierend auf Leser*innen wirken. Lest diesen Text also nur, wenn ihr euch psychisch stabil genug fühlt.
Das Urteil ist gesprochen, doch der Kampf geht weiter
Über ein Jahr ist es her, dass Wendy G. den Mordversuch ihres damaligen Partners, dem Vater ihrer drei Kinder, überlebte. Am 24. April 2025 greift er sie nachts, während sie in ihrer gemeinsamen Wohnung in Bremen schläft, mit einem Messer an. Bei dem Versuch, um Hilfe zu rufen und dem Angriff zu entkommen, stürzt sie aus dem Fenster des zweiten Stocks. Wendy G. überlebt nur knapp und mit schweren Verletzungen – seitdem ist sie querschnittsgelähmt und sitzt im Rollstuhl.
Vor wenigen Wochen endete nach etlichen Verhandlungsterminen das Gerichtsverfahren. Damit ist der Fall für viele Außenstehende abgeschlossen: Ein Urteil ist gefallen, der Angeklagte erhält eine Freiheitsstrafe von zwölf Jahren, und der Prozess ist vorerst beendet. Doch für Betroffene bedeutet ein Urteil nicht zwangsläufig Erleichterung. Es kann sich entwertend anfühlen, wenn die Tat vor allem über die Umstände des Täters erklärt wird, während die eigene Perspektive und Erfahrungen größtenteils unsichtbar bleiben. So beschreibt es auch Wendy G. Gleichzeitig lebt sie weiterhin mit den Folgen des Angriffs und muss sich an eine vollkommen neue körperliche Realität anpassen.
Ein Leben, das sich radikal verändert hat
In der Reha ist ihr erst nach und nach bewusst geworden, wie tiefgreifend der Angriff ihren Alltag verändert hat. Sie habe viel geweint, erzählt Wendy G. Früher waren Sport und Bewegung ein wichtiger Teil ihres Lebens. Sie liebte das Laufen, Basketball spielen und mit ihren Kindern aktiv zu sein. Heute sitzt sie im Rollstuhl und muss sich daran gewöhnen, mit Schmerzen, Erschöpfung und neuen Einschränkungen zu leben.
Vieles, was früher selbstverständlich war – die Kinder zur Schule zu bringen, Sport zu treiben oder sich spontan zu bewegen – ist heute nur noch eingeschränkt oder mithilfe von Unterstützung möglich. Selbst alltägliche Abläufe wie Toilettengänge müssen geplant werden. „Es ist sehr anstrengend“, sagt sie. „Es fühlt sich an, als hätte man kein freies Leben mehr.“
Wendy G. erzählt mir, wie schwer es war, und immer noch ist, die dauerhaften Folgen der Tat anzunehmen. Gleichzeitig gab es in der Reha auch Momente, die ihr wieder Mut gemacht haben: Rollstuhlsport, Fahrradtraining, erste Erfahrungen mit einem Rollstuhlgerechten-Auto. Und auch die Gesellschaft anderer Menschen, die mit ähnlichen Einschränkungen zu kämpfen haben, hat ihr Kraft gegeben. In diesen Augenblicken konnte Wendy G. sich vorstellen, dass ihr Leben trotz allem weitergehen könnte. „Da fühlte es sich an, als gäbe es noch ein Leben da draußen“, sagt sie. „Es gibt Hoffnung.“
Auch Kinder tragen die Folgen
Nicht nur Wendy G. selbst lebt mit den Konsequenzen der Gewalttat. Auch ihre drei Kinder wurden aus ihrem bisherigen Alltag gerissen und tragen die Folgen bis heute. Während der Reha dachte sie oft daran, wie ihre Kinder sich fühlen mussten – nach allem was sie erlebt hatten, getrennt von ihren Eltern, voller Angst und Ungewissheit.
Besonders schmerzhaft war die Erkenntnis, wie sehr die Tat das unbeschwerte „Kindsein“ ihrer Kinder verändert hat. Ihre Neugier, ihr Spielen, ihr Blick auf die Welt sind nicht mehr dieselben. Es dauerte, bis sie sich auf die neue Situation eingestellt hatten. Eine von Wendy G.s Töchtern habe noch lange gehofft, dass ihre Mutter bald wieder laufen könne. Wendy G. versucht, ihren Kindern Mut zu machen und ihnen zu zeigen, dass vieles weiterhin möglich ist. Sie spricht mit ihnen über Rollstuhlsport, zeigt ihnen Bilder und erklärt, dass ihre Mutter trotz allem vieles kann.
Doch sie sagt auch deutlich: Für ihre Kinder ist es sehr schwer, die Erfahrungen rund um den Angriff zu verarbeiten. Noch heute sind sie oft besorgt, wollen wissen, wo sie hingeht, und haben Angst, dass ihr etwas passieren könnte. All dies zeigt uns, dass geschlechtsspezifische Gewalt oft ganze Familien trifft und besonders auch Kinder verletzt, die das Erlebte mit in ihren Alltag tragen.
Verlust, Angst und neue Abhängigkeiten
Zu den Folgen der Tat gehören für Wendy G. nicht nur die körperlichen Verletzungen, sondern auch der Verlust ihres bisherigen Lebensmittelpunkts. Während der letzten acht Jahre hat sie in Bremen gewohnt, sich ein soziales Umfeld, ihr eigenes Leben aufgebaut. „Ich liebe Bremen! Hier habe ich meine Identität gefunden“, erzählt sie mir. Kurz vor dem Angriff stand sie mitten im Leben. Sie trainierte für einen Marathon, plante Reisen mit ihren Kindern und hatte das Gefühl, nach schwierigen Jahren wieder nach vorne schauen zu können. Doch nach der Tat fühlte sie sich hier nicht mehr sicher und entschied sich schweren Herzens, die Stadt zu verlassen.
Dabei ließ sie nicht nur eine Wohnung zurück, sondern auch ein Stück Stabilität. In Bremen leben viele ihrer Freund*innen, Bekannte in der Nachbarschaft, und andere Mütter aus dem Umfeld ihrer Kinder. Man kannte sich, unterstützte sich gegenseitig und half einander im Alltag. Ein solches soziales Netzwerk braucht Wendy G. jetzt mehr denn je, doch nach dem Angriff überwog ihre Angst.
Stattdessen lebt sie heute bei ihrer Mutter. Eine eigene barrierefreie Wohnung für sich und ihre drei Kinder zu finden, zu finanzieren und zu organisieren, sei bislang kaum möglich gewesen. Wendy G. ist dankbar für die Hilfe ihrer Mutter, doch sie erzählt, dass das Zusammenleben auch belastend sein kann. Neben unterschiedlichen Vorstellungen im Umgang mit den Kindern und einem fehlenden Rückzugsraum, beschäftigt sie vor allem das Gefühl, erneut auf die Strukturen anderer angewiesen zu sein. Sie wünscht sich einen Ort, an dem sie mit ihren Kindern zur Ruhe kommen kann, ohne ständig Spannungen oder Erwartungen managen zu müssen.
In unserem Gespräch wird mir klar, dass Hilfe durch Angehörige nicht automatisch Entlastung bedeutet. Nach geschlechtsspezifischer Gewalt verlieren Betroffene oft nicht nur Sicherheit, sondern auch Selbstständigkeit. Wer keine eigene Wohnung, kein barrierefreies Umfeld oder ausreichende staatliche Unterstützung hat, wird schnell abhängig von familiären Netzwerken – unabhängig davon, ob diese tragfähig, gesund oder überhaupt sicher sind.
Überleben im System
Umso gravierender ist es, dass die staatliche Unterstützung, die Betroffenen zusteht, häufig mit großem Aufwand erkämpft werden muss. Seit dem Angriff ist Wendy G.s Alltag geprägt von Anträgen, Gutachten und organisatorischen Herausforderungen. Unterstützung wird nicht automatisch organisiert, sondern muss eingefordert und immer wieder neu begründet werden.
Wendy G. beschreibt ein System, in dem sie mit zahlreichen Behörden gleichzeitig in Kontakt steht: Sozial- und Versorgungsamt, Jobcenter, Krankenkasse, sowie verschiedene Nichtregierungsorganisationen. Zuständigkeiten sind oft unklar und Verantwortung wird weitergereicht. Ständig muss sie zwischen Ansprechpartner*innen koordinieren, nachhaken und vermitteln.
Hinzu kommt, dass Deutsch nicht ihre Muttersprache ist. Sie habe gelernt, wie stark es darauf ankomme, Dinge „richtig“ zu formulieren. Nur wer sich überzeugend ausdrückt und hartnäckig bleibt, bekomme Unterstützung. Andernfalls würden Entscheidungen getroffen, ohne ihre Situation genau zu kennen, Anträge abgelehnt, obwohl Bedarf bestehe, Unterstützung verweigert mit dem Hinweis, ihre Mutter könne ihr helfen.
Wenn Hilfe zur Belastung wird
Dieser ständige Erklärungszwang ist nicht nur organisatorisch belastend, sondern auch emotional. Für Menschen, die schwere Gewalt erfahren haben, kann es retraumatisierend sein, ihre Erlebnisse immer wieder von Neuem schildern zu müssen – besonders vor fremden Personen, unter Zeitdruck und ohne sensiblen Umgang. Wendy G. erzählt, dass sie sich in Gesprächen nicht immer ernst genommen fühlt. Mal begegne man ihr mit Mitleid, mal mit Skepsis, aber selten mit der Selbstverständlichkeit, die ihrer Situation angemessen wäre.
Schließlich erhielt sie über das Versorgungsamt ein Fallmanagement. Diese Begleitung habe vieles erleichtert. Wenn Anträge abgelehnt wurden oder niemand zuständig sein wollte, habe die Mitarbeiterin oft vermitteln können, und plötzlich sei manches doch möglich gewesen.
Dennoch kommt es zu langen Wartezeiten und praktische Hürden. Monate vergingen, bis sie einen Platz zur Physiotherapie bekam. Hilfsmittel wie ein Treppenlift lassen weiter auf sich warten. So lange muss Wendy G. improvisieren, und ist für alltägliche Dinge wie das Verlassen ihrer Wohnung auf Hilfe angewiesen, die nicht immer verfügbar ist. Außerdem sucht sie weiterhin eine barrierefreie Unterkunft für sich und ihre drei Kinder. Doch geeigneter, bezahlbarer Wohnraum ist schwer zu finden. Auch Hilfen wie ein behindertengerechter Auto-Umbau oder Elternassistenz-Leistungen seien kompliziert zu beantragen und mit unklaren Zuständigkeiten verbunden.
All das geschieht in einer Phase, in der Wendy G. eigentlich Zeit bräuchte, um das Erlebte zu verarbeiten. Momente, die der Genesung dienen könnten, werden zur Ausnahme. Eigentlich würde sie morgens gerne Übungen machen, die ihr die Physiotherapie gezeigt hat. Vielleicht ein Buch lesen. Vielleicht einfach im Bett liegen und weinen. Stattdessen, sagt sie, sei der Kopf ständig beschäftigt. „Ich bin traurig über das, was passiert ist, aber ich habe keine Zeit, es zu fühlen. Ich muss weitermachen.“

Was helfen würde
Wendy G.s Erfahrungen zeigen, dass das Problem nicht nur in fehlender Unterstützung liegt, sondern auch darin, wie zugänglich sie ist. Ein Hilfesystem, das voraussetzt, dass Betroffene organisiert, belastbar, sprachlich sicher und dauerhaft handlungsfähig sind, verkennt die Realität nach schwerer Gewalt. Unterstützung darf nicht davon abhängen, wie eloquent, gesund oder durchsetzungsfähig eine betroffene Person ist.
Gerade nach schweren Gewalttaten wie einem versuchten Femizid braucht es Strukturen, die Betroffene entlasten, statt sie zusätzlich zu überfordern. Während des Krankenhausaufenthalts und der Reha sollten zentrale Hilfen automatisch anlaufen, ohne dass die Geschädigte sie selbst organisieren und beantragen muss. Dazu gehören eine frühzeitige Fallkoordination, die Abstimmung zwischen Behörden und Institutionen, psychosoziale Unterstützung, Hilfe bei Entschädigungsanträgen, barrierefreier Wohnraum, Zugang zu Therapie und Hilfsmitteln sowie Unterstützung im Alltag und bei der Versorgung von Kindern.
Dabei müssen die individuellen, intersektionalen Erfahrungen und Bedürfnisse der Betroffenen im Mittelpunkt stehen. Sprachbarrieren und mögliche Diskriminierungserfahrungen müssen mitgedacht werden. Unterstützung sollte niedrigschwellig, verständlich und verlässlich zugänglich sein.
Außerdem erzählt Wendy G., dass ihr unsere Prozessbegleitung (gemeinsam mit verschiedenen Organisationen wie Stoppt Femi(ni)zide Bremen) während des Gerichtsverfahrens viel Sicherheit gegeben habe. „Es hat mir wirklich sehr geholfen, dass da Menschen hinter mir saßen. Ich habe mich stärker gefühlt“, sagt sie. Gemeinschaft, Verständnis und das Gefühl, nicht allein zu sein, können entscheidend dazu beitragen, mit den Folgen von Gewalt umzugehen. Daher spielen auch solidarische Strukturen, zivilgesellschaftliche Initiativen und feministische Netzwerke eine wichtige Rolle. Sie können auffangen und unterstützen, wo staatliche Angebote nicht ausreichen.
Aufklärung statt Victim-Blaming
Doch Wendy G. will nicht nur über die strukturellen Probleme sprechen, die sie seit der Tat erlebt. Ihr ist es ebenso wichtig, ihre eigene Geschichte zu erzählen, auch das, was der Tat vorausging. „Warum bist du nicht gegangen? Wieso hast du die Beziehung nicht schon früher beendet?“ Diese Fragen hört sie oft. Fragen, die schnell mitschwingen lassen, dass Betroffene eine Mitverantwortung tragen. Für Wendy greift das zu kurz. Sie möchte sichtbar machen, dass Gewalt in Beziehungen nicht plötzlich beginnt, sondern oft schleichend.
Als sie ihren damaligen Partner kennenlernte, hat sie ein selbstbestimmtes Leben geführt, gearbeitet und eigene Pläne gehabt. Doch mit der Zeit hat sich etwas verändert. Kontrolle sei nicht sofort sichtbar gewesen, sondern habe sich langsam entwickelt. Durch kleine Situationen, durch Verunsicherung, und das Gefühl, sich selbst zu verlieren. „Du merkst es nicht“, sagt sie. „Es kommt Schritt für Schritt.“
Heute kann sie zurückblicken und Muster identifizieren, die sie damals nicht erkannte. Darüber hinaus betont sie, wie schwierig es sein kann, eine gewaltvolle Beziehung zu verlassen, besonders mit gemeinsamen Kindern. Entscheidungen entstünden immer im Kontext dessen, was man zu diesem Zeitpunkt weiß, fühlt und erlebt. Umso wichtiger ist ihre Botschaft, die sie klar formuliert: Die Frage darf nicht lauten, warum Frauen nicht gehen. „Warum hat er mir das angetan?“, fragt sie stattdessen. „Warum ist er nicht gegangen?“
Worüber wir sprechen müssen
Gleichzeitig möchte Wendy G. die Debatte weiter öffnen. Sie will nicht nur über Gewalttaten gegen Frauen sprechen, sondern auch über deren Ursachen. Über gesellschaftliche Strukturen, Rollenbilder und darüber, wie Frauen und Männer sozialisiert werden. Wie Kontrolle entsteht, und warum sie oft lange unbemerkt bleibt. Deshalb hat sie sich entschieden, ihre Geschichte öffentlich zu machen. Auch, weil sie anderen Frauen Mut machen und zeigen möchte, dass Gewalt niemals akzeptabel ist. „Natürlich sind Täter auch Menschen mit einer Vergangenheit, mit einer eigenen Geschichte. Aber wir dürfen trotzdem klare Grenzen ziehen und in Sicherheit sein.“
Wendy G. ist weiterhin auf Hilfe angewiesen, auch finanziell. Wenn ihr sie und ihre Kinder unterstützen möchtet, könnt ihr dies über diese GoFundMe-Kampagne tun. Sie erhofft sich hierüber notwendige Hilfsmittel, um Wohnraum und ihren Alltag zu sichern, und sich und ihren Kindern ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen.
Besonders berührt hat sie ein Bild, das eine ihrer Töchter während der Reha für sie malte. Ein Zuhause, mit Schuhen vor der Tür. Ein Ort, an dem man ankommt. Wendy G. wünscht sich, dass alle, die sie unterstützen, dieses Bild sehen können, weil es zeigt, worum es für sie wirklich geht, und was diese Unterstützung möglich macht. „Das ist Liebe“, sagt sie. Dieses Bild, und wofür es steht, ist das, was sie sich für ihre Zukunft wünscht.

Sophie Wichert



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