Happy Pride Month aus der Redaktion der frauenseiten!
Angefangen im Juni 1969 als Protest gegen willkürliche Polizeigewalt gegenüber queeren Menschen in der New Yorker Gay Bar Stonewall Inn, wird der Pride Month heutzutage in vielen Ländern von unterschiedlichsten Menschen gemeinsam zelebriert. Dieser wurde insbesondere von BIPOC trans Frauen angeführt. Auch aus Deutschland ist er nicht mehr wegzudenken. Höhepunkt sind hier meistens Gay Pride und die CSD-Paraden.
Bremen zählt dabei tatsächlich zu einer der ersten deutschen Städte, in denen der Christopher Street Day fester Bestandteil wurde. Bereits seit 1979 schmücken Regenbogenmotive und Pride-Flags die Bremer Paraden. Gemeinsam setzt man in dieser Zeit ein Zeichen für Selbstbewusstsein, Solidarität, Vielfältigkeit und Toleranz sowie gegen Stigmatisierung, Kriminalisierung und Ausgrenzung queerer Personen.
Und dies ist heutzutage wichtiger denn je. Denn laut einem Bericht des Deutschen Bundestags wurden allein 2025 in Deutschland 2.048 Fälle queerfeindlicher Hasskriminalität gemeldet. Wie hoch hier die Dunkelziffer ist, kann man nur erahnen.
Was können wir also dagegen tun? Die Antwort lautet: aktiv sein! Ob in Form von Teilnahmen an Demonstrationen und Paraden oder indem man sich im Alltag gegen Diskriminierung ausspricht – jede*r kann etwas für die LGBTQIA+-Community tun.
Unter dem diesjährigen Motto „Generationen voller Pride. glücklich – sichtbar – stark“ wird auch dieses Jahr der CSD am 22. August das regnerische Bremen erstrahlen lassen.
Weil das aber noch eine Weile dauert, wollen wir bis dahin für euch die regnerischen Tage ein bisschen farbenfroher machen.
Unsere Buchempfehlungen
Wir möchten den Juni nutzen, um queeren Stimmen und Geschichten noch mehr Raum zu geben. Deswegen hat sich unser buntes Team zusammengesetzt, um für euch unsere liebsten queerfeministischen Buchtipps zusammenzustellen. Hier ist wirklich für jede*n etwas dabei!
Jana empfiehlt: Sunburn von Chloe Michelle Howarth (2025)

Wenn das, was du fühlst, nicht das ist, was du fühlen sollst. So geht es Lucy. Wir befinden uns in einem irischen Dorf, Anfang der 1990er Jahre. Trockene Felder, flirrende Straßen, die Sommersonne brennt erbarmungslos. Ähnlich erbarmungslos sind einige von Lucys Freund*innen und auch ihre Familie, wenn es um ihr Liebesleben geht. Sie sind der Meinung, Lucy müsse ihren Freund Martin heiraten und Mutter werden. Nur ist das so gar nicht das, was Lucy fühlt. Denn sie beginnt, mehr als nur platonische Gefühle für ihre Schulfreundin Susannah zu entwickeln. Aus der zunächst zärtlich anmutenden Verliebtheit entsteht mit der Zeit eine verzweifelte Liebesbeziehung. Und Lucy fängt an zu begreifen, warum sie anders ist.
In „Sunburn“ erzählt Chloe Michelle Howarth auf einfühlsame Weise von der ersten Liebe, den Höhen und Tiefen, die sie mit sich bringt, und den realen Verhältnissen des Erwachsenwerdens in einer Kleinstadt, in der Tradition über allem steht. Dieser Roman geht ans Herz und als Leser*in fühlt man jede Emotion von Lucy mit: ihr Glück, ihre Zerrissenheit, ihren Schmerz.
Content Note/Themen: Homophobie, Queerfeindlichkeit
Ann-Sophie empfiehlt: Don’t Let the Forest In von CG Drews (2025)

Andrew ist Schüler an der Wickwood Academy und schreibt düstere Geschichten ohne Happy End, die sein bester Freund Thomas in düsteren Zeichnungen zum Leben erweckt. Nach einem getrennt verbrachten Sommer starten beide zusammen mit Andrews Zwillingsschwester Dove in ihr neues Schuljahr, doch nichts ist mehr, wie es noch vor dem Sommer war. Thomas‘ gezeichnete Monster sind plötzlich zum Leben erwacht und gemeinsam müssen die Jungen alles daran setzen, die Schule und sich selbst vor ihnen zu retten.
Was auf den ersten Blick wie eine romantische Young Adult Geschichte wirkt, wird schnell zu einer düsteren, makaberen und prosaischen Geschichte von zwei Jungen, die sich nicht nur ihren Gefühlen füreinander stellen müssen. CG Drews hat mit ihrer einzigartigen Erzählweise einen Roman voller Body Horror, Grusel und Poesie geschaffen, bei der queere Repräsentation eine zentrale Rolle einnimmt.
Content Note/Themen: Selbstverletzung, Tod, Trauer, Depression, Gore
Jasmin empfiehlt: Most Ardently: A Pride & Prejudice Remix von Gabe Cole Novoa (2025)

Siebzehn Jahre seines Lebens wird Oliver fälschlicherweise als zweitälteste Bennett-Schwester wahrgenommen, obwohl er eigentlich der einzige Bennett-Sohn ist. Das Buch beschreibt den Kampf, den Oliver als größtenteils ungeouteter trans Mann in der cis-heteronormativen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts jeden Tag bewältigen muss. Manchmal schafft er es jedoch, sich in Olivers Kleidung aus dem Haus zu schleichen, um sich, zumindest für eine Weile, nicht verstellen zu müssen. In einem solcher Momente trifft er auf Mr. Darcy, den er ursprünglich als eher unangenehme Person erlebt hatte. Damals dachte Darcy allerdings er stünde vor einer Bennett-Schwester, jetzt ist von seiner üblichen Kälte nichts mehr zu spüren. Ist es möglich, dass auch Darcy nicht das ist, wofür er oft gehalten wird?
Novoa macht diesen Austen-Klassiker mit seinem lebendigen Erzählstil greifbar für alle, die nachempfinden können, was es bedeutet, sein wahres Ich verstecken zu müssen. Dabei übernimmt er die Gesellschaftskritik, das Drama und die fast kitschige Sentimentalität, die Austens Werke ausmachen und Leser*innen seit Jahrhunderten begeistert, und nimmt sowohl Fans des Klassikers als auch hoffnungslose Romantiker*innen aller Art mit auf eine spannende, emotionale aber auch lustige Reise.
Content Note/Themen: Misgendering, Deadnaming
Kathi empfiehlt: Hijab Butch Blues. Ein Memoir von Lamya H. (2024)

Wie soll frau sich als queere, nonbinäre Muslima aus dem Ausland jemals zuhause fühlen, wenn frau in der muslimischen Community nicht offen queer sein kann, in der queeren Community aber nicht offen muslimisch? Genau von diesem Zwiespalt berichtet Lamya anhand ihres bisherigen Lebens in ihrem anonymisierten Memoir Hijab Butch Blues. Wir begleiten sie dabei nicht nur auf ihrem Weg zum Glauben und zu ihrer Sexualität, sondern auch zu sich selbst.
Lamya schafft es, auf humorvolle und gleichzeitig rührende Art und Weise komplexe Facetten von Diskriminierung in Form von alltäglichen Geschichten greifbar zu machen. Auch zieht sie immer wieder Rückschlüsse zu ihrer ganz eigenen Interpretation vom Islam und den Propheten, die ihr dabei helfen, eine Bedeutung in den Herausforderungen des Lebens zu erkennen.
Egal wer frau ist, wie man sich definiert und welcher Religion man sich zugehörig fühlt – Hijab Butch Blues regt zum Nachdenken an und ist für alle ein must-have im Bücherregal. Denn bei Lamya fühlt sich jede*r willkommen. Und vielleicht ist genau das auch die Message hinter ihrem Memoir.
Content Note/Themen: Antimuslimischer Rassismus, Diskriminierung, Sexismus, Klassismus, Misogynie
Sophie empfiehlt: Die Jüngste Tochter von Fatima Daas (2024)

Fatima ist die jüngste Tochter einer algerischstämmigen Familie in Frankreich. Sie ist Muslimin, in den Pariser Banlieues aufgewachsen, und verliebt sich in Frauen. In kurzen, oft nur ein oder zwei Seiten langen Kapiteln springt der Roman zwischen verschiedenen Lebensabschnitten hin und her, und bewegt sich dabei nah an Fatima Daas‘ eigener Biografie. Stück für Stück fügt sich so ein Bild der Protagonistin zusammen, ohne jemals ihre Widersprüche oder Konflikte auf einfache Antworten zu reduzieren. Dabei erzählt Daas von Zugehörigkeit, Glauben, Familie, Klasse, Herkunft und Sexualität, und davon, wie all diese Identitäten miteinander verwoben sind.
Gerade diese Vielschichtigkeit macht Die Jüngste Tochter so besonders und unterscheidet den Roman von klassischen Coming-out-Erzählungen. Im Mittelpunkt steht weniger die Sexualität der Protagonistin, sondern das dauerhafte Aushandeln verschiedener sozialer Identitäten und Zugehörigkeiten. Als der Roman 2020 in Frankreich erschien, schlug er große Wellen und wurde zu einer wichtigen Stimme in Debatten über Queerness, Islam und die Erfahrungen von Menschen, die sich in mehreren gesellschaftlichen Realitäten zugleich bewegen. Fatima Daas schreibt dabei ebenso präzise wie eindringlich und schafft es, von persönlichen Erfahrungen zu erzählen, ohne sie zu verallgemeinern. So entsteht ein sehr berührendes, kluges und politisch relevantes Buch, das noch lange nachhallt.
Content Note/Themen: Homophobie, Rassismus, Diskriminierung, chronische Krankheit, Konflikte zwischen sexueller Identität und religiösem Umfeld
Isabella empfiehlt: The Safekeep von Yael van der Wouden (2024)

In den 1960er Jahren der Niederlande wirkten der Zweite Weltkrieg und die deutsche Besatzung noch deutlich nach. The Safekeep setzt genau in diesem Moment des Wandels zwischen Verdrängung und Aufarbeitung an.
Isabel lebt zurückgezogen im Haus ihrer verstorbenen Mutter und klammert sich an Ordnung, Routinen und die Vergangenheit. Als ihr Bruder seine neue Freundin Eva für den Sommer bei ihr einquartiert, gerät Isabels sorgfältig kontrollierte Welt aus dem Gleichgewicht. Unterschiedlicher könnten die beiden nicht sein, doch die Spannung zwischen ihnen ist direkt zu spüren. Aus dem Misstrauen entsteht eine fast schon obsessive Anziehung und schließlich entwickelt sich eine romantische Beziehung zwischen den beiden Frauen. Doch die Vergangenheit holt jede*n irgendwann ein. Wie heißt es so schön: Im Leben sieht man sich immer zweimal.
Mich hat diese Geschichte unglaublich berührt. Besonders die Verbindung von queerer Liebe, Identität, Erinnerung und verdrängter Geschichte hat mich bis zur letzten Seite gefesselt. Eine klare Empfehlung für den Pride Month, vor allem für alle, die nicht nur zeitgenössische queere Geschichten lesen möchten, sondern auch historische Perspektiven schätzen.
Amelie empfiehlt: Fried Green Tomatoes at the Whistle Stop Cafe (dt. Grüne Tomaten) von Fannie Flagg (1987)

Evelyn Couch besucht zusammen mit ihrem Ehemann dessen Mutter wöchentlich im Altersheim und trifft dort auf Ninny Threadgoode. Ninny und Evelyn freunden sich schnell an und Ninny erzählt gerne Geschichten aus ihrer Kindheit in Whistle Stop. Alabama, USA, in den 1920er- und 1930er Jahren: Eine Zeit, in der Themen wie gleichgeschlechtliche Beziehungen, Feminismus und die Rechte schwarzer Menschen kaum gesellschaftliche Akzeptanz fanden. Trotzdem eröffnet gerade dort das Whistle Stop Cafe. Geleitet von Idgie und Ruth, einem lesbischem Paar, und den Peaveys, einer schwarzen Familie, entwickelt sich das Cafe zum Herzen der Stadt. Jedoch stellen Vorurteile, Rassismus und gesellschaftliche Zwänge die Bewohner*innen immer wieder vor Herausforderungen. Die Geschichten aus Whistle Stop inspirieren Evelyn auch dazu, ihr eigenes Leben zu hinterfragen und neue Wege einzuschlagen.
Fannie Flaggs Roman ist ein oft vergessener Klassiker, der durch seine besondere Erzähltechnik und seine vielschichtigen Figuren überzeugt. Behandelt werden Themen wie Liebe, Homosexualität, Freundschaft, Rassismus, Feminismus, Mord und gesellschaftliche Ausgrenzung. Eine klare Empfehlung für alle, die bewegende Geschichten mit wichtigen gesellschaftlichen Botschaften schätzen.
Content Note/Themen: Rassismus, Mord, Kannibalismus
Maite empfiehlt: A Language of Limbs von Dylin Hardcastle (2025)

A Language of Limbs von Dylin Hardcastle ist ein bewegender queerer Roman über Liebe, Identität und die Auswirkungen einer einzigen Entscheidung. Die Geschichte beginnt 1972 im australischen Newcastle und folgt in zwei alternierenden Handlungssträngen derselben jungen Frau: In einem Leben entscheidet sie sich, ihre queere Identität offen zu leben, im anderen unterdrückt sie ihre Gefühle. Über drei Jahrzehnte hinweg verlaufen diese beiden möglichen Lebenswege parallel, kreuzen sich beinahe immer wieder und spiegeln die Herausforderungen und Hoffnungen queeren Lebens während gesellschaftlicher Umbrüche wie der ersten Mardi-Gras-Bewegung in Australien und der AIDS-Krise wider. Der Roman verbindet poetische Sprache mit einer eindringlichen Erzählung über Wahlmöglichkeiten, Gemeinschaft und die Suche nach Zugehörigkeit.
Derzeit gibt es leider keine deutsche Übersetzung für das englische Buch.
Content Note / Themen: Aids-Krise, Homophobie, Diskriminierung
Falls ihr jetzt noch nicht genug Lesestoff habt…
…dann schaut auch gern bei unseren Rezensionen vorbei!
Wir hoffen, unsere Empfehlungen versüßen euch die Zeit bis zum Bremer CSD im August.
Lasst uns gemeinsam laut, sichtbar und solidarisch bleiben – beim Lesen auf dem Sofa genauso wie auf der Straße.
Happy Pride!
Redaktion frauenseiten, Introtext Kathi W.



Schreibe einen Kommentar