Unsere Frau der Woche: Gee Vero

Sie hört mehr, riecht mehr und sieht mehr – Gee Vero ist eine deutsche Künstlerin, Mutter und Autistin. Ihre Welt besteht aus unendlich vielen ungefilterten Reizen, die sie überfordern aber auch zu der interessanten Person machen, die sie heute ist.

Ein Leben mit ständiger Reizüberflutung

Äußerlich merkt man Gee Vero nichts an. Wenn sie zusammen mit ihren Töchtern im Garten sitzt und sich unterhält, wirkt es wie eine ganz normale Konversation zwischen Familienmitgliedern. Doch was so natürlich erscheint, verlangte viel Übung von ihr. Für sie prallen alle Reize ungefiltert und gleichzeitig auf sie ein. „Auditive Reize kann ich eigentlich recht gut ausblenden, doch bei visuellen ist es, als würde mir jemand die ganze Zeit auf die Schulter tippen und sagen: Guck mal da, dieses Grün“ erklärt sie. Es sei wie bei einem Computer, bei dem alle Tabs gleichzeitig geöffnet sind. Sowohl die äußeren Reize, die auf sie einwirken, als auch die Kommunikation an sich kosten sie viel Energie. Denn die Autistin kann sich schlecht in andere hineinversetzten und erkennt nur schwer Ironie oder Redewendungen. Sie versteht zum Beispiel nicht, warum Menschen das Sprichwort „Sich etwas durch den Kopf gehen lassen“, so häufig benutzen. Für sie impliziert es, dass kein Widerstand im Kopf ist, derjenige also für dumm verkauft wird.
Immer wieder schaute sie sich bei anderen ab, wie diese kommunizieren, lernte es quasi Zuhause auswendig. Auch heute noch spricht sie mit ihren Töchtern darüber, wie Menschen miteinander kommunizieren oder übt mit ihrem Mann Smalltalk.

Der Spiegel, der ihr die Augen öffnet

Portrait von Gee Vero

(c)Jennifer Höltken

Erst mit 37 Jahren, wurde bei Gee Vero das Asperger-Syndrom diagnostiziert. Zwar merkte sie schon sehr früh, dass andere sie als sonderbar wahrnahmen oder sie sich missverstanden fühlte, verdrängte jedoch trotzdem lange Zeit den Gedanken Autistin zu sein. Erst als ihre Kinder geboren wurden, verhärtete sich der Verdacht. Ihr Sohn Elijah war der Spiegel, der ihr die Augen öffnete. Als bei ihm frühkindlicher Autismus festgestellt wurde, kam es auch bei Gee Vero nach 37 Jahren zu einer eindeutigen Diagnose.
Durch ihren eigenen Autismus kann sie ihren Sohn besser unterstützen als jede*r andere und hilft ihm, die Welt in kleinen Schritten zu erschließen.

Die Kunst der halben Portraits

Ihr künstlerisches Schaffen begann 1993 in London, wohin sie nach ihrem Studium zog. Art of Inclusion ist der Name ihrer Werke, die sie zusammen mit berühmten Personen kreierte.
Gee Vero malt dabei lediglich ein halbes Portrait und schickt das unvollendete Werk an verschiedenste Personen wie zum Beispiel Angela Merkel, Udo Lindenberg oder Cornelia Funke mit der Bitte, ihr auf dem Papier zu begegnen. Jede Person vollendet das Bild auf eine individuelle Weise, weshalb immer wieder ein neues, einzigartiges Werk durch zwei Fremde entsteht. Mit ihrer Kunst möchte Gee Vero erreichen, dass Autismus endlich nicht mehr als Störung in der Gesellschaft wahrgenommen wird.

„Als hochfunktionaler sprechender Autist und Mutter eines autistischen Kindes, fühle ich mich dazu verpflichtet, meinen Beitrag zu leisten Autismus in das Bewusstsein dieser Gesellschaft zu rücken und auf die Bedürfnisse autistischer Menschen aufmerksam zu machen.“

Die Unmaskierte auf dem Maskenball

Für Gee Vero hat sich das viele Üben gelohnt. Sie kann nicht nur an Konversationen teilnehmen, sondern auch selber verstehen, warum sie anders ist. Mit diesem Verständnis hilft sie anderen, die selber von Autismus betroffen sind oder mit Autist*innen zusammenleben. 2014 erschien ihr erstes Buch „(M)eine andere Wahrnehmung“, in dem sie beschreibt, wie sich ein Leben mit Autismus gestaltet.

„Das Selbst ist das, was uns ausmacht. Das Ich ist die Maske, die vor dem Selbst sein muss, um dieses vor zu viel Wahrnehmung zu schützen. Das Ich ist nicht eine Maske, sondern das sind ganz viele verschiedene, die man eben in der jeweiligen Situation aufsetzt. Diese Maske ist sehr wichtig, darum ist es für mich hinderlich, dass mir diese Ich-Maske fehlt. Ich bin von lauter Menschen umgeben, die diese Ich-Maske tragen. Es ist fast wie ein Maskenball und jetzt komme ich und bin unmaskiert. Das fällt natürlich sofort auf und es ist sehr schwer den Maskierten zu begegnen, wenn man keine Maske auf hat.“

Durch ihr Beispiel mit der „Ich-Maske“, bringt sie das sensible Thema näher an die Gesellschaft heran und kann Außenstehenden einen Einblick in die Welt mit der anderen Wahrnehmung geben:

Sein eigenes Schicksal anzunehmen, ist schon ein schwerer Schritt. Doch Gee Vero ging noch viele Schritte weiter, durch ihre Kunst und ihre Offenheit. Sie zeigt, dass es nicht die eine Wahrnehmung gibt und dass man sich nicht verstecken muss, wenn man anders ist. Sie lehrt uns, dass nicht nur Autist*innen viel von uns lernen können, sondern auch wir von ihnen. Auch wenn ihr einfache soziale Strukturen schwer verständlich vorkommen, so schafft sie es doch, einige davon aufzubrechen und das Thema Autismus zu enttabuisieren.

Josephine Struckmeier

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  3 comments for “Unsere Frau der Woche: Gee Vero

  1. Ronja
    3. Oktober 2018 at 11:37

    Liebe Josephine,
    vielen Dank, dass Du mich dieser Frau näher gebracht hast – sehr spannend. Autismus ist ein so vielfältiges Anderssein. Toll, wie sie damit lebt und umgeht. Vielleicht war es ihre Chance, dass sie nicht früh diagnostiziert wurde. Das denke ich manchmal.
    Nun würde mich die Künsrlerin noch mehr interessieren. Vielleicht kann sich damit auch eine von euch beschäftigen. Oder es gibt dazu Texte?
    Mit Gruß von
    Ronja

  2. Irene M.
    11. Oktober 2018 at 18:15

    Gee Vero ist eine wunderbare und bewundernswerte Frau. Ich durfte einen Vortrag in St. Pölten (Österreich) hören und war von der ersten Sekunde an begeistert und verzaubert. Ich wünsch mir, dass es noch weitere Begegnungen gibt und wünsche ihr von Herzen das Allerbeste für sie selbst und ihre Familie! Kraft, Energie, Gesundheit und weiterhin viel Mut bei all ihrem Tun! Mit lieben Grüßen aus Niederösterreich Irene M. (Sonderpädagogin und Autismusberaterin für und an Pflichtschulen)

  3. Dorothea Kronefekd
    11. Oktober 2018 at 22:58

    Der Artikel greift sehr gut auf, was Gee Vero ausmacht: eine tolle Frau, die sich selbst gut im Blick hat, für ihre Töchter da ist, das richtige für ihren Sohn sucht und erkämpft, unterützt von Hans. Sie baut Brücken und das mit Herz!

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