Unsere Frau der Woche: Ruth Bader Ginsburg

Illustriertes Portrait von Ruth Bader Ginsburg vor wiederholten Schriftzügen ihres Namens

(c) Melissa Eiseler

Eine liberale Kraft für die rechtliche Gleichstellung der Frau – das war Ruth Bader Ginsburg. Die Richterin des Obersten Gerichtshofes (Supreme Court) in den Vereinigten Staaten von Amerika starb am letzten Freitag, den 18. September in Washington DC an ihrer langen Krebserkrankung im Alter von 87 Jahren. Als zweite Frau in der US-amerikanischen Geschichte am Supreme Court kämpfte sie mit Intelligenz, Fleiß und Beharrlichkeit für die Gleichberechtigung der Geschlechter.

Selbst Betroffene von Geschlechterdiskriminierung

Ruth Bader Ginsburg erlebte am eigenen Leib Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts. Im Studium, auf dem Arbeitsmarkt, in der Wissenschaft – und im Gesetz. Letzteres zu ändern war ihr Lebenswerk. Doch zuvor hatte sie einen steinigen Weg zu gehen.

An der Harvard Law School wurden Frauen damals strukturell diskriminiert. Sie durften nicht in den Studentenwohnheimen wohnen und waren von einigen Einrichtungen ausgeschlossen. Im ersten Jahr gab der Dekan ein Abendessen für die Frauen:

„Er bat jede von uns, aufzustehen und ihm zu sagen, was wir taten, als wir einen Platz einnahmen, der von einem Mann hätte besetzt werden können.“
(RBG, frei übersetzt und zit. nach „In Memory of Justice Ruth Bader Ginsburg (1933-2020))

Nach ihrem Jurastudium erhielt sie trotz Bestleistungen zunächst keine Anstellung als Anwältin – nach 12 Bewerbungen.

„Ich wurde zu einer Zeit Anwältin, als die meisten Juristen nicht mit Frauen zusammen arbeiten wollten.“
(RBG 1993, zit. nach ZDF-Doku RBG – Ein Leben für die Gerechtigkeit“)

Später war sie an der Rutgers University in der Lehre tätig und erhielt dort ein geringeres Gehalt als ihre männlichen Kollegen. Als Grund nannte man ihr, dass sie einen Ehemann habe, der gut verdiene. Mit anderen Wissenschaftlerinnen klagte sie schließlich gleiche Löhne ein. Diese Erfahrungen prägten sie.

Für Gleichberechtigung an die Spitze der Justiz

Das Streben nach Unabhängigkeit hatte Ruth Bader Ginsburgs früh verstorbene Mutter ihr mit auf den Weg gegeben. So biss RBG sich durch und stand für ihre Rechte ein. Sie wurde 1972 die erste fest angestellte Professorin für Jura an der Columbia University. Sie war die zweite Frau am Supreme Court. Und sie nutzte ihr Wissen und ihren Einfluss, um sich für die Gleichberechtigung der Geschlechter einzusetzen.

Zitat von Ruth Bader Ginsburg vor farbigem Hintergrund: "My mother told me to be a lady. And for her, that meant be your own person, be independent"

(c) Melissa Eiseler

So engagierte Ruth Bader Ginsburg sich ab den 1960ern für die NGO American Civil Liberties Union (ACLU). Die Organisation setzt sich für Bürgerrechte in den USA ein. RBG gründete dort ein Projekt für Frauenrechte. In ihrer Zeit bei der ACLU arbeitete sie an zahlreichen Rechtsprozessen mit. Sie verhandelte dabei sechs Fälle vor dem Supreme Court, von denen sie fünf gewann. Oft ging es um Geschlechterdiskriminierung – auch gegen Männer. Denn Diskriminierung aufgrund des Geschlechts schadet allen. Sie wollte keine Sonderstellung der Frau erreichen, sondern gleiche Rechte für alle.

Bevor sie Richterin am Supreme Court wurde, ernannte der demokratische Präsident Carter sie 1980 zur Richterin am Bundesappellationsgericht in Washington DC. Schließlich nominierte Präsident Clinton sie für den Obersten Gerichtshof und ernannte sie 1993 zur Richterin auf Lebenszeit.

„Ich erwarte, zu meinen Lebzeiten drei, vier oder mehr Richterinnen am Supreme Court zu sehen. Frauen mit ganz unterschiedlichen Werdegängen und Hautfarben. Ich säße heute nicht in diesem Raum, wenn sich nicht viele Männer und Frauen entschlossen für den Traum von gleichberechtigten Geschlechtern eingesetzt hätten.“ (RBG 1993, zit. nach ZDF-Doku RBB – Ein Leben für die Gerechtigkeit“)

Was bedeutet Ruth Bader Ginsburgs Lebenswerk für uns?

Bis zu ihrem Tod hielt Ginsburg dem konservativer werdenden Gericht stand. In Präsident Trumps Amtszeit schieden zwei andere der neun Richter*innen aus, die er mit konservativen Richtern besetzte, sodass neben RBG nur noch drei  andere liberale Richter*innen im Supreme Court sitzen. Sie setzte sich beispielsweise 2007 gegen eine Beschneidung des Abtreibungsrechtes ein. Wir hoffen, dass ihr Sitz im Supreme Court nicht noch vor der US-Präsidentschaftswahl in 5 Wochen durch eine republikanisch favorisierte Abtreibungsgegnerin eingenommen wird. Ohne RBG sind zur Zeit nur noch drei liberale Richter*innen am Supreme Court. Falls Trump ihre*n Nachfolger*in nominiert, könnte die konservative Mehrheit des obersten Gerichts jahrzehntelang bestehen bleiben und gegebenenfalls Einfluss auf die Wahlentscheidung nehmen. In den nächsten Wochen ist ein Kräftemessen zwischen demokratischen und republikanischen Kräften in der US-Politik zu erwarten, dessen Ausgang weitreichend sein kann.

Heute ist Ruth Bader Ginsburg für viele US-Amerikanerinnen ein Vorbild. Viele verehren sie auf Social Media unter dem Label „The Notorious RBG“. Es gibt Ausmalbücher und Kissenbezüge mit ihrem Gesicht, einige lassen es sich sogar tätowieren. Sie ist die „Ikone eines liberalen und feministischen Amerikas“. Wir können heute von dieser bedeutenden Figur der amerikanischen Rechtsgeschichte und Politk lernen, dass man nicht nur etwas ändern kann, wenn man aus einem ungerechten System aussteigt. Sie zeigt uns, dass gerade das Durchhalten und Dagegenhalten viel bewirken kann. Ruth Bader Ginsburg hielt der eigenen Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts stand. Und sie wandelte diese Erfahrungen in eine nicht zu bremsende Kraft im Kampf für die Gerechtigkeit um – und deshalb ist sie unsere Frau der Woche.

Charlotte Kaemmerer

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