Unsere Frau der Woche: Sibylle Berg

Ich möchte euch gerne mitnehmen auf eine „Berg-Reise“. Auf eine Fahrt durch das facettenreiche Leben von Sibylle Berg.

Sybille Berg lächelt als Zeichnung mit hochgesteckten, roten Haaren und einem dunkelblauen Blazer. Im Hintergrund steht ihr Name in großen, orange-blauen Buchstaben

(c) Sarah Hamer

Sibylle Berg ist eine der meistgelesenen Kolumnistinnen Deutschlands. 1997 erschien ihr erster Roman Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot.

Noch während ihres Studiums (u.a. Ozeanografie) begann Sibylle Berg zu schreiben, und  ist  mit (aktueller Stand 2020: 27 Theater Stücken, 15 Romane, zahlreichen Anthologien und Hörspielen, sowie Gesamtübersetzungen in 34 Sprachen zu einer der bekanntesten zeitgenössischen Dramatikerinnen/Autorinnen im deutschsprachigen Raum geworden.

Für ihren letzten  Roman „GRM – Brainfuck“ wurde Sibylle Berg unter anderem mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet. 2020 erhielt sie für ihr Werk den Grand Prix Literatur, die höchste Auszeichnung, die die Schweiz für literarisches Schaffen vergibt.

Sibylle Berg  ist 1962 in Weimar geboren, lebte unter anderem  bei einer Pflegefamilie in Konstanz, später auch  in Israel, Deutschland und sie besitzt die Schweizer Staatsbürgerschaft. Sie studierte in Hamburg, war im  Judo,  Kung Fu und im miltätirschen Tauchsport aktiv.  Sibylle Berg  zählt sich zur Straight Edge Bewegung und bezeichnet sich als non-binär.

Mit Selbstironie und direkten Statements zum Erfolg

Sibylle Berg polarisiert. Die einen feiern sie, weil sie klar äußert, was sie denkt. Den anderen ist sie zu düster, zu direkt und forsch. Als „Designerin des Schreckens“ wurde sie bezeichnet, als „moralinsaures Monster“, „über Leichen latschende Schlampe“, „Höllenfürstin des Theaters“. Häufig sind ihre Kritiker*innen Männer, die sich über ihr seltsam wirkendes Gesicht oder ihre dünne Figur äußern. Berg scheint ein Weiblichkeitsbild zu verkörpern, mit dem viele nicht umgehen können. Aber gerade das animiert sie, diesen Weg weiter zu gehen oder auch mal zu provozieren.

Sibylle Berg liest auf der Re:publica

Sibylle Berg (c) Renate Strümpel

Ihren Twitter-Account betitelte sie „Kaufe nix, ficke niemanden“. Gerne beantwortet sie Fragen mit „Das ist mir fucking-scheißegal!“ Und das meint sie auch so. Sie unterwirft sich keiner „ICH MUSS“-Doktrin oder einer immer mehr fordernden Gesellschaft. WhatsApp ignoriert sie. Sie macht einfach ihr Ding. Auf die Frage, wie sie zum Tod stehe, antwortet sie: „Ich habe keinen Bock auf Todsein.“ Sie möchte gerne 345 Jahre alt werden, realistisch betrachtet wohl eher 120 Jahre.

 

Kluge Gedanken einer klugen Frau

Um näher in ihre Denkweisen einzutauchen, möchte ich einige meiner Lieblingszitate von Sibylle Berg vorstellen:

Über Träume

 „Oft sind wir auch einfach zu faul, um uns unsere Träume zu verwirklichen“

im Interview mit uMagazine.de

Über Kritiker*innen

 „Kritiker sind mir zu 99% Stulle. Wer wird sich an sie erinnern, sogar noch während ihrer Lebzeit?“

im Interview mit beton.org

Über das Älterwerden

 „Ich habe mich gegen das Älterwerden entschieden, ich finde es nicht interessant. Ich lebe ewig“

im Interview mit tageswoche.ch

Übers Hinterfragen

 „Meinungen bestehen aus Gedanken, und nichts ist flüchtiger. Nichts wiederum zeichnet eine Inflexibilität des Geistes so stark, wie auf seiner angeblichen Meinung zu beharren. Eine Meinung zu haben und sie nicht zu verändern heißt, sich nicht weiterzubilden“

im Interview mit der FAZ

Über Feminismus

 „Ich bin der Ansicht, dass sich feministische Diskussionen abgenutzt haben und es Zeit für politisches Handeln ist. Die Gleichheit der Löhne muss selbstverständlich sein, genauso die kostenlose Kinderbetreuung. Danach warten wir mal ein Jahrzehnt und schauen, ob wir noch eine theoretische feministische Diskussion benötigen“

im Interview mit tageswoche.ch

Mit Sibylle Berg am Küchentisch

Lernen wir nun Sibylle Berg noch ein wenig näher kennen, indem wir uns mit ihrem Podcast Hotel Matze befassen. In ihrer virtuellen Hausgemeinschaft untersucht sie gemeinsam mit Matze Hielscher die Herausforderungen des Alltags. Noch nie hat man sie so klar erkannt wie jetzt: Die Optimist*innen und die Pessimist*innen. Nie waren die großen Fragen des Lebens so allgegenwärtig und so wenig aufschiebbar. Und nirgends lassen sie sich besser beantworten als am Küchentisch. Deshalb haben sich Sibylle Berg und Matze Hielscher immer wieder in ihrer virtuellen Hausgemeinschaft getroffen und die kleinen und großen Fragen am Küchentisch diskutiert wie: „Hast du Angst vor dem Tod? Woran erkennst du, dass es Wunder gibt? Was ist eigentlich deine Lieblingsfarbe? Wann hast du dich zum ersten Mal als Mann/Frau gefühlt? Magst du Hunde? Was ist dein Lieblingsessen?“ Mal ist der Podcast albern und dann wieder zum Nachdenken betrübt. Lustig, ernst, traurig, melancholisch, schön, bescheuert, kindisch, tiefgründig und schrill. Es geht rauf und runter. Wie im echten Leben…

Mehr zu ihrem Podcast gibt es hier.

Gedankenanstoß durch „Menschen mit Problemen“

Und wer nun noch nicht genug von Sibylle Berg hat, dem möchte ich ihr 2018 erschienenes Buch Menschen mit Problemen (I-III): Und jetzt: die Welt! oder Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen / Und dann kam Mirna / Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause ans Herz legen. Hier eine kleine Kostprobe:

Und jetzt: die Welt! oder Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen

Sie sind klug, gut ausgebildet und leben in prekären Verhältnissen. Sie verkaufen selbstgekochte Drogen im Internet, schreiben Mode-Blogs und steigern den Marktwert ihres Körpers im Fitnessstudio, obwohl sie den Markt verachten. Sie kommunizieren per Skype, SMS, Chat oder Telefon, und doch bleibt da ein Gefühl von überwältigender Einsamkeit. Eine junge Frau bilanziert in Sibylle Bergs „Text für eine Person und mehrere Stimmen“ ihr bisheriges Leben: früher Mitglied einer brutalen Mädchengang, heute friedlich Yoga, früher unbeholfenes Knutschen mit Jungs im Zeltlager, heute die Projekte „Sex“ und „Liebe“ mit Männern oder Frauen, früher hochfliegende Ideale, heute Pragmatismus. Sehnsucht ist etwas, das man hauptsächlich aus Filmen kennt, Familie ein Verbund, den man sich selbst zusammenstellt, und immer lauert draußen die Welt, stellt Forderungen und diktiert Bilder, denen man unmöglich genügen kann.

Gnadenlos und zugleich mit großer Zärtlichkeit porträtiert Sibylle Berg vier Frauen Anfang 20, die – schwankend zwischen Aggression und Apathie, Aufbruch und Abgeklärtheit – unsicher sind, wofür sie kämpfen sollen, und bei denen schon das Wort „wir“ für Skepsis sorgt.

Und dann kam Mirna

Nach der Party: Aus den jungen Desperados in „Und jetzt: die Welt!“ sind inzwischen Mütter geworden – alleinerziehend, in klassischer Paar-Beziehung lebend oder in einer Kommune. Die glanzvolle Karriere ist ausgeblieben, stattdessen wächst mit Anfang 30 die Erkenntnis, erschütternd durchschnittlich zu sein, während die Energie abnimmt, das eigene Leben grundlegend zu ändern. Immerhin bäumen sich Bergs Frauen noch einmal auf, wollen ihre gentrifizierten Wohnviertel verlassen und von der Stadt aufs Land ziehen, weg von Sozialhilfe oder Betreuungsgeld, hin zur autonomen Selbstversorgung. Nur die Begeisterung ihrer Kinder hält sich in engen Grenzen.

Raffiniert hat Berg ihrer Mutter-Suada, die um Genderfragen, Kapitalismus, Klimawandel, Bürgerkriege oder die Allmacht Googles kreist, eine zweite Ebene eingezogen. Denn längst gibt es, verkörpert durch die Tochter Mirna, eine neue Generation, die gänzlich andere Umgehensweisen mit den Ängsten und Idealen ihrer Eltern entwickelt hat.

Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause

Im Netz und auf der Straße protestiert die Mehrheit gegen die Zumutungen der Demokratie, hetzt immer lauter gegen Fremde, Schwule, Tofuschnitzel. Für die anderen bleibt nur die Flucht zum Mars, wo das Experiment einer freien, friedlichen und gleichberechtigten Gesellschaft noch einmal neu gestartet werden soll. Einen Platz in der bereitstehenden Rakete bekommen aber lediglich Zweierteams aus Mann und Frau, der Fortpflanzung geschuldet – eine hohe Hürde, denn was könnte schwerer sein als eine funktionierende Beziehung?

Nach der überstandenen Jugend in „Und jetzt: die Welt!“ und den Herausforderungen der Mutterschaft in „Und dann kam Mirna“ folgt für Sibylle Bergs vier Frauen nun die Mission „Liebe“. Unter Zeitdruck müssen sie den passenden Partner für sich casten, um einer Welt entfliehen zu können, die zunehmend verroht und nationalistische Parolen brüllt. Doch wie tief soll man die eigenen Ansprüche schrauben? Wie sehr entspricht man selbst dem eigenen Ideal? Hat man sich nicht viel zu lange viel zu bequem in diversen Nischen eingerichtet und dabei das große Ganze aus dem Blick verloren? Und wie vereinbar sind privates Glück und politischer Widerstand? „Nach uns das All“ zeigt eine Generation, die grundlegend ratlos ist und für die es immer weniger richtige Alternativen im falschen Leben gibt.

Inka Mühlbrandt

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