Unsere Frau der Woche: Tupoka Ogette

Tupoka Ogette ist Antirassismus-Trainerin, Beraterin, Coach und Autorin. In ihren Workshops, ihrem Buch exit RACISM und dem Podcast TUPODCAST begleitet sie weiße Menschen auf dem Weg zum rassismuskritischen Denken und Handeln.

Schon als Schwarzes Kind wird Tupoka Ogette immer nach ihrer Herkunft gefragt – Leipzig. Doch damit geben sich die meisten nicht zufrieden.

„Und dann entsteht natürlich dieses Gefühl von – Ja du bist hier anscheinend nicht zu Hause, sonst würden das nicht alle immer sagen“ – Tupoka Ogette in der ZDF-Dokureihe GERMANIA: „Tupoka Ogette – Afrodeutsche Vorbilder“

Von klein auf macht sie immer wieder Rassismuserfahrungen. Besonders in der Pubertät sucht sie nach einem „Zuhause, oder dem Ort, wo ich mich nicht erklären muss“, wie sie in der ZDF-Dokumentation GERMANIA berichtet. Als sie dann ihren Vater und Verwandte in Tansania besucht, ist sie für alle nur die Deutsche und findet auch dort nicht das ersehnte Zuhause. Während ihres Studiums der Afrikanistik und Deutsch als Fremdsprache in Leipzig tauscht sie sich erstmals mit anderen Afrodeutschen über Rassismuserfahrungen aus. Sie merkt – nicht ich bin das Problem, sondern der Rassismus.

Lange Zeit hatte ich keine Worte für die Rassismuserfahrungen, die ich als Schwarzer Mensch in einer weißen Mehrheitsgesellschaft mache. Keiner um mich herum hatte Worte dafür. Rassismus war ein Tabuthema aber dennoch omnipräsent. – Tupoka Ogette

Antrieb aus der Ohnmacht

Illustriertes Portrait von Tupoka Ogette.

(c) Tupoka Ogette

Später arbeitet sie als interkulturelle Mediatorin und Wahlkampfassistentin in Tansania und studiert International Business in Frankreich, wo sie anschließend als Lektorin arbeitet.
Als dann zurück in Deutschland ihr Sohn auf dem Spielplatz die gleichen Erfahrungen macht, wie sie als Kind, kann sie das Ohnmachtsgefühl und die Wut nicht mehr ertragen. Sie gibt einen Workshop für Eltern von Schwarzen Kindern die Resonanz ist riesig. Seit 2012 arbeitet sie als freiberufliche Trainerin und Beraterin im Bereich Rassismuskrititk und Antirassismus. Seit vier Jahren arbeitet sie mit ihrem Ehemann, dem Bildhauer und Künstler Stephen Lawson, als Selbstständige. Heute bieten beide, auch gemeinsam, Workshops, Beratungen und Bildungsmaterial an, inzwischen auch als Online-Formate. Tupoka Ogette und ihr Team haben in ihren Bildungsangeboten schon über 10000 Menschen aus über 300 Institutionen auf dem rassismuskritischen Weg begleitet. Sie werden von den verschiedensten Organisationen gebucht – von Wirtschafts- oder Medienunternehmen, NGOs und Bildungsinstitutionen.

„Wir wissen und glauben daran:  Rassismuskritisch denken, sprechen und handeln lernen ist möglich und bereichernd!“ – Tupoka Ogette

Happyland überwinden

Vielen Menschen, die Tupoka Ogettes Kurse besuchen, ist nicht bewusst, dass Rassismus auch Teil ihrer Sozialisation ist. Diesen Zustand nennt Tupoka Ogette „Happyland“. In Happyland leben weiße Menschen,  bevor sie bereit sind, sich aktiv mit Rassismus zu beschäftigen, wie Tupoka Ogette in exit Racism beschreibt. Bewohner*innen von Happyland verurteilen Rassismus als ein Problem, mit dem nur Rassist*innen etwas zu tun haben und nicht sie selbst. Außerdem glauben sie, dass Rassismus etwas Vorsätzliches ist, dabei blenden sie mögliche Wirkungen ihrer eigenen Handlungen aus. Doch in Happyland werden Menschen ausgeschlossen und diskriminiert, die nicht weiß sind. „Aus Happyland ausziehen“, das ist ein Ziel von Tupoka Ogettes Workshops.

Wir beobachten oft erst einmal ein großes Interesse. Ich will mich damit beschäftigen, weil ich gelernt habe: Rassismus – das sind rechte Parteien, Nazis und Skinheads. Das finde ich schlecht, dagegen möchte ich vorgehen. Im Laufe des Prozesses verstehe ich aber, dass es um mich selbst geht. Ich muss mich selbst reflektieren. Und das ist eine große, starke Auseinandersetzung, die mit ganz vielen Emotionen einhergeht. Wut, Abwehrreaktionen, Unsicherheiten, Ohnmacht. Das Wichtige daran: Das ist keine individuelle Erfahrung, sondern das ist eine kollektive Erfahrung, das machen fast alle durch. Unser Job ist es, die Menschen da gut durchzubegleiten.- Tupoka Ogette im Interview mit ZDFheute

Antirassismus-Workshops

Im ersten Schritt geht es in den Workshops deswegen erst einmal darum, anzuerkennen, dass weiße Menschen in einer Gesellschaft sozialisiert wurden, die von Rassismus geprägt ist. Erst danach beschäftigen sich Trainierende und Teilnehmende gemeinsam mit Dekonstruktion und damit, neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Dabei vermitteln Tupoka Ogette und ihr Team auch grundlegendes Wissen über Rassismus und Kolonialismus, da diese Theman im deutschen Schulsystem vernachlässigt werden. Anschließend geht es darum, die eigene Sprache zu beleuchten und Privilegien zu reflektieren. Schließlich überlegen die Teilnehmenden, was sie tun können, um den Alltag rassismuskritischer zu gestalten. Doch wie Tupoka Ogette betont: „So ein Workshop ist nur ein Punkt auf einer idealerweise lebenslangen Reise.“  Wichtig ist es laut Tupoka Ogette, in der Gesellschaft mehr über Rassismus zu sprechen.

„Der größte Teil der Arbeit ist, immer erstmal zu gucken: Rassismus gibt es heute noch und hat ganz viel auch mit dir selber gemacht“ – Tupoka Ogette in der Video-Dokumentation „Berliner Farben | Episode 6: „Exit Racism mit Tupoka Ogette und Stephen Lawson“

exit RACISM & TUPODCAST

Das Buch und Hörbuch exit RACISM – rassismuskritisch denken lernen erschien 2017. Es ist als interaktives Buch konzipiert – eine Kombination aus Text, Fragen zur Selbstreflexion, Video-Links und Logbuch-Einträgen von weißen Menschen während ihrer Auseinandersetzung mit Rassismus. Ohne erhobenen Zeigefinger begleitet Tupoka Ogette die Leser*innen auf ihrem Weg zum rassismuskritischen Denken – ein schwieriger Prozess mit mehreren Phasen, der große Aha-Momente mit sich bringt und uns Vergangenheit und Alltag mit anderen Augen sehen lässt. Zur Leseprobe geht es hier.

Seit 2019 spricht Tupoka Ogette in ihrem Podcast  TUPODCAST – Gespräche unter Schwestern  mit anderen Schwarzen Frauen übers „(Über-)Leben, Lieben, Entdecken, (Er-)Schaffen, (Er-)kämpfen, (Er-)Forschen , Inspirieren und Schreiben. Über Widerstand und Heilung. Über Trauer und Hoffnung. Über Rassismus und Empowerment.“ Alle –  weiße Menschen und BiPOC – können dabei Fragen an sie und ihre Gäste stellen oder per Sprachnachricht Feedback geben. Der Podcast ist Tupoka Ogettes Herzensprojekt. In diesem Jahr stellt sie anlässlich des Black History Months im Februar außerdem auf ihrem Instagramprofil tupoka.o jeden Samstag bemerkenswerte Schwarze Personen und deren Errungenschaften, Visionen und mehr vor.

Ziel und Weg

Tupoka Ogettes Mission ist eine Gesellschaft, die Vielfalt schätzt, denn diese hat ein großes Potential. Das braucht Mut zur Selbstreflexion und zum Perspektivwechsel. Bis zu einer Gesellschaft ohne Rassismus ist es noch ein langer Weg. Tupoka Ogette wünscht sich, dass wir bis dahin alle mehr darüber sprechen. Dafür möchte sie Räume schaffen, und deswegen ist sie unsere Frau der Woche!

„Mein Ziel ist es, dass die Leute nicht mit Scham oder Schuld aus unseren Antirassismus Workshops herausgehen, sondern mit einem Gefühl der Verantwortung. Wir alle können nichts für die Welt in die wir hineingeboren wurden. Aber jede und jeder kann Verantwortung übernehmen und diese Welt mit gestalten.“ – Tupoka Ogette

Tupoka Ogette: “Afrodeutsch? Das bin ja ich!” | GERMANIA – YouTube

 

Charlotte Kaemmerer

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