Vergessenskultur: Die Trostfrau von Berlin soll weg

Trigger Warnung: Dieser Artikel beinhaltet die Themen sexuelle Gewalt, Gewalt an Kindern und Kriegsverbrechen. Bitte lesen sie auf eigene Verantwortung.

Ein Mädchen aus Bronze sitzt in traditioneller, koreanischer Tracht auf einem Stuhl. Das Haar ist wirr, die Hände im Schoß geballt. Es ist eine Statue, die in Berlin in den letzten Wochen für viel Aufsehen gesorgt hat. Japans Außenministerium reagierte und drängte: Die Statue muss weg. Das Berliner Bezirksamt Mitte: Stimmte zu und widerrief die Berechtigung für die Statue. Und das, obwohl Artikel 5 des deutschen Grundgesetzes die Meinungsfreiheit, auch in der Kunst, erlaubt. Ganz zu schweigen von den Implikationen, die solch ein Handeln hat. Ein Handeln, welches zu einem Aufschrei der koreanischen Gemeinde in Berlin geführt hat, der seine Echos in Deutschland und der ganzen Welt verbreitet.

Denn die Statue steht nicht aus rein ästhetischen Gründen an ihrem Straßeneck. Sie ist ein Symbol für tausende Mädchen und Frauen, die über Jahre sexueller Gewalt ausgesetzt waren. Und sie ist eine Erinnerung an alle Frauen, die an Kriegsverbrechen gelitten haben und noch immer leiden.

Die Bronzestatue eines Mädchens sitzt auf einem Holzstuhl auf einer Plattform aus weißem Marmor. Sie trägt traditionell koreanische Kleidung und hat echte Blumen im Schoß und zu ihren Füßen drapiert

(c) https://de.wikipedia.org/wiki/Friedensstatue

Eine Geschichte über 200.000 Mädchen und Trost

Das abgebildete Mädchen in Berlin könnte eines von 200.000 sein, welche alle ein Schicksal teilen. Inzwischen sind sie keine Mädchen mehr, die Zeit hat auch bei ihnen nicht haltgemacht, wie der als Mosaik abgebildete Schatten der Statue symbolisiert. Und dennoch bleibt die Erinnerung, welche droht mit der Zeit in Vergessenheit zu geraten.

13 Trostfrauen, Mädchen und junge Frauen, sind in einer Reihe aufgestellt

(c) Wikipedia

Es begann Anfang des 20. Jahrhundert. Japan weitete sich in Asien aus und besetzte umliegende Gebiete, darunter auch Südkorea. 1937 begann dann der Asien-Pazifik-Krieg. Dieser ging bis 1945, zuerst mit einem Konflikt zwischen Japan und China, dann mit dem zwischen Japan und den USA. Es war ein zehrender Krieg. Um die Kampfmoral der Soldaten zu erhalten, kamen die damaligen, japanischen Machthaber auf eine Idee, welche die Leben all jener Mädchen verändern sollte.

Sexuelle Gewalt mit System

Japanische Soldaten gingen in besetzte Gebiete, sprachen Familien und Einzelpersonen an. Bei vielen waren die Männer bereits im Krieg, im unfreiwilligen Kampf für das japanische Militär. Nun wurden die jungen Frauen und Mädchen der Familien aufgefordert, sich für den Kampf Japans nützlich zu machen. Bei der Produktion helfen und ähnliche Vorwände. Im Fall von Kim Bok-dong, einer südkoreanischen Staatsbürgerin, wurde die Familie dazu aufgefordert ihre Tochter für die Arbeit in einer Textilfabrik abzugeben, erzählt die Frau in einem Interview. Zu ihrer Volljährigkeit würde sie wieder zurückgebracht werden, hieß es. Nein zu sagen war keine Option. Doch was die Mädchen empfing waren nicht die versprochenen Fabriken. Es waren Militärbordelle.

Eine chinesische Trostfrau wird von einem amerikanischen Soldaten befragt. Sie sieht abgemagert und müde aus

(c) Wikipedia

Was darauf folgte waren Jahre der Zwangsprostitution, Sklaverei und systematische, sexuelle Gewalt. Denn was spendet einem Soldaten fernab von Zuhause besser Trost vom harschen Krieg als Sex?

Aus 13 Ländern kamen die Mädchen und Frauen, ein Teil davon aus Südkorea, berichtet die AG Trostfrauen. Manche von ihnen waren erst 11 Jahre alt, andere bis zu 29 Jahre. Trostfrauen wurden sie genannt. 1945 endete die Praxis der Trosthäuser, wie die Bordelle bezeichnet wurden, mit der Besiegung Japans.

 

Erinnern oder vergessen?

Jede*r, welche*r die deutsche Kultur teilt oder erlebt hat, weiß was es heißt, mit schwerwiegenden Kriegsverbrechen in der nationalen Vergangenheit zu leben. Viele der beteiligten Soldaten und Zivilist*innen aus dem zweiten Weltkrieg sind bereits verstorben. Nur ihre Geschichten und das düstere Erbe bleiben. Es ist eine oft geführte Debatte in Deutschland, wie mit den Taten umzugehen ist. Das Land hat sich für eine Erinnerungskultur entschieden. Es soll sich erinnert werden, damit die Gewaltakte der damaligen Zeit nicht wiederholt werden. Doch nicht jede Nation hat beschlossen, sich zu erinnern.

Bis 2015 erkannte die japanische Regierung das Kriegsverbrechen nicht an. Die Anerkennung erfolgte unpersönlich als Entschuldigung in einer Vereinbarung zwischen Südkorea und Japan. Hierin drückt der damalige Außenminister Japans, Fumio Kishida, Reue für das, was den Trostfrauen angetan wurde, aus. In derselben Vereinbarung erwähnt der südkoreanische Außenminister, Yun Byung-se, zudem, dass die koreanische Regierung wegen der ersten Trostfrauenstatue in Seoul bereits unter Druck gesetzt wurde. Sinn der Statuen ist, an die Verbrechen an den Trostfrauen zu erinnern. Zusätzlich dazu folgte 2015 eine einmalige Zahlung von 8,3 Millionen Dollar, damals etwa 7,5 Millionen Euro. Das Geld wurde von der japanischen Regierung an die koreanische vergeben und sollte an die noch lebenden Trostfrauen verteilt werden.

 

Vergessenskultur in einer globalen Welt

Weitere Beschwerden der japanischen Regierung folgten, als Reaktion auf die Aufstellung von mehr Statuen in Gedenken an die Trostfrauen. Beispielsweise wurde in Pyeongchang eine Statue errichtet, die eine Trostfrau und einen Mann abbildet. Der Mann kniet in einer traditionellen, japanischen Entschuldigung vor der Trostfrau. Dabei weist er Ähnlichkeit zu dem damaligen Premierminister Japans, Abe Shinzo, auf. Jene symbolische Entschuldigung stieß auf Kritik durch die japanische Regierung, schreibt die Japantimes. Als Folge wurde von Japan darauf hingewiesen, dass die Statue die Beziehungen zwischen Japan und Südkorea verschlechtern könnte. Weiterführend wurde ebenfalls, wie auch bei der Statue in Seoul, darauf gedrängt, die Trostfrauenstatue zu entfernen, berichtet die Zeitung.

Ähnliche Bemühungen wurden bereits überall auf der Welt von der japanischen Regierung unternommen, mit gemischtem Erfolg. Die Trostfrauenstatue in San Francisco wurde erfolgreich von der lokalen, koreanischen Gemeinschaft, sowie ihren Mitstreitern, verteidigt. Dies kostete sie ihre Partnerstadt Osaka. In Städten wie beispielsweise Freiburg wurde jedoch die Errichtung einer Friedensstatue erfolgreich von Japan verhindert. Es ist immer das gleiche Muster: Eine Trostfrauenstatue soll errichtet werden. Die japanische Regierung übt Druck auf die lokale Politik aus, mit der Androhung von verschlechterten Beziehungen. Und die lokale Politik und Gruppen reagieren.

Bei dem Konflikt ist jedoch auch anzumerken, dass es sich bei dieser Kultur des Vergessens um die Meinung der japanischen Regierung handelt. Dies ist nicht repräsentativ für die allgemeine Bevölkerung oder einzelne Individuen. Es ist ein Konflikt, der sich auf der politischen Ebene abspielt, in welchem sowohl Sympathisanten, als auch die überlebenden Trostfrauen selbst oft untergehen.

Das Bronzemädchen in Berlin

Am 28. September 2020 wurde nun in Berlin die neueste Trostfrauenstatue enthüllt. Es ist das Ergebnis langer Vorbereitung mit großem Einsatz der Trostfrauen AG. Dies ist eine Arbeitsgruppe des Berliner Korea Verbands, welcher sich für die Gestaltung und Aufstellung der Statue eingesetzt hat, schreibt die AG. Jene Statue steht auf öffentlichem Grund an der Ecke Birkenstraße und Bremer Straße. Sie wurde von dem Bezirksamt Mitte in Berlin genehmigt.

Nun griff das bekannte Muster, wie es schon so oft zu beobachten war. Am 7.Oktober traf eine Anordnung des Bezirksbürgermeisters Berlin Mitte, Stephan von Dassel, beim Berliner Korea Verband ein: Die Friedensstatue solle entfernt werden, so berichtet der Korea Verband. Dies geschah auf einen Protest der japanischen Regierung hin. Wie immer merkte die japanische Regierung an, dass sich die Statue schlecht auf die Beziehung der beiden Nationen auswirken würde. Außerdem drohte sie, die Städtepartnerschaft mit Berlin aufzulösen, falls die Trostfrauenstatue nicht entfernt werden würde.

Jene Anordnung führte zu Widerstand der koreanischen Gemeinde Berlins und ihrer Befürworter*innen. Darauffolgend erstellte eine Befürworterin eine Petition und die Gemeinde veranstaltete eine Demonstration am 13. Oktober. Weiterführend formulierte die AG „Trostfrauen“ ebenfalls einen offenen Brief, welcher bisher bereits von Hunderten unterzeichnet wurde.

Zuletzt verkündete dann das Bezirksamt Mitte am 13. Oktober, dass die Friedensstatue vorerst bleiben kann. Nun wird der Fall an das Verwaltungsgericht weitergereicht. Ob die Trostfrau von Berlin bleiben kann, wird sich noch herausstellen. Berlin trägt hierbei in dem andauernden Konflikt zwischen Erinnern und Vergessen eine wichtige Bedeutung. Denn wie die überlebende Trostfrau Lee Yong-soo in einer Pressekonferenz in der deutschen Botschaft, frei übersetzt, sagte: Berlin ist der „Mittelpunkt des Gewissens der Welt“.

Annika Kirchbach

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