“Das Leben in dieser Gesellschaft ist ein einziger Stumpfsinn, kein Aspekt der Gesellschaft vermag die Frau zu interessieren, daher bleibt den aufgeklärten, verantwortungsbewussten und sensationsgierigen Frauen nichts anderes übrig, als die Regierung zu stürzen, das Geldsystem abzuschaffen, die umfassende Automation einzuführen und das männliche Geschlecht zu vernichten.” (Valerie Solanas: Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer – S.C.U.M., Darmstadt: März Verlag 1969, S. 9)
(c) Screenshot / Youtube / ARTE
Die Arte-Doku „Ich habe auf Andy Warhol geschossen – Scum Manifesto“ beschäftigt sich mit Valerie Solanas, eine der radikalsten Persönlichkeiten der feministischen Geschichte, die bis heute noch missverstanden wird. Denn Valerie Solanas wurde vor allem durch ein Ereignis weltbekannt: 1968 schoss sie auf den Pop-Art-Künstler Andy Warhol. Sie wurde daraufhin als verrückt abgestempelt und aus dem öffentlichen Diskurs verbannt. Die Doku, welche auf Archivmaterial und Schriften von Valerie Solanas basiert, erzählt von Valerie Solanas Leben und stellt szenenartig vorgetragene Ausschnitte aus ihrem berühmten S.C.U.M Manifest vor.
Das Leben von Valerie Solanas
Valerie Solanas war die ältere von zwei Töchtern. Ihre Kindheit war von der gewaltvollen Beziehungen zu ihrem Vater, der sie sexuell missbrauchte, geprägt.
“Die Mutter will das Beste für ihre Kinder. Daddy will das Beste für Daddy. Außerdem begehrt er seine Tochter sexuell – er gibt ihre Hand zur Ehe; der andere Partner ist nur für ihn da.” (S. 19)
Als sie 14 Jahre alt war, wurde sie in ein Pensionat geschickt, in welchem sie kurz darauf ihre Tochter zur Welt brachte. Ihre Tochter ließ sie jedoch bei ihrer Mutter, welche das Kind als ihr eigenes ausgab, aufwachsen. Mit 16 wurde Solanas erneut schwanger und machte so einen Deal mit einem wohlhabenden Paar: Ihr Kind im Gegenzug zur vollständigen Finanzierung ihres Studiums. „Damals wurde mir klar, dass mein Bauch zu Geld gemacht werden kann“, zitiert die Doku Solanas.
Sie studierte sodann Psychologie an der University of Maryland, wodurch sie sich in einem fast ausschließlich von Männern dominierten Umfeld befand, wo die einzigen Frauen sich zusammensetzten aus „>>kultuvierten<<, höfflichen, würdigen, unterwürfigen, abhängigen, verschreckten, bewusstlosen, unsicheren, Anerkennung suchenden Daddy-Töchtern, die sich in der zumindest vertrauten Kloake wälzen wollen, die auf den Stand der Affen geblieben sind, die sich nur sicher fühlen, wenn Daddy in der Nähe ist und wenn im weißen Haus ein großer, starker Mann mit einem fetten, haarigen Gesicht sitzt, auf den man bauen kann[.]” (S. 62).
Bei ihrer Arbeit in einem Tierlabor, welche sie während des Studiums anfing, entwickelte sie dann ihre berüchtigte These:
“Der Mann ist eine biologische Katastrophe: das (männliche) Y-Gen ist ein unvollständiges (weibliches) X-Gen. (…) Der Mann ist eine unvollständige Frau, eine wandelnde Fehlgeburt.” (S. 9)
Sowie die meisten Frauen aber zur damaligen Zeit selten über den Bachelor hinauskamen, wurde auch Valerie Solanas dazu gedrängt, ihren Masterstudiengang abzubrechen.
Die Schüsse auf Andy Warhol
In den frühen 1960er-Jahren ging Solanas nach New York, wo sie überwiegend im Chelsea Hotel lebte und sich ihr Leben zeitweise durch Prostitution finanzierte. Denn, obwohl sie sich als Lesbe bekannte, wusste sie von der Zwanghaftigkeit männlicher Sexualität und machte sich diese zu Nutzen. Mit bildhaften Worten beschreibt sie in ihrem Manifest das sexuelle Begehren des Mannes, das von Scham, Angst, Unsicherheiten und zugleich obsessiver Triebhaftigkeit bestimmt ist:
“Obwohl er von Schuld- und Schamgefühlen, Angst und Unsicherheit aufgefressen wird und – wenn er sich glücklich fühlt – nur ein kaum wahrnehmbares körperliches Gefühl aufbringt, ist der Mann gleichwohl wie besessen aufs Vögeln; er wird durch einen See voll Rotz schwimmen, meilenweit durch bis zur Nase reichende Kotze waten, wenn er nur glaubt, dass am anderen Ufer ein freundliches Vötzchen auf ihn wartet. Eine Frau, die er verachtet, wird er trotzdem vögeln, irgendeine zahnlose alte Hexe, und darüber hinaus für diesen Glücksfall noch bezahlen.” (S. 11f.)
In New York fing sie an, zu schreiben. So verfasste sie das Theaterstück „Up your ass“, für welches sie den Kontakt zu Andy Warhol suchte, da sie sich von ihm Anerkennung und Öffentlichkeit für das Theaterstück erhoffte: leider vergeblich.
2 Jahre später, 1967, hatte sie ihr S.C.U.M Manifest (Society For Cutting Up Men), in welchem sie das Patriarchat und den Kapitalismus attackierte und sich mit Überzeugung für die Vernichtung des männlichen Geschlechts aussprach, fertig geschrieben. Zufälligerweise bekam sie Warhols Nummer und kontaktierte ihn erneut. Doch aus ihrem Wunsch einer gemeinsamen Zusammenarbeit wuchs Misstrauen. Zuerst dachte sie, dass Warhol zu den Männerhilfstruppen der SCUM gehören könnte, solchen Männern, „die fleißig daran arbeiten, sich selbst zu eliminieren; Männer, die – aus welchen Motiven auch immer – Gutes tun; Männer, die SCUM in die Hände arbeiten.“ (S. 64) Solanas war allerdings überzeugt davon, dass Andy Warhol ihre Ideen gestohlen und sie ausgenutzt habe – ebenso wie ihr Verleger Maurice Girodias, den sie ungefähr zur gleichen Zeit kennenlernte und der sie dazu brachte, alle Rechte an ihren Werken abzutreten. Beide beschimpfte sie daraufhin als „Diebe und Ausbeuter“.
Am 3. Juni 1968 betrat Valerie Solanas die Factory in New York und gab drei Schüsse auf Andy Warhol ab. Der Polizei erklärte sie dazu: „Ich habe eine Menge schwerwiegender Gründe. Lesen Sie mein Manifest, und Sie wissen, wer ich bin.“ (S. 88) Ein richtiger Prozess wurde ihr daraufhin verwehrt: sie wurde für unzurechnungsfähig erklärt und in die Psychiatrie eingewiesen. Andy Warhol verzichtete auf eine Klage – vermutlich, um einen öffentlichen Prozess zu vermeiden und Solanas damit endgültig zum Schweigen zu bringen.
Die Zeit danach
Kurz nach den Schüssen auf Warhol veröffentlichte Giordias das Manifest. Ein tragischer Ausgang: Obwohl Solanas ihr Leben danach widmete, sich nicht den Männern unterzuordnen, wurde ihr Werk am Ende nur deswegen veröffentlicht, weil sie auf Warhol schoss. Sie erhielt zudem auch keinen Cent von der Publikation ihres Werks.
Im Januar 1969 wurde sie für drei Jahre in ein Frauengefängnis inhaftiert. Eine Bewegung von Feministinnen verteidigte Solanas, die sich jedoch davon klar distanzierte: Sie sah sich als Einzelne bereit, wirklich etwas gegen das Patriarchat zu tun und erkannte der feministischen Bewegung den Mut und den Willen zur Veränderung ab.
Nach ihrer Entlassung wurde Valerie Solanas zunehmend paranoid. Sie lebte isoliert, verarmt und krank. 1988 starb sie mit 52 Jahren an einer Lungenentzündung.
Warum diese Doku?
Die Dokumentation nähert sich Valerie Solanas nicht als Wahnsinnige an, sondern als das menschliche Produkt einer von männlicher Macht und Gewalt durchdrungenen Gesellschaft. Sie reduziert Valerie Solanas nicht auf ihre Tat, stattdessen bemüht sie sich mit Hilfe ihres visionären Manifests, ihren Werdegang und ihre Bedeutung für die Geschichte des Feminismus aufzuzeigen.
Ich kann neben der Doku außerdem nur empfehlen, das S.C.U.M. Manifest selbst einmal zu lesen. Nicht um Gewalt zu glorifizieren, sondern um unterdrückte weibliche Wut und Frustration zur Sprache zu verhelfen. Valerie Solanas bringt auf ungewollt polemische, humorvolle Weise zum Ausdruck, was jede Frau nachspüren kann.
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