Paula Modersohn-Becker gilt heute als feministische Ikone und war ihrer Zeit voraus. Mit Tabubrüchen und neuen Maltechniken hat sie die westliche Ikonografie auf den Kopf gestellt. Aber wie?

Paula, so wie sie liebevoll in Bremen genannt wird, ist ihren eigenen Weg gegangen, ohne Kompromisse einzugehen. Damit hat sie einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Kunstwissenschaftler*innen sagen: “Sie war ihrer Zeit voraus. Wir haben ganze 125 Jahre gebraucht, um das zu erkennen”. Während andere Künstler den Fokus auf Schönheit und Idealismus legten, hat sie ihnen den Expressionismus vorweggenommen und Dinge so gemalt, wie sie sie gesehen hat – unbeschönigt, einfach und wirklichkeitsnah. Dabei hat sie neue Maltechniken entdeckt und den Horizont der Kunst erweitert. Die Dokumentation „Paula Modersohn-Becker. Keine Kompromisse“ ist ein Mix aus nachgespielten Szenen aus heutiger Perspektive, vorgelesenen Tagebucheinträgen und Redebeiträgen von Kunstexpert*innen. Es sind tiefergehende Szenen, die ihr Leben, ihre Gedanken und Gefühle widerspiegeln.
Umstände ihrer Zeit
Bis 1919 wurde Frauen die Zulassung an staatliche Kunstakademien untersagt. Zu Paulas Lebzeiten gab es in Deutschland nur drei Anlaufstellen für Frauen, um Kunst studieren. Private Kunstakademien, die sogenannten Damenakademien, gab es in Berlin, München und Karlsruhe. Neben der Rarität an Kunstschulen hatten Frauen noch mit strengeren Aufnahmebedingungen und höheren Studiengebühren als bei Männern zu kämpfen. Der gesellschaftlichen Norm zufolge sollten Frauen dem deutschen Programm der drei Ks folgen: Kirche, Kinder, Küche.
Aber nicht Paula!
Keine Kompromisse – weder im Privaten noch in der Kunst
Während sich ihre beste Freundin Clara Rilke-Westhoff beispielsweise teilweise aus der Kunst entfernt hat, um sich der Familie widmen, war Paula bestärkter denn je, diesen Weg nicht einzuschlagen. Sie wollte sich den gesellschaftlichen Normen und Geschlechterrollen nicht beugen, sondern weiterhin malen, in Pariser Freiheit leben und dort die neueste Kunst kennenlernen. Ihre Kunst ist eine Mischung aus bedingungsloser Moderne und Formreduktion sowie Formen aus jahrtausendealter Kunst – kraftvoll, intim und introperspektivisch. Was hätte sie wohl noch für Werke geschaffen, wenn sie länger gelebt hätte?
Der bleibende Eindruck
Ende des 19. Jahrhunderts sind Tausende Künstler*innen nach Paris gegangen, um sich einen Namen zu verschaffen, doch laut Kunsthistoriker*innen gibt es nur eine Handvoll, die wir heute kennen. Darunter natürlich auch Paula. Sie wurde zu einer feministischen Ikone – nicht nur in Deutschland, sondern auch in Paris und zunehmend in den USA. Zeitgenössische Künstler*innen befassen sich auch über hundert Jahre später noch mit ihrer Kunst und sehen sie als Quelle für Inspiration. Paula hat aber nicht nur mit ihren Werken die Kunst nachhaltig geprägt, sondern auch den Feminismus. Sie hat nie aufgeben und für ihren Traum gekämpft – damit können wir uns heute auch identifizieren.
Jule Bertke



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