Gewalttätig, korrupt, größenwahnsinnig, brutal. Bei dieser Beschreibung denkt man eher weniger an Feminismus. Männlich codierte Ästhetik und blutverschmierte Gesichter geben auch den Ton im Trailer an. Weder die Vermarktung noch der Titel lassen vermuten, dass sich dahinter eine umfassende Kritik verbirgt – inklusive dem Patriarchat. The Boys – die Erfolgsserie aus den USA, die auf dem gleichnamigen Comic von Garth Ennis und Darick Robertson basiert – veröffentlichte kürzlich ihre letzte Staffel auf Amazon Prime. Die Serie hat bereits seit Jahren einen gigantischen Erfolg: Schon zwei Wochen nach Release der ersten Staffel 2019 war sie die meistgesehene Serie des Jahres auf Prime Video und hält außerdem 84 Prozent auf Rotten Tomatoes. Doch wie kann eine Serie, die scheinbar für ein stereotypisch männlich konnotiertes Publikum aufbereitet ist und mit derben Sprüchen sowie explodierender Gewalt regelrecht um sich wirft, so feministisch sein? Oder ist genau das die Strategie?

Die Demontage der Superheld*innen
Wie würden Superheld*innen in unserer Realität funktionieren? Genau mit dieser Thematik setzt sich The Boys auseinander. In der Serienwelt stehen, wie in so vielen anderen Sendungen, Superheld*innen (die sogenannten Supes), im Fokus. Allerdings ist hier keineswegs von moralischen und durchweg guten Weltbeschützer*innen die Rede. Vielmehr wird genau dieses Image durch das Mega-Unternehmen Vought International künstlich inszeniert – beispielsweise durch Blockbuster-Filme oder vorab geplante Rettungsaktionen, die „rein zufällig“ gefilmt und auf Social Media gepostet werden. Die Supes besitzen zwar tatsächlich übermenschliche Fähigkeiten, werden aber skrupellos vermarktet. Tatsächlich kritisiert die PR-Abteilung echte Hilfseinsätze sogar scharf, da der mediale Hype fehle. Obendrauf besitzen viele der Supes eine starke Tendenz zu Verbrechen, die der Konzern ohne schlechtes Gewissen vertuscht.
The Boys – eine Gruppe von Menschen, die im Laufe der Handlung an Zuwachs gewinnt – versuchen mit allen Mitteln, diese Wahrheit aufzudecken und die Menschheit vor den vermeintlichen Held*innen zu schützen. Interessanterweise bestehen weder The Boys noch ihre Supe-Gegenspieler*innen The Seven ausschließlich aus Männern. Der Name wird vielmehr vom selbsternannten Anführer der Gruppe, Billy Butcher, etabliert. Eben jener ist das perfekte Beispiel dafür, dass das Skript kein simples Schwarz-Weiß-Denken zulässt. Auch die Boys greifen auf unkonventionelle und brutale Methoden zurück, um ihre Feinde zur Strecke zu bringen. Beide Seiten verüben Verbrechen, sind moralisch verwerflich, vertreten patriarchale Ansichten und handeln aus Gier nach Macht. Gewalt wird also scheinbar mit noch mehr Skrupellosigkeit beantwortet. Zwar gibt es immer wieder Figuren, die diesen Zyklus zu durchbrechen versuchen (interessanterweise meist weiblich gelesene Personen), allerdings verstricken sich auch diese irgendwann im allgegenwärtigen Teufelskreis.
Feminismus im Blutrausch: Intersektionalität in The Boys
Wenn alle verdorben sind und patriarchale Gewalt im Vordergrund steht – wie kann das Ganze dann trotzdem so intersektional feministisch sein? Obwohl scheinbar weder der Titel noch der Inhalt auf den ersten Blick das Geringste mit Emanzipation zu tun zu haben, wird das Format in der Popkultur unter anderem genau deswegen gefeiert. Neben mehr oder weniger eindeutiger Kritik an derzeitigen Regierungsformen, Faschismus und dem Kapitalismus selbst, werden auf vielschichtige Weise feministische Diskurse eingeflochten. Natürlich serviert mit einer ordentlichen Portion Gewalt, Beleidigungen, Sex und Drogen.
Muttermilch und Größenwahn: Die Karikatur toxischer Männlichkeit
Der Anführer der Supes, Homelander (als düstere Anlehnung an Superman gedacht), ist die ultimative, teils satirische Verkörperung von toxischer Männlichkeit. Mit einem extrem zerbrechlichen Ego, einem Fetisch für Muttermilch und dem Verlangen, mit sich selbst zu schlafen, besitzt er einen absoluten patriarchalen Herrschaftsanspruch. Die Handlung begleitet ihn von seinem Aufstieg als Gesicht von The Seven bis hin zu seiner Zeit als (Achtung: Spoiler!) Präsident der USA. Auf diesem Weg räumt er nicht nur wortwörtlich alle aus dem Weg, die seine Dominanz gefährden könnten, sondern wird auch immer einsamer und verzweifelter.
Beim Zuschauen wünscht man sich regelrecht, dass er dringend eine Therapie beginnt. Doch weit gefehlt: Stattdessen sucht er sich die nächste Bezugsperson, von der er sich sexuell bestätigen lässt, um sie danach eiskalt zu ermorden. Hier zeigt sich perfekt der Zwiespalt: die innere Isolation und Sehnsucht nach Liebe auf der einen Seite. Auf der anderen Seite die daraus resultierende Gier nach Unantastbarkeit. Homelander nutzt diese Position gnadenlos aus, um Menschen und Supes zu kontrollieren und die Herrschaft über die USA an sich zu reißen.
#MeToo: Skandal oder Profit?
Doch nicht nur Homelander missbraucht seine Stellung. Die gesamte Vought-Industrie sowie mehrere Supes nutzen ihren Status, um böswillige Straftaten teils gleichmütig zu verüben und zu verschleiern. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, wird alles noch als heldenhaft an die Gesellschaft verkauft. Gleich zu Beginn der ersten Staffel wird Annie (Starlight), der neueste Zuwachs der „Seven“, Opfer von sexuellem Missbrauch durch einen etablierten Supe-Kollegen. Die Serie beleuchtet intensiv, wie solche Taten durch professionelle PR-Teams unter den Teppich gekehrt werden. Es wird schmerzhaft deutlich gemacht, wie unfassbar schwer es für Überlebende ist, sich in einem derart patriarchalen System Gehör und Gerechtigkeit zu verschaffen.
Und selbst als Annie es endlich schafft, die Übergriffe öffentlich zu machen, kommerzialisiert das Management den Skandal sofort. Zwar verbannt es (vorübergehend) den Täter aus dem Team. Jedoch nutzt das Unternehmen die MeToo-Debatte zynisch dafür, sich selbst in ein positives Licht zu rücken: Bei Vought sei kein Platz für Täter. Dass der besagte Held hinter den Kulissen weiterhin Teil der Maschinerie bleibt, verschweigt der Konzern bewusst.
Pinkwashing und Bi-Erasure als PR-Strategie
Auch das Thema Queerness steht immer wieder im Fokus. Zunächst versucht Vought krampfhaft, die Sexualität von Queen Maeve (Anspielung auf Wonder Woman) geheim zu halten, um konservativen Zielgruppen nicht zu missfallen. Als sie letztendlich dennoch geoutet wird, glättet das Marketingteam ihre Bisexualität, labelt sie um und schlachtet sie aus. Maeve wird kurzerhand als lesbische Ikone vermarktet, obwohl sie selbst mehrfach betont, bisexuell zu sein. Auch ihre Partnerin wird ungewollt ins Rampenlicht gezerrt. Andere Identitäten jenseits von Hetero und Lesbisch existieren in der PR-Logik von Vought schlichtweg nicht.
Die Gefahr des White Feminism
Außerdem dekonstruiert die Serie den exkludierenden weißen Feminismus immer wieder. Figuren wie die offen rassistische und faschistische Stormfront zeigen schonungslos auf, dass weibliches Empowerment nicht automatisch positiv ist – vor allem dann nicht, wenn es mit toxischen, rassistischen oder menschenverachtenden Ideologien einhergeht.
Girls Get It Done
Wie zu erkennen ist, hat Vought das Talent, eigentlich berechtigte Systemkritik zu vereinnahmen und daraus Profit zu schlagen. Feminismus wird eiskalt zur reinen Marketingstrategie degradiert. Vor allem die Kampagne Girls Get It Done ist das perfekte Beispiel für diesen kapitalistischen Mechanismus. Es wird deutlich kritisiert, wie Großkonzerne reale Befreiungskämpfe ausschlachten. Gleichzeitig unterdrückt dasselbe System die tatsächlich betroffenen FLINTA*-Personen hinter den Kulissen weiterhin.
Blutbad mit Botschaft: Lohnt sich das überhaupt?
Die einfache Antwort lautet: Ja! Die Serie schafft es, die Gesellschaftskritik so geschickt zu verpacken, dass sie diese einem fast unbewusst unterjubelt. Auch wer keine Lust auf tiefergehende Analysen hat, wird schlichtweg von der Action, dem trockenen Humor und der absurden Superhelden-Welt, unterlegt mit wirklich epischer Musik, unterhalten. Zudem fangen herzzerreißende Liebesgeschichten und unerwartete Freundschaften die permanente und oft explodierende Gewalt wunderbar auf. Kurz gesagt: Ein Format für jede*n (über 18!), der*die Lust auf kompromisslose Action mit einer Prise intersektionalem Feminismus hat. Die letzte Folge der fünften Staffel ist vor einer Woche erschienen. Und ohne zu viel zu verraten: Wenn man denkt, noch abgedrehter kann es nicht werden, dekonstruiert die nächste Episode das Weltbild der Serie noch ein Stückchen weiter. Und vielleicht auch dein eigenes.
Katharina Wolf



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