Vorbereitung ist nicht alles

Einmal quer durch Europa – Kein Abenteuerurlaub, sondern eine stinknormale Flug- und Bahnreise. Und trotzdem aufregend. Ich werde alt!!

Innenraum eines Flugzeuges mit Passagieren

© privat ; von Alemann

Also ich will ja auf keinen Fall so eine von denen werden, die nach dem dritten Glas Wein gern im Kreise meist jüngerer ZuhörerInnen anfangen mit „Als ich so jung war wie ihr, habe ich auch so manches Abenteuer auf Reisen erlebt! Den Rucksack mit Zahnbürste, Fotoapparat und ein paar Unterhosen aufgesetzt und los….“ – diese Geschichten werden meist lang und länger und führen je nach Höflichkeits- oder Verwandtschaftsgrad der Runde zuerst zu glasigen Augen und dann direkt in den Tiefschlaf der Anwesenden.

Reiseplanung im 21. Jahrhundert

Klar: Als ich jung war, habe ich so manches Abenteuer auf Reisen…. Inzwischen ist es aber auch ganz nett, ein paar Reisevorbereitungen zu treffen, die das Abfahren, Ankommen und was auch immer dazwischen liegt, ein bisschen bequemer, vorhersehbarer und sicherer machen. Heutzutage natürlich mit Hilfe des Internets. Ich plane eine Reise nach Rumänien. Fahrkarte bei bahn.de, online gebuchter Flug, Google Maps zur Orientierung am Zielflughafen, Zugverbindungen im fernen Land – alles kein Problem mehr! Auch nicht für mich – als medienkompetente Alte! Und doch: Gewisse Unklarheiten bleiben und machen mich zusehends nervös.

Eine Frage und zu viele Antworten

Frau sitzt am PC, zu sehen ist ihr Hinterkopf vor dem Bildschirm

© privat ; Robers

Wie komme ich vom Flughafen zum Bahnhof? Ein Forum wird befragt, schließlich bin ich wohl nicht die Erste, die da unsicher durch Bukarest tappt. „Bloß kein Taxi direkt vor dem Flughafen nehmen! Das ist Abzocke pur.“ „Aber auch auf keinen Fall ein Privatunternehmen, die fahren dich womöglich auf den Acker und rauben dich aus! Wenn man nicht schon gleich im Flughafen beklaut worden ist wie meine Freundin letztes Jahr.“ „An den Taxis steht außen der Kilometerpreis in der Landeswährung dran, man braucht aber einen Taschenrechner.“ „Alles Quatsch – mit Euros lässt sich das alles bestens regeln!“ „Mit Euros?? Was Blöderes kann man ja wohl nicht empfehlen!“ „Ihr spinnt doch alle! Vom Flughafen gleich die erste links rein, da fährt der Bus Nummer 605 direkt in die Innenstadt.“ „Ohne Rumänisch wird das aber nix!“ Tja, das Internet. Basisdemokratisch, vielfältig, pulsierend. Aber nicht immer hilfreich. Meine Beklommenheit wächst mit jedem Forumsbeitrag. Die Transportfrage baut sich zu einem uneinnehmbaren Bollwerk auf. Werde ich je ankommen? Ich verstaue meine Reserve-Euros in den Schuhen unter den Einlagen, die Kreditkarte kommt in den BH (das zwickt bei jedem Schritt) und der Ausweis wird mit den rumänischen Lei in der Cargohosentasche am Knie unter ständige Kontrolle gebracht. Mehrfach versuche ich, mir die Sätze „Wie komme ich nach…?“ und „Was kostet…?“ aus meinem „Rumänisch für Eilige“ zu merken, mit zweifelhaftem Erfolg.

Erstens kommt es anders…

stehender Zug, rechts, im Vordergrund gelbes Schild

Gute Reise!
© frauenseiten – Hopfenblatt ; A. Hopfenblatt

Während wir auf den Abflug warten, spreche ich zwei junge Leute an. Sie sind aus Bukarest und sofort bereit, mich unter ihre Fittiche zu nehmen. Der Flug vergeht im Flug – ich erfahre eine Menge über ihr Studium, ihre Stadt, ihre Pläne, ihre Familien. In Bukarest angekommen, segele ich vergnügt und entspannt hinter den beiden drein. Ein junger Südkoreaner, der in Schweden studiert und zu einem Sommercamp nach Rumänien fährt, gesellt sich noch zu uns. Weit und breit niemand, der mir an die Wäsche will. Die Busfahrt gestaltet sich zur Mini-Sightseeing-Tour mit Reiseleitung de luxe: Wir werden bis in den Bahnhof begleitet und mit der entsprechenden Fahrkarte ausgestattet. Im Gegenzug lade ich alle zu einem Kaffee ein. Wir radebrechen, lachen, tauschen Mailadressen und machen das unvermeidliche Foto. Dass mein Zug längst weg ist, stört mich eigentlich kaum noch. Der spätere geht doch genauso gut, oder?! Noch die halbe Zugfahrt muss ich des Öfteren grinsen. Über die nette, unerwartete Begegnung und vor allem über mich: warum habe ich mir bloß so einen Stress gemacht? „Alles“ geht eben doch nicht vom heimischen Rechner aus. Und das ist auch gut so. Das wahre Leben ist dem digitalen eben doch an vielen Stellen so haushoch und wunderbar überlegen.

Christel Schütte

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