Gesundheit ist mehr, als einmal im Jahr zur Vorsorge zu gehen, einmal in der Woche Gemüse zu essen, ab und zu Sport zu machen oder sich einer Wandergruppe anzuschließen. Wissenschaftlich betrachtet gibt es klar definierte Determinanten, die Gesundheit beeinflussen. Das eigene Gesundheitsverhalten ist demnach nur ein Bereich unter vielen. Nach dem Modell von Dahlgreen & Whitehead (1991) betreffen die verhaltens- oder individuenbezogenen Determinanten von Gesundheit den innersten Kern des Gesamtkomplexes. Darüber hinaus gibt es den sozialen Bereich, der ebenfalls mit Gesundheit in Verbindung steht. Darüber stehen die gesamtgesellschaftlichen Bedingungen, wie Einflüsse der Kultur oder die sozioökonomische Situation. All diese Faktoren bedingen sich gegenseitig und stehen miteinander in Interaktion.
Wichtig zu wissen ist auch, dass Gesundheitsförderung und Prävention Teil der (deutschen) Gesundheitspolitik und somit politisch beschlossen und vorgegeben sind. Das wird auf Bundes- und Länderebene ausgehandelt und findet umsetzungsbezogen auf der Ebene des Gesundheitssystems statt. Gesundheitssysteme sind national und regional bezogen unterschiedlich. In einem Bericht der WHO besetzte das deutsche Gesundheitssystem im Jahr 2000 den Platz 25 der besten Gesundheitssysteme weltweit. In vielen Regionen der Welt gibt es allerdings kein Gesundheitsversorgungssystem, wie wir es von Deutschland oder anderen, sogenannten „entwickelten“ Ländern kennen. Deshalb ist die Stärkung von Gesundheitssystemen ein Ziel von Entwicklungszusammenarbeit. Gleichzeitig ist in allen Weltkulturen und -regionen auf den lokalen Kontext bezogenes, traditionelles medizinisches Wissen vorhanden. Um dem gerecht zu werden und hier einen integrativen Ansatz zu fördern, fand am 17. und 18. August 2023 der erste Weltgipfel der WHO zu Traditioneller Medizin statt. Gesundheit hat also für alle Menschen neben biologischen Faktoren auch mit gesellschaftlichen und sozialen Bedingungen zu tun. Um den Zusammenhang zwischen Tabakgebrauch und Frauenrechten zu verstehen, ist es sinnvoll, sich dem Thema schrittweise zu nähern.

Frauengesundheit
Das Thema Gendermedizin rückt momentan weltweit in den Fokus. Es ist eigentlich verwunderlich, dass geschlechtsspezifische Unterschiede in Gesundheitsfragen erst heutzutage aufkommen und diskutiert werden. Inzwischen ist bekannt geworden, dass Medizin ursprünglich eine Männer-Domäne war und sich viele Praktiken im Versorgungsalltag an Forschungsergebnissen über männliche Körper orientierten. Probleme für Frauen können deshalb sein, dass sie im Gesundheitssystem nicht ernstgenommen oder falsch therapiert werden. Für Männer resultieren aus dem Gender Health Gap aber auch Schwierigkeiten. Wenn Männer Symptome zeigen, die aus konservativer Sichtweise eher Frauen zugeschrieben werden, werden sie tendenziell unterdiagnostiziert. Bei Frauen werden wiederum körperliche Komponenten eher unterschätzt und Symptome vermeintlichen psychischen Problemen zugeschrieben. Am Beispiel von Plastik oder atomarer Strahlung wurde außerdem gezeigt, dass das Erkrankungsrisiko für Frauen durch Umwelttoxine erhöht sein kann.
Tabak als Gesundheitsproblem
Es gibt Krankheiten, die über Viren oder Bakterien übertragen werden. Diese nennt man „übertragbare Krankheiten“. Im Gegensatz dazu stehen nicht übertragbare Krankheiten, die auf Englisch „Noncommunicable diseases (NCD)“ heißen. Nicht-übertragbare Krankheiten (NCDs) dominieren auch nach COVID-19 das weltweite Krankheits- und Sterbe-Geschehen. NCDs werden über Veranlagungen, Verhalten und Umweltbedingungen ausgelöst. Neben Adipositas, ungesunder Ernährung, hohem Blutdruck und weiteren Risikofaktoren, erhöht der Gebrauch von Tabakprodukten die Gefahr, an NCDs zu erkranken. Dazu gibt es auch einen sozialen Gradienten im Tabakgebrauch. Zum einen sind davon die sogenannten weniger entwickelten Länder (Low and Middle Income Countries, LMIC) insgesamt überdurchschnittlich hoch betroffen. Zum anderen zeigen Untersuchungen, dass auch innerhalb der Gesellschaften benachteiligte Bevölkerungsgruppen mehr rauchen, als Privilegierte. Und was hat das jetzt mit Frauenrechten zu tun?
NCD-Agenda und SDGs
Im Rahmen der globalen Gesamtentwicklung einigte sich die Mehrheit der Staaten in Zusammenarbeit mit den United Nations (UN) im Jahr 2000 zum ersten Mal auf eine offizielle Agenda, um die ökonomische und soziale Entwicklung der ärmsten Länder zu fördern. Diese sogenannten Millenium Development Goals stellen eine Bündelung von Bemühungen dar, die auch davor schon in Länderprogrammen und Einzelagenden angestellt worden waren. Hierbei lag der Schwerpunkt auf der Reduktion von Armut und Hunger, Grundschulausbildung für alle und auf der Gleichstellung der Geschlechter. Die aktuell geltenden Sustainable Development Goals (SDG) sind somit als Ergänzung und Weiterentwicklung der vorausgegangenen Aktivitäten zu verstehen. Die SDGs umfassen 17 Ziele mit Unterzielen. Dazu gehören Indikatoren, um die Umsetzung anhand messbarer Kriterien ausrichten und prüfen zu können. Alles zu Tabak und NCDs fällt unter das Ziel 3: „Gesundheit und Wohlergehen“ (Ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters gewährleisten und ihr Wohlergehen fördern). Neben Müttergesundheit, Kindersterblichkeit, übertragbaren und nicht übertragbaren Krankheiten, mentaler Gesundheit, Substanzabhängigkeit, Verkehrsunfällen, reproduktiver Gesundheit, Zugang zu Gesundheitsversorgung, Umweltrisiken, Zugang zu Impfungen und Medikamenten, Finanzierungsfragen und Fragen zu Gesundheitsfachkräften in LMIC und der Einrichtung eines Warnsystems für globale Gesundheitsrisiken steht hier für Tabak die Umsetzung der WHO Framework Convention on Tobacco Control im Vordergrund, die gleich ein ganzes Bündel von Maßnahmen umfasst. Das bedeutet, dass die Vermeidung, Reduktion und „Heilung“ von Tabaknutzung und Nikotinsucht ein erklärtes Gesundheitsziel der Mehrheit der Staaten ist.
Frauen im Tabakgebrauch
Laut einer aktuellen Untersuchung der WHO (2025) sind Erfolge der umfassenden Tabakkontrollmaßnahmen, die durch die WHO Framework Convention on Tobacco Control seit 2005 weltweit forciert worden sind, zu verzeichnen. Der Anteil aller Raucher*innen der Welt ist auf 19 Prozent zurückgegangen. Vor zehn Jahren waren das noch etwa 23 Prozent. Das klingt erstmal gut. Bei genauerem Hinsehen wird aber deutlich, dass der globale Rückgang vor allem auf Entwicklungen in Südostasien zurückgeht. Hier (Asien, gesamt) leben die meisten Menschen der Welt. Deshalb wirkt sich ein dementsprechender Rauch-Rückgang bezogen auf die Weltbevölkerung auch überdurchschnittlich hoch aus. In Europa dagegen, geht der Anteil der Raucher*innen langsamer zurück – und bei den europäischen Frauen so gut wie gar nicht: 17,4 Prozent der europäischen Frauen rauchen. In keiner anderen Weltregion ist das Rauchen unter Frauen so verbreitet, wie hier. Eine weitere Problematik sind E-Zigaretten. Sie sprechen besonders Jugendliche an, stellen ein Risiko für den Einstieg in die Tabaknutzung dar und können zu dualer Nutzung führen. Zudem stellen E-Zigaretten ein Gesundheitsrisiko dar, das von der Tabakindustrie verharmlost wird. Historisch gesehen bediente sich die Tabakindustrie an frauenspezifischen Wertvorstellungen und Motiven, um Frauen das Rauchen schmackhaft zu machen. Sie griff dabei auf Trends wie die Emanzipation der Frau oder auf weibliche Schlankheitsideale zurück und vermittelte in Werbebotschaften, dass Rauchen ein Zeichen von Durchsetzungsfähigkeit oder Autonomie sei und zu einem „perfekten“ Körperbild beitragen würde. Tatsache ist dagegen, dass jede Zigarette dem Körper schadet. Das Risiko, an Krebs zu erkranken oder einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden, steigt mit dem Konsum an. Deshalb gibt es auch keinen gesunden Zigarettengebrauch. Da Nikotin abhängig macht, ist es auch nicht gerade ein Zeichen von Stärke, wenn man oder frau zum Glimmstängel greift. Dazu kommt, dass Rauchen nicht beim Abnehmen hilft, sondern viele Raucher*innen befürchten, bei einer Rauchaufgabe zuzunehmen. Heutzutage ist das Werben für Tabakprodukte (in Deutschland) weitgehend eingeschränkt worden. Neu ist, dass die Tabakindustrie über Social Media und E-Zigaretten versucht, Absatzmöglichkeiten auszuschöpfen. Um gezielt junge Menschen anzusprechen, wird das verführerisch-sinnliche Image von sogenannten Influencerinnen genutzt. Rauchen oder „Vapen“ wird dann als „trendy“ oder Mittel gegen Stimmungsschwankungen oder Alltagssorgen verkauft. Aus wissenschaftlicher Sicht reagieren Frauen empfindlicher auf die Substanzen des Tabakrauchs als Männer und sind deshalb einem erhöhten Risiko ausgesetzt. Sowohl die Rauchaufnahme als auch die Entwicklung der Nikotinsucht und Charakteristika des Entzugs sind bei Frauen anders als bei Männern. Deshalb sollte auch die Prävention von Tabaknutzung gendersensibel sein. Schaut man*frau sich aktuelle Zahlen an, ist Deutschland-intern das Risiko für Frauen, durch Rauchen vorzeitig zu sterben, in Bremen am höchsten, gefolgt von Berlin und Schleswig-Holstein. Auch im europäischen Vergleich bestehen in Deutschland (gesamt) höhere Chancen, an tabakbedingten Erkrankungen vorzeitig zu sterben, da hier die Raucherquote in beiden Geschlechtern vergleichsweise hoch ist. Laut Eurobarometer rauchten in Deutschland im Jahr 2023 28 Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen ab einem Alter von 15 Jahren.
Frauen in der Tabakproduktion
Frauen arbeiten in der Tabakproduktion unter menschenunwürdigen Bedingungen. Die Vertragsbedingungen mit den Tabakkonzernen führen zu Frauen- und Kinderarbeit. Sie werden für ihre Arbeit kaum oder nicht entlohnt und aus wichtigen Entscheidungen herausgehalten. Frauen können und wollen in LMIC meistens Nahrungsmittel anbauen, werden aber über patriarchale und erpresserische Strukturen zum Tabakanbau gezwungen. Sie haben dann keine andere Möglichkeit mehr.
„Ich bin 18 Jahre alt und im vierten Monat schwanger. (…) Wenn ich zum Arzt gehe, sagt er mir auch, ich soll nicht mit Tabak arbeiten. Aber ich muss arbeiten. Das ist eine Familienarbeit.“ (Schwangere Tabakbäuerin in Bangladesh; Quelle: unfairtobacco.org)
In Wirklichkeit ist der Tabakanbau aber arbeitsintensiv und un-rentabel. Zudem belastet er die Umwelt und macht Böden kaputt. Frauen und Kinder sind im Tabakanbau und in der Tabaktrocknung Chemikalien, Ausdünstungen und giftigen Stoffen ausgesetz, die krank machen und zu Vergiftungen führen. Die entsprechenden ILO-Arbeitsschutzrichtlinien werden kaum oder gar nicht eingehalten. Auch die Regierungen kümmern sich nicht darum. Das deutsche Lieferkettengesetz berücksichtigt diese Bedingungen noch zu wenig. Zum einen ist es nur für Firmen ab 1.000 Mitarbeitenden vorgesehen. Zum anderen bedeutet die „abgestufte Sorgfaltspflicht“, dass diese lediglich für unmittelbare Zulieferer gilt, was meistens Rohtabakhändler in Deutschland sind. Zudem profitiert Deutschland selbst vom Tabakhandel und erlaubt, dass vier der größten multinationalen Zigarettenkonzerne (Philip Morris International [PMI], Japan Tobacco International [JTI], British American Tobacco [BAT], Imperial Brands) hier Tochterfirmen haben.
Fazit
Gesundheit wird durch verschiedene Faktoren bedingt. Frauen sind erwiesenermaßen in höherem Maße durch toxische Umweltbedingungen gefährdet, als Männer, da sie dadurch schneller erkranken können. Dass auch Kinder besonders vulnerabel sind, spielt für Frauen insofern eine Rolle, als dass sie oft die Hauptbezugsperson für ihre Kinder darstellen und verantwortlich sind. Die Förderung der Frauen- (und Kinder-) Gesundheit ist ein proklamiertes Ziel der Mehrheit der Staaten. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die WHO Rahmenkonvention für Tabakkontrolle (FCTC), die UN-Frauenrechtskonvention und die nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) sind einige der Vereinbarungen, die darüber weltweit getroffen worden sind. Tabakgebrauch stellt für Frauen (und Kinder) ein Gesundheitsrisiko dar, das aus der sozialen Umgebung und darüber hinausgehenden Strukturen entsteht. Bis heute haben Frauen und Kinder oft kaum bis gar keine Möglichkeiten, sich Situationen, in denen Passivrauch entsteht, zu entziehen. Dementsprechend ist die Sterblichkeit durch Passivrauch bei Frauen und Kindern sogar höher als bei Männern. Darüber stehen Einflüsse der Tabakwerbung und Normen und Werte, die kulturell verschieden sind, aber von global agierenden ökonomischen Akteuren und Interessengruppen beeinflusst und manipuliert werden können. Auch in der Tabakproduktion werden universell gültige und vereinbarte Normen und Frauenrechte verletzt. Daran wird deutlich, dass trotz der Errungenschaften der (Post-) Moderne noch einiges zu tun bleibt, um den völkerrechtlichen Vereinbarungen aus dem UN-System gerecht zu werden und dass zwischen Frauenrechten und Tabakgebrauch ein Zusammenhang besteht.
Anna Raith



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