Backen, Putzen und 50er-Jahre-Kleider auf TikTok: Der Trad-Wife-Trend spaltet das Netz. Die einen sehen darin den ultimativen Verrat an der Frauenbewegung, die anderen die Krönung der Wahlfreiheit. Mittendrin steht der Choice Feminismus. Der verspricht uns, dass jede unserer Entscheidungen ein Akt der Befreiung ist, solange wir sie selbst treffen. Aber ist es wirklich so einfach?

Definition des Choice Feminismus
Der Choice Feminismus, im Deutschen auch bekannt als Wahl-Feminismus, besagt, dass jede Entscheidung die FLINTA*s treffen, ein feministischer Akt sei, solange es eine selbstbestimmte, freie Entscheidung ist. Es stellt somit die individuelle Entscheidung als ultimativen Maßstab für Gleichberechtigung in den Mittelpunkt. Laut der Soziologin Dr. Budgeon beschreibt der Choice Feminismus im weiteren Sinne Perspektiven, die sich an einer feministischen Politik orientieren, welche Freiheit als die Fähigkeit zu individuellen Entscheidungen interpretiert. Die Existenz vielfältiger Lebensentwürfe wird dabei als direkter Beweis für den Erfolg der Frauenbewegung gefeiert. Kritisch betrachtet wird jedoch, dass dieser Ansatz gesellschaftliche Machtstrukturen oft ausblendet. Der Feminismus wird zu einem rein persönlichen Projekt der Selbstoptimierung gemacht, das kaum noch politische Veränderungskraft besitzt.
Entstehung des Begriffs
Der Begriff wurde von Linda Hirshman 2006 in ihrem Werk ,,Get to Work’’ gekürt. Zuerst wurde es als Kritik an FLINTA* Personen mit hohem Bildungsabschluss verwendet, die ihren Job kündigten, um Hausfrau zu werden und dies als feministische Entscheidung kürten. Hirshman argumentierte, dass nicht jede Wahl feministisch sein kann, wenn sie Frauen zurück in die Abhängigkeit führt. Sie nutzte „Choice Feminism“ also als Negativbegriff für einen Feminismus, der keine politischen Ziele mehr hat, sondern alles abnickt.
Michaele Ferguson (2010) und Shelley Budgeon (2015) analysieren den Wahl-Feminismus als eine Reaktion auf die zweite Welle der Frauenrechtsbewegung. Die Feminist*innen früher untersuchten vor allem die gesellschaftlichen Zwänge und Hindernisse die FLINTA* Personen einschränkten. Nun verschob sich der Fokus darauf, die bereits getroffenen Entscheidungen von Frauen bedingungslos zu akzeptieren. Dieser Wandel wird oft als Versuch gesehen, den Feminismus inklusiver und ansprechender für eine breite Masse zu machen. Gleichzeitig kritisieren Forscher*innen, dass der Begriff eng mit neoliberalen Werten verknüpft ist, da er strukturelle Ungleichheiten in den privaten Verantwortungsbereich des Individuums verschiebt. Laut ihnen würde er den Feminismus so seiner ursprünglichen politischen Sprengkraft berauben.
Wieso ist es gefährlich?
Die Gefahr des Choice-Feminismus liegt in seiner verführerischen Bequemlichkeit, wobei die größte Schwachstelle eine gewisse „Strukturblindheit“ ist. Der Choice-Feminismus tut oft so, als würden wir unsere Entscheidungen in einem luftleeren Raum treffen. Doch keine Wahl ist völlig isoliert. Wenn sich beispielsweise Mütter entscheiden, ihre Karriere für die Familie zu pausieren, feiert der Choice-Feminismus das als freien Willen. Er übersieht dabei jedoch die systemischen Gründe, wie den Mangel an Kitaplätzen oder den Gender Pay Gap, die diese Wahl oft erst erzwingen. Wir riskieren diese Wahl zu feiern, obwohl diese Personen häufig keine andere Wahl haben.
Damit einher geht eine schleichende Entpolitisierung. Feminismus war ursprünglich eine kollektive Bewegung, die Gesetze ändern und Machtstrukturen aufbrechen wollte. Im Choice-Feminismus wird er jedoch zunehmend zum privaten Lifestyle-Projekt. Das alte Motto „Das Private ist politisch“ kehrt sich um: Politische Fragen werden privatisiert und durch individuelle Konsum- oder Wellness-Entscheidungen ersetzt. Das Problem dabei? Ein Gefühl von persönlichem Empowerment ändert nichts an den strukturellen Ungerechtigkeiten, von denen alle Frauen betroffen sind.

Das Trad-Wife Phänomen
Der aktuelle Trad-Wife-Trend auf Social Media ist das Paradebeispiel für die Schattenseiten des Choice-Feminismus. Auf Plattformen wie TikTok inszenieren Frauen ihr Dasein als Hausfrau der 1950er Jahre als die ultimative „freie Entscheidung“. Wie die Soziologin Shelley Budgeon analysiert, suggeriert der Choice-Feminismus oft eine „transzendente Wahl“: Frauen tun so, als stünden sie heute moralisch so weit über dem Patriarchat, dass sie dessen alte Rollenbilder einnehmen können, ohne von ihnen unterdrückt zu werden. Doch diese vermeintliche Macht ist oft eine Illusion. Wenn wir die Flucht ins Private und die Unterwerfung unter traditionelle Normen als „Empowerment“ feiern, verlieren wir die Sprache für echte politische Forderungen. Anstatt gemeinsam für bessere Kitas oder eine faire Verteilung unbezahlter Arbeit zu kämpfen, wird der Feminismus zu einer ästhetischen Konsumentscheidung reduziert. Die Gefahr ist real: Wenn alles als feministisch gilt, was sich für das Individuum gerade gut anfühlt, verliert die Bewegung ihre Kraft, die Welt für alle Frauen gerechter zu machen.
Fazit
Am Ende zeigt uns die Debatte um den Choice-Feminismus und Trends wie die „Trad-Wives“ eines ganz deutlich: Wir dürfen die individuelle Wahlfreiheit nicht mit der Befreiung von patriarchalen Strukturen verwechseln. Wenn wir jede Entscheidung pauschal als „feministisch“ abstempeln, nur damit sich niemand kritisiert fühlt, machen wir uns blind für die ungleichen Machtverhältnisse, in denen wir immer noch leben.
Doch nun stellt sich die Frage: muss jede Entscheidung die FLINTA*s treffen, immer feministisch sein? Geht das überhaupt? Der Fehler des Choice-Feminismus ist die Annahme, dass eine Handlung dadurch feministisch wird, dass wir sie wählen. Dabei ist die Realität, dass wir in einem System leben, das uns oft keine idealen Optionen lässt. Nicht jede Wahl muss politisch sein. Wichtig ist nur, dass man sie dann als eigene Entscheidung ansieht und nicht versucht, es mit dem Choice-Feminismus zu legitimieren. Sich einzugestehen, dass wir in dieser ungleichen Welt nicht an allen Fronten gleichzeitig kämpfen können, ist kein Verrat an der Bewegung.
Ich selber bezeichne mich als überzeugte Feministin, doch trotzdem treffe auch ich Entscheidungen und tue Dinge, die man nicht unbedingt als feministisch bezeichnen würde. Ich gehe ins Fitnessstudio aus Selbstoptimierungsgründen, ich schminke mich ab und zu, ich rasiere mir die Beine. Das sind alles keine feministischen Handlungen, aber machen die mich weniger zu einer Feministin? Ich würde sagen, Nein.
Maite Stöver



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