Die Gesundheit von Frauen und FLINTA*-Personen wurde über Jahrzehnte hinweg von der Medizin vernachlässigt. Viele Erkrankungen wie Endometriose, PCOS, PMDS oder chronische Schmerzen wurden verharmlost, falsch diagnostiziert oder gar nicht erst erforscht. Dieses Defizit ist kein Zufall, sondern das Resultat eines Systems, das den männlichen Körper lange als medizinische Norm behandelte.
Hier setzt die feministische Gynäkologie an. Sie richtet den Blick nicht nur auf Krankheiten selbst, sondern auch auf die Ungleichheiten, die mit ihnen einhergehen. Gesundheit wird dabei nicht ausschließlich als medizinisches Thema verstanden, sondern als etwas, das immer auch mit gesellschaftlichen Strukturen, Machtverhältnissen und individuellen Erfahrungen verbunden ist. Diese Perspektive zieht sich durch die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Clio 101, in der gynäkologische Themen aus einer feministischen, inklusiven und ganzheitlichen Sicht beleuchtet werden. Clio – Die Zeitschrift für Frauengesundheit wird vom Feministischen Frauen Gesundheits Zentrum e.V. Berlin herausgegeben und erscheint seit über 50 Jahren mit einem feministischen Fokus auf Frauengesundheit und Gesundheitspolitik.

Warum werden so viele Themen zusammengeführt?
Weil es nicht nur um individuelle Krankheiten geht, sondern um die Frage, wessen Körper respektiert und wessen Erfahrungen anerkannt werden. Chronische Erkrankungen, die häufig Frauen betreffen, wie Migräne, Fibromyalgie (ein chronisches Schmerzsyndrom) oder Autoimmunerkrankungen, wurden über Jahre hinweg als „stressbedingt“ oder „emotional“ abgetan. Viele Frauen mit Schmerzen verließen ärztliche Praxen mit dem Gefühl, ihre Beschwerden wurden übertrieben dargestellt oder nicht ernst genommen. Die feministische Gynäkologie stellt diese Perspektive infrage, indem sie hormonelle Zyklen, die Funktionsweise des Immunsystems und psychosoziale Belastungen in den Blick nimmt.
Ein vergleichbares Bild zeigt sich beim Polyzystischen Ovarialsyndrom (PCOS). PCOS wird häufig lediglich als ein „Hormonproblem“ betrachtet, obwohl es sich um eine komplexe Erkrankung handelt, die den Körper auf unterschiedliche Weise beeinflussen kann. Viele Betroffene durchlaufen langwierige Diagnoseprozesse, erhalten unterschiedliche ärztliche Einschätzungen und entwickeln nicht selten eine Entfremdung von ihrem eigenen Körper. Eine feministische Perspektive, die diese Erfahrungen betont, stellt die Vorstellung einer „einzig richtigen Behandlung“ infrage.
Auch das Thema HPV ist ein Tabu. Trotz der hohen Verbreitung von HPV-Infektionen kämpfen viele Betroffene mit Angst, Scham und Unsicherheit. Dies liegt unter anderem daran, dass sich die medizinische Kommunikation häufig auf die Testergebnisse beschränkt, während Themen wie Sexualität, Beziehungen oder emotionale Auswirkungen kaum angesprochen werden. Gesundheit umfasst jedoch mehr als die Ergebnisse von Laboruntersuchungen.
Wenn Gesundheit unsichtbar bleibt
Chronischer Schmerz ist ein weiteres Beispiel für diese Unsichtbarkeit. Schmerz, der sich nicht eindeutig messen lässt, wird oft übersehen oder relativiert. Dabei handelt es sich um eine Erfahrung, die den Alltag, zwischenmenschliche Beziehungen und die psychische Verfassung nachhaltig beeinflusst. In der feministischen Gynäkologie wird Schmerz nicht als etwas verstanden, das erst „bewiesen“ werden muss, sondern als eine Realität, die Gehör finden sollte.
Im Kontext von Schwangerschaft und Geburt gewinnt diese Perspektive zusätzliche politische Relevanz. Auseinandersetzungen mit Gewalt bei der Geburt machen deutlich, wie medizinische Routinen, Zeitdruck und patriarchale Strukturen die Kontrolle über den Körper der gebärenden Person verstärken können. Sie zeigen, dass Geburt nicht nur medizinisch zu betrachten ist, sondern immer auch mit Macht und Selbstbestimmung verbunden ist.
Die feministische Gynäkologie umfasst alle. Ein zentraler Aspekt dieses Ansatzes sind die Erfahrungen von trans- und nicht-binären Personen im Gesundheitssystem, die häufig unsichtbar bleiben. Eine wirklich barrierefreie Gesundheitsversorgung erfordert den Einsatz inklusiver Sprache, traumasensibler Untersuchungen und ein Bewusstsein für die Vielfalt von Körpererfahrungen.
All dies macht deutlich, dass gynäkologische Praxen nicht nur Orte der Diagnose und Therapie sein müssen. Sie können auch als Orte der Ruhe, Achtsamkeit und Stärkung fungieren. Der Ansatz der feministischen Gynäkologie gründet auf dem Recht auf Selbstbestimmung, der Anerkennung körperlicher Vielfalt und dem Zugang zu Gesundheitsinformationen.
Am Ende geht es nicht nur um Krankheiten. Es geht um die Frage, wer das Recht hat, über den eigenen Körper zu sprechen. Genau darin liegt der zentrale Grundsatz feministischer Gynäkologie: Jede Frau und jede FLINTA*- Person hat das Recht, über den eigenen Körper selbst zu bestimmen.
Selina Yener



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