Male Loneliness Epidemic (dt: männliche Einsamkeit Epidemie) – Dieser Begriff zieht vor allem im Internet seine Kreise. Aber wo kommt er her und was steckt dahinter?

Die Manosphere
Einen klaren Ursprung des Begriffes kann kaum festgelegt werden. Jedoch taucht er besonders häufig in der Manosphere auf. Die Manosphere beschreibt einen Teil der sozialen Medien, die sich auf Erfahrungen von und Tipps an Männer spezialisieren. An dieser Stelle wird absichtlich nicht gegendert, da sich die Beiträge auf das traditionelle Bild von Männlichkeit stützen: Heteronormativ, cis und der toxischen Männlichkeit entsprechend.
Innerhalb der Manosphere wird die Male Loneliness Epidemic als eines der größten Probleme der heutigen Gesellschaft angesehen. Diese behauptet, es gäbe einen überproportionalen Zuwachs an Vereinsamung junger Männer*.
Die Gründe der Einsamkeit junger Männer*? Laut der Mansosphere sind sie auf die rapiden Veränderungen der sozialen Normen zurückzuführen. Insbesondere Feminst*innen seien schuld an dem Leiden junger Männer*. Feminismus wird als eine Antimännerbewegung dargestellt und führe zu ihrer Diskriminierung. Durch das Hetzen dieser Feminist*innen werde die Beziehung zwischen Männern* und Frauen* geschwächt. Frauen* würden ihren eigenen Wert überschätzen und unrealistische Anforderungen gegenüber Männern* haben. Beziehungen, wie ihre Großeltern noch hatten, gäbe es heutzutage gar nicht mehr. Etwas, das Männer* der Manosphere als bedauernswert empfinden.
Es ist auffällig, dass sie sich in ihrer Argumentation besonders auf romantische Partner*innenschaften und nicht etwa Freundschaften fokussieren. Tatsächlich ergibt eine amerikanische Studie aus dem Jahr 2020 nämlich, dass Männer unter 30 doppelt so häufig single sind wie Frauen.
Aber bedeutet das wirklich, dass sie einsamer sind als Frauen*?
Einsamkeit und Gender – gibt es Unterschiede?
Laut dem Einsamkeitsbarometer des Jahres 2024 sind Einsamkeitsbetroffene „keine homogene Gruppe“ (S. 69). Einsamkeit kann jede*n betreffen, unabhängig von Gender. Allerdings ist eine intersektionelles Muster zu erkennen. Menschen in Armutssituationen, chronisch kranke Personen, PoCs und queere Menschen ist es strukturell erschwert soziale Kontakte zu knüpfen, Anlaufstellen zu finden und Netzwerke zu schaffen. Einsamkeit ist also kaum ein „männliches“ Problem, wie es der Begriff Male Loneliness Epidemic inszeniert. Vielmehr ist es ein strukturelles Problem, welches insbesondere marginalisierte Gruppen betrifft.
Wieso also gibt es einen solch lauten Aufschrei seitens Männer*?
Wie bereits erwähnt, beziehen sich Männer* der Manosphere in Gesprächen über Einsamkeit primär auf den Mangel einer romantischen Beziehung. Der Grund hierfür ist genauso naheliegend wie strukturell: Durch die Abwesenheit einer Partnerin*, kommen Männer* sozial tatsächlich in Schwierigkeiten.
Mankeeping
Dr. Justin Lioi, ein Sozialarbeiter, der sich auf die Therapie von Männern spezialisiert hat, berichtet, dass Frauen als inoffizielle (und unbezahlte) Therapeutinnen ihrer Partner dienen. Ihnen wird die Aufgabe der emotionalen Care Arbeit zugeschrieben; mitunter die Pflege der zwischenmenschlichen Beziehungen. Das Ganze nennt sich Mankeeping, also Männerpflege.
Der Begriff stammt aus der Recherche von Angelica Puzio Ferrera zu männlichen Freundschaften. Diese formuliert:
“What I have been seeing in my research is how women have been asked or expected to take on more work to be a central — if not the central — piece of a man’s social support system,”
In heterosexuellen Beziehungen spielen Frauen* eine zentrale Rolle im sozialen Netzwerk ihres Partners*. Häufig sind sie sogar die einzige Bezugsperson. Dr. Alexander Langenkamp erklärt, dass Männer* sich allgemein deutlich schwerer tuen soziale Kontakte zu pflegen und tiefgründige Freundschaften zu führen.
Das liegt nicht etwa an einem erhöhten Testosteronspiegel, wie Mitglieder* der Manosphere oftmals behaupten. Der tatsächliche Grund ist auf die Sozialisation männlich gelesener Personen zurückzuführen. Sie unterliegen Gendernormen, die sie davon abhalten, sich verletzlich zu zeigen oder frei über Emotionen zu sprechen. Diese Normen werden ihnen frühkindlich beigebracht und haben nachwirkend Auswirkungen auf ihr soziales Verhalten wie auch ihre Beziehungen.
Für den sozialen Zusammenhalt wichtige Verhaltensweisen wie Fürsorge, Pflege und Mitgefühl sind gesellschaftlich weiblich codiert. Dadurch verfügen Frauen* verhältnismäßig über ein ausgeprägteres soziales Netzwerk, welches sie zu pflegen wissen. Männer* greifen auf diese Kompetenzen ihrer Partnerinnen* zurück und externalisieren damit die Verantwortung über ihr Sozialleben.
Das Muster der Externalisierung ist auch in den Vorwürfen der Manosphere gegenüber Feminist*innen und Frauen* wiederzufinden. Mitglieder* der Manosphere schreiben das Problem der Einsamkeit junger Männer* Frauen* zu. Auch in der Problemlösung wird erwartet, dass Frauen* ihr Verhalten zugunsten von Männern* anpassen. Betroffene Männer* halten sich damit davon ab, Eigeninitiative über ihr Sozialleben zu ergreifen. Doch genau diese Eigenverantwortung ist gefragt, um ihre soziale Situation langfristig und unabhängig von Frauen* zu verbessern.
Fazit
Einsamkeit kann jede*n treffen und hat langfristig starke Folgen auf die psychische und physische Gesundheit. Dahinter verbergen sich häufig strukturelle Probleme, die gesellschaftlich verankert sind. Einsamkeit und Betroffene sollten demnach keineswegs stigmatisiert und beschämt werden. Gleichzeitig kann die Verantwortung nicht allgemein externalisiert werden. Die unbezahlte Care Arbeit von Frauen*, die historisch zu ihrer Unterdrückung beigetragen hat, ist keine Lösung für die Einsamkeit von Männern*.
Stattdessen müssen sich Männer* mit der eigenen Sozialisierung auseinandersetzen, um schädliche Gendernormen zu brechen. Das selbstständige Handeln ist zentral, um soziale Netzwerke langfristig aufzubauen und zu pflegen. Für externe Unterstützung können professionelle Hilfsangebote in Anspruch genommen werden.
Sara H.



Schreibe einen Kommentar