Was ist eigentlich… Orthorexie?

Bloß kein Zucker, Fleisch geht auch nicht, bitte nur Bio und schon gar keine Zusatzstoffe! Eine gesunde und bewusste Ernährungsweise kann sicherlich Vorteile und positive Effekte beinhalten, in extremer Weise allerdings für einige Menschen auch Gefahren bergen. Eine zwanghafte Auseinandersetzung mit dem Essen kann Betroffene triggern oder insofern reizen, sich gesundheitlich bedenklich zu kasteien.

Seit 1997 gibt es für extreme  Ernährungsdogmen einen Begriff: Orthorexie. Orthorexia nervosa (griech. orthos = richtig, orexis = Begierde, Appetit) bedeutet krankhaftes Gesundessen und beschreibt eine übertriebene, zwanghafte Beschäftigung mit gesunder Ernährung, der Qualität von Lebensmitteln und dem Vermeiden „ungesunder“ Lebensmittel.

Der Ernährungsstil als Statussymbol

Frau hält Hand vor den Mund und betrachtet Kuchen

(c) Sarah Hamer

Ein gesunder Lifestyle gehört heutzutage für viele dazu. Zahlreiche Blogs, Magazine und die Werbung predigen uns zusätzlich unermüdlich wie wichtig „Healthy Food“ und Co. sind. In der medial gewordenen Welt hat Ernährung heute einen ähnlichen Status wie Mode: Sie drückt aus, was für ein Mensch wir sind. Und als wolle man sagen: „Ich hebe mich von der Masse ab!“

Eingeführt wurde der Begriff „Orthorexie“ von Steven Bratman, einem Arzt, der als Koch in einer New Yorker Kommune inmitten von Veganer*innen, Rohkostverfechter*innen und Makrobiotiker*innen vielfach mit diesem Phänomen konfrontiert war und auch selbst darunter gelitten hatte. Bratman beschreibt das damit, dass die Betroffenen völlig eingenommen von einer gesunden Ernährungsweise seien und zwanghaft Diät hielten. Sie verwendeten viel Zeit für Literaturrecherchen, den Einkauf „reiner“ und „gesunder“ Lebensmittel oder die Planung und Zubereitung ihrer Mahlzeiten. Sie neigten auch dazu, ihre Mitmenschen zu missionieren oder sich ihnen aufgrund ihrer Ernährungsweise überlegen zu fühlen.

Wenn gesunde Ernährung zum Zwang wird

Nur ausgewählte Lebensmittel, nur bestimmte Hersteller, alles bis aufs letzte Gramm abgewogen –das vermeintlich gesunde Essen wird zur lebensbestimmenden Ideologie. Verletzen Orthorektiker*innen ihre selbstauferlegten Diätregeln und essen etwas Ungesundes, geht dies mit großen Scham- und Schuldgefühlen einher oder löst übertriebene Krankheitsängste aus. Körperbild, Selbstwertgefühl und Identität seien in hohem Maße von der Einhaltung strikter Ernährungsregeln abhängig. Im Verlauf kommt es häufig zu einer Eskalation der Diätregeln. Sämtliche Aktivitäten werden der Planung einer gesunden Ernährung und eines gesunden Lebensstils untergeordnet, Beruf und Sozialkontakte werden vernachlässigt. Die beschriebenen Verhaltensweisen führen schließlich neben dem Verlust an Lebensqualität auch zu einer ausgeprägten gesundheitlichen Beeinträchtigung, zu Mangelernährung, massivem Gewichtsverlust oder medizinischen Komplikationen.

Verringerter Essgenuss durch strenges Diktat

Mensch hat Panik vor Lebensmitteln, Kollage

(c) Inka Mühlbrandt

Weil die Betroffenen oft täglich mehrere Stunden dafür benötigen, Lebensmittel auszuwählen und sie auf Kalorien, Vitamingehalte und Nährwerte zu überprüfen, geht der Essgenuss allmählich immer mehr verloren. Von Orthorexie Betroffene entwickeln große Angst vor „ungesunden Lebensmitteln“, wie z.B. Kaffee, Alkohol, Süßigkeiten, Fastfood, Backwaren, Fertigprodukten, Milchprodukten und Getreide.

 

Wie groß ist der Leidensdruck?

Ob tatsächlich ein orthorektisches Verhalten in krankhaftem Ausmaß vorliegt, ist von der Höhe des Leidensdrucks abhängig. Erst wenn bei den Betroffenen spürbare Anzeichen von Mangel- oder Unterernährung auftreten, empfinden sie ihr Verhalten in der Regel als behandlungsbedürftig.

Nicht jeder*jede, der*die sich gesundheitsbewusst ernährt, ist gleichzeitig auch gefährdet, an Orthorexie zu erkranken. Experten gehen erst von einer krankhaften Ausprägung aus, wenn das Gesundessen zum Lebensmittelpunkt geworden ist. Die übertriebene und nahezu zwanghafte Beschäftigung mit gesunder Ernährung ist zunächst einmal keine Krankheit, sondern ein gesellschaftliches Phänomen. Es werden Nahrungsmittel angepriesen, die uns Gesundheit, Jugend und ewiges Glück versprechen. Ständig tauchen neue Ernährungsformen auf, die das Versprechen in sich tragen, alle Zivilisationskrankheiten zu besiegen und zu mehr Gelassenheit und Einklang mit uns selbst zu führen.

Frau vermisst ihre Taille

(c) Inka Mühlbrandt

In unserer leistungsbetonten Gesellschaft ständiger Selbstoptimierung ist die Gesundheit die neue „cash cow“ geworden, von der jeder*jede das größte Stück abbekommen möchte. Für Menschen, die dafür anfällig sind, kann das übertrieben „gesunde“ Ernährungsverhalten ebenso wie Diäten und Schlankheitskuren zur Einstiegsdroge in eine klassische Essstörung werden.

Auch Betroffene mit einer Magersucht, Bulimie oder Binge-Eating-Störung führen gerne das Gesundheitsargument ins Feld. „Schokolade macht mich nur müde“ heißt es dann oder „Fleisch übersäuert meinen Körper!“. Betroffene praktizieren krankhaft spezielle Diäten, die sie unter anderem mit dem Schutz vor Krankheiten verbinden.

Diagnose und Therapie der Orthorexie

Orthorektisches Essverhalten kann im Zusammenhang mit anderen Essstörungen auftreten. Der*die Betroffene versucht dann mit der möglichst gesunden Ernährung zum Beispiel eine Essstörung wie Bulimie, Magersucht oder Esssucht zu bewältigen. Umgekehrt kann orthorektisches Essverhalten auch erst die Entwicklung einer Essstörung begünstigen.

Die an Orthorexie Erkrankten werden in Therapiegruppen häufig zusammen mit Personen behandelt, die an Magersucht (Anorexia nervosa) erkrankt sind. Dabei geht es für die Betroffenen vor allem darum, das Essverhalten zu normalisieren und zu entspannen. Sie müssen lernen, sich ohne schlechtes Gewissen etwas zu gönnen. Neben einer Änderung des Ernährungsverhaltens werden auch die psychischen Auslöser therapiert. Die Motive können sehr individuell sein: Angst hervorgerufen durch Lebensmittelskandale, der Wunsch nachhaltig zu leben oder vermeintliche Krankheitsvorbeugung oder die Essstörung als ein Nebensymptom einer Depression oder Angststörung. Das veränderte Essverhalten wird genutzt, um dem Gefühl der Sinnentleerung oder des Kontrollverlustes im eigenen Leben entgegenzuwirken.

Eine gesunde Ernährungsweise erfordert auch den Einklang mit uns selbst – ohne Zwang und schlechtes Gewissen. Am Anfang zu einem gesunden Leben steht die Liebe zu sich selbst und auch die kann man lernen!

Inka Mühlbrandt

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