Was ist eigentlich… Victim Blaming?

„Dein Rock war viel zu kurz. Warum gehst du nachts auch alleine raus? Pass einfach besser auf dein Getränk auf. Du hast ihn doch gern geküsst?“
Diese weit verbreitete Strategie, (potentiellen) weiblichen Überlebenden sexualisierter Gewalt Mitschuld an den erlittenen Übergriffen zu geben, hat einen eigenen Namen: Victim Blaming.

Der Ursprung des Victim-Blamings

Mehrere verschiedenfarbige Tangas und Slips mit dem Hashtag this is not consent

(c) Frauenseiten Katja

Ursprünglich als Taktik von Verteidiger*innen in Vergewaltigungsprozessen genutzt, ist Victim Blaming bis heute in Gerichtssälen weltweit eine Verteidigungsstrategie.
1999 war es der skandalöse Freispruch in einem Vergewaltigungsfall. Die Begründung des Richters lautete: Die Frau sei nicht vergewaltigt worden, sie trug zum Tatzeitpunkt Jeans. Und Jeans säßen so fest auf der Haut, dass man sie nur mit Einwilligung der Frau ausziehen könnte. 2018 ist es die Spitzenunterwäsche der Klägerin, welche die Verteidigung im Laufe des Vergewaltigungsprozesses offen als Zeichen der Freizügigkeit der jungen Frau zeigt. Als Gegenbewegung entstand der Hashtag #ThisIsNotConsent, unter dem Mädchen und Frauen online Fotos ihrer Unterwäsche teilten, um sich solidarisch mit der jungen Frau zu zeigen. Außerdem bringt der Hashtag zum Ausdruck, dass Kleidung und Unterwäsche nicht mit sexualisierter Gewalt in Verbindung gebracht werden sollte.

You have to look at the way she was dressed. She was wearing a thong with a lace front.
~ Verteidigerin Elizabeth O’Connell

Victim-Blaming außerhalb von sexualisierter Gewalt

Victim Blaming ist jedoch viel mehr als eine moralisch höchst fragwürdige Taktik von Jurist*innen. Im Prinzip umfasst der Begriff sämtliche Strategien der so genannten Täter*innen-Opfer-Umkehr. Tatsächlich werden vereinzelt auch andere Szenarien außerhalb der sexualisierten Gewalt als Victim Blaming eingeordnet. So kann es auch eine Strategie im Rassismus, in häuslicher Gewalt oder von Narzisst*innen sein. Seinen Ursprung und seine bis heute häufigste thematische Anwendung findet Victim Blaming jedoch im Kontext der sexualisierten Gewalt.

Verschiedene Arten von Victim-Blaming

Die Art und Weise, wie Victim Blaming hierbei angewendet wird, kann stark variieren. Sehr häufig werden weibliche Opfer sexualisierter Gewalt aufgrund ihrer Kleidung und ihrer Schminke verurteilt. Ein weiterer Angriffspunkt ist der körperliche und geistige Zustand des Opfers. Eine Studie der EU-Kommission belegt, dass über 10% aller Europäer*innen denken, eine unter dem Einfluss von Substanzen stehende weibliche Person habe sexualisierte Gewalt verdient. Weitere Vorwürfe beziehen sich oft darauf, dass man selbst schuld sei, alleine in gefährliche Gegenden zu gehen oder sich mit den falschen Leuten getroffen zu haben.

Unterbewusste Denkprozesse

Erschreckenderweise ist das Konzept des Victim-Blamings schon so sehr in unserer Gesellschaft verfestigt, dass wir es oft unterbewusst ausüben. Somit bezieht es sich nicht nur auf tatsächliche, sondern auch potentielle Überlebende sexualisierter Gewalt.
Es gibt die Mutter, die ihrer Tochter rät, lieber das Outfit zu wechseln, um nichts zu riskieren. Oder die Freundinnen, die sich Pfefferspray und Armbänder zur Erkennung von K.O.-Tropfen schenken. Dies bedeutet, dass jede*r von Victim-Blaming durchzogene Denkstrategien bewusst oder unterbewusst anwenden kann.

Selbstschutz und Verantwortung

Das Problem ist die Tatsache, dass ein gesunder Selbstschutz natürlich gut und wichtig ist. Frauen dürfen Selbstverteidigungskurse machen, wadenlange Kleider tragen und Pfeffersprays besitzen. Aber sie sollten es nicht müssen.
Frauen und Mädchen haben schon im Vorfeld von Übergriffen zu viel Verantwortung für ihre eigene Sicherheit, und das ist ein Teil des Problems. Denn dies impliziert immer einen Umkehrschluss. Hat die Frau nicht alle Anforderungen erfüllt, so trägt sie selbst Mitschuld an dem Übergriff.

Es gibt diese Idee vom perfekten Opfer (…) Ist es nicht so, wird das der Frau massiv zum Nachteil ausgelegt.“
~ Opferschutz-Expertin Sonja Aziz

Männer im Victim-Blaming?

Letztendlich ist Victim-Blaming also viel mehr als eine unmoralische Verteidigungsstrategie, es ist auch ein gesellschaftliches Phänomen und Merkmal einer rape-culture. Die Fehlerhaftigkeit dieses Konzeptes wird allein dadurch deutlich, dass auch Männer von sexualisierter Gewalt betroffen sein können. Das geht im Konzept des Victim Blamings gänzlich unter. So gut wie kein junger Mann wird jemals darüber nachdenken, lieber kein Tank-Top zu tragen, weil es die Muskeln so sehr betont. Dass männliche Opfer sexualisierter Gewalt dafür mit anderen geschlechtsspezifischen Problematiken konfrontiert sind, darf hierbei allerdings nicht vergessen werden.

Der völlig falsche Ansatzpunkt

Dennoch richtet sich Victim-Blaming gezielt gegen Frauen und Mädchen, gegen weibliche Überlebende sexualisierter Gewalt und solche, die potentiell betroffen sein könnten. Deshalb ist es ein massiver Einschnitt in die Gleichberechtigung der Geschlechter. Anstatt weiblichen Personen beizubringen, nicht vergewaltigt zu werden, sollten wir lieber Täter*innen beibringen, nicht zu vergewaltigen.

Franka Billen

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