We are family – Oder?

Liebe Familie,
oder genauer gesagt, liebes Konstrukt Familie!

Lange habe ich dich hoch gehalten, an dich geglaubt.
Ich wollte so sehr, dass es dich gibt.
Bilderbuchfamilie halt.

Doch nun stehe ich hier. 30 Jahre sind schon passiert und ich fühle mich nicht gut.
Spüre meine Verletzbarkeit, meine Verwundbarkeit. Meine unendliche Wut auf euch und dieses Bild in mir.

Auf einem weißen Papier steht in blauer Schrift "Familie". Der Buchstabe A ist durch ein Herz ersetzt. Darunter sieht man ´Vater und Mutter und drei Kinder, die sich alle an den Händen fassen.

(c) Jennifer Höltken

Ich habe nicht loslassen können, weil ich es mir so unendlich gewünscht habe. Aber vor allem um euch, liebe Eltern, nicht zu enttäuschen.
Habe mitgedreht an diesem Karussell aus Illusion, aus angeblicher Verbundenheit, Innigkeit, Gemeinsamkeit, Harmonie und Verständnis.

Doch das, was Familie auch ist oder sein kann, darüber haben wir nie geredet. Dafür war kein Raum, dafür gab es bei uns keine Sprache.
Familie tut auch weh, engt ein und verletzt. Und dieser Teil gehört auch zu uns.

In meinem Gefühl und in meiner Erinnerung wart ihr so sehr mit eurer Wirkung nach außen, dem Aufrechterhalten eurer Ehe beschäftigt, dass kein Platz war für mein inneres Wachsen.
Eine lange Zeit habe ich mich gefühlt wie eine Hülle. Und es entstand eine große Leere. Ich habe funktioniert, funktioniert, funktioniert. Ich habe die Behinderung meiner Schwester kompensiert durch funktionieren. Deinen Alkoholismus, Mama! Und deine permanente Verunsicherung, Papa!

Wütend macht mich dabei, dass es genug Anzeichen gab, als es mir schlecht ging. Eure Reaktion darauf bestand darin, mich materiell zu versorgen. Immerhin, könnte man meinen. Aber emotional bin ich vereinsamt. Trotz Familie. Trotz Vater, Mutter und Geschwister.

Auf einem weißen Papier steht in blauer Schrift "Familie". Der Buchstabe A ist durch ein Herz ersetzt. Darunter sieht man ´Vater und Mutter und drei Kinder, die sich alle an den Händen fassen. Die ganze Zeichnung ist mit einen roten Kreuz durchzogen, beziehungsweise durchgestrichen.

(c) Jennifer Höltken

Auch heute als Erwachsene, fällt es mir immer wieder schwer, mir selbst gegenüber Wertschätzung zu empfinden. So sehr ich um meine Geschichte weiß, wird es vielleicht immer diesen Mangel geben. Den Mangel nicht genug Zuneigung und Liebe von euch bekommen zu haben, der sich in Selbstzweifeln und Depressionen äußert.

Liebe Eltern, ich glaube nicht mehr an das Konstrukt Familie. Denn meines ist ziemlich brüchig, hat viele Narben und tausend Umwege.

Mein Wunsch wäre es, dass genau darüber mehr gesprochen wird. Nicht nur bei uns, sondern überhaupt. Ich möchte mich nicht mehr schämen für unsere Geschichte, für meine verunglückte Kindheit. Familie hat Milliarden von Gesichtern, Milliarden von Geschichten. Sie ist für mich keine Heilige. Keine Gottheit und auch kein Phänomen. Familie ist das, was wir aus ihr machen. Und ja, ich glaube, wir haben einen großen Einfluss darauf, wie wir sie definieren. Nichts ist in Stein gemeißelt und wir besitzen die große Chance, selbst zu bestimmten und selbst zu gestalten.
Für mich ist somit Familie vieles und doch nicht alles.

Damit, verabschiede ich mich von eurem Bild, und gestalte mein eigenes!

Alles Liebe,
einer Tochter

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