Weiberfastnacht – (un)feministisch?

Triggerwarnung: In diesem Beitrag geht es auch um Rassismus, Belästigung und sexuelle Übergriffe. Wer davon nichts lesen möchte, kann den Absatz „Der lästige Brauch der Belästigung“ überspringen.

Triggerwarnung: Im Absatz „Die Rolle von Frauen (im Karneval)“ geht es auch um Transfeindlichkeit. Wer davon nichts lesen möchte, kann den Absatz überspringen.

In unserer Redaktion wurde sich anlässlich der Weiberfastnacht am 11. Februar gefragt, ob dieser Brauch eigentlich feministisch sei. Um es kurz zu machen: Nein, finde ich nicht. Und ich schreibe gerne darüber, weshalb.

Weiber… Was?

Die Weiberfastnacht (auch Altweiberfasching oder Altweiberfastnacht) wird als Übergang vom Sitzungs- zum Straßenkarneval am Donnerstag vor Aschermittwoch im Rheinland gefeiert. Alle Bräuche zur Weiberfastnacht sollen gemeinsam haben, dass den Frauen für einen Tag die Macht zugestanden wird. Also vermeintlich ein Zustand der verkehrten Welt. Der ganze Tag geht zurück auf das Mittelalter, in dem Männer noch die Geschlechtsvormundschaft über Frauen ausübten. Beim „Mötzenbestot“ der Kölner Marktfrauen im 18. Jahrhundert rissen diese sich pünktlich um 12 Uhr die Haube („Mötz“) vom Kopf, womit sie metaphorisch kurz nicht mehr „unter der Haube“ waren.

Problematische Bräuche

Traditionell verkleideten sich die feiernden Frauen dann als alte und hässliche „Weiber“ und überließen ihren Männern die Kindesbetreuung und den Haushalt, um wenigstens mal einen Tag frei zu machen. Aus dieser Tradition heraus gründeten sich auch die Möhnenvereine. Im Rahmen des Düsseldorfer Möhrensturmes wird dann um 11:11 Uhr traditionell das Düsseldorfer Rathaus gestürmt, woraufhin der Oberbürgermeister den Frauen symbolisch den Stadtschlüssel übergibt. Auch hier soll, in spätmittelalterlicher Manier, gezeigt werden: Heute dürfen zur Abwechslung auch mal Frauen das in der Regel männlich geführte Rathaus regieren. So geschah es auch dieses Jahr, als das Büro von Düsseldorfs Oberbürgermeister Stephan Keller von zwei „Möhnen“ gestürmt wurde, die ihm vor laufender WDR-Kamera (abgesprochener Weise) die Krawatte abschnitten und mit Konfetti warfen. Keller fand’s witzig.

Das Abschneiden der Krawatten von Männern zur Weiberfastnacht hat sich Mitte des 20. Jahrhunderts etabliert. Die Krawatten stehen hier für die (natürlich cis) männliche Macht, die ihnen ausnahmsweise genommen wird – wofür sie, auch das ist Brauch, mit „Bützchen“ (Küsschen) entschädigt werden. Allerdings nur, sofern der Träger der Krawatte dem Abschneiden zuvor zugestimmt hat. Andernfalls, so ein Beschluss des Amtsgericht Essen, kann eine Eigentumsverletzung vorliegen.
Offen gestanden erinnert mich das traditionelle Krawattenabschneiden noch an einen anderen Diebstahl aus dem Mittelalter: So wurde Frauen während der Hexenverfolgungen um das 16. Jahrhundert unter anderem vorgeworfen, Männern die Penisse zu stehlen und sie impotent zu machen.

Das geschriebene Wort "Weiberfastnacht" vor grünem, runden Strukturhintergrund

Weiberfastnacht (c) Renate Strümpel

Die Rolle von Frauen (im Karneval)

Ob Frauen sich durch die Tradition der Weiberfastnacht nun das Recht erkämpft haben, im Karneval auch eine Rolle spielen zu dürfen? Vielleicht, sie wird ihnen aber noch immer zugeteilt. Das beste Beispiel ist der Elferrat, das „Parlament“ des Narrenreiches. Es besteht aus 11 „Würdenträgern“. Frauen sind hier nicht erlaubt, die männerdominierten, sich auf Tradition berufenden Vereine lassen Frauen lediglich als „Tanzmariechen“ zu. In einigen Städten gibt es deshalb gesonderte weibliche Räte, etwa den Achterrat in Freiburg. Ursprünglich wurde übrigens auch die Tanzmariechen-Rolle ausschließlich von Männern dargestellt und erst durch Frauen ersetzt, als die Nationalsozialisten dies aus Angst vor Transidentität forderten.

Die Sache mit der Care-Arbeit

Außerhalb des Karnevalkontextes ist relativ sicher, dass die Mehrheit der Frauen weiterhin für die Care-Arbeit zuständig ist. Sowohl für die Kinderbetreuung und Hausarbeit im „Privaten“, als auch gesamtgesellschaftlich – etwa dann, wenn Frauen die Alten- oder Angehörigenpflege übernehmen, wo der Staat nicht ausreichend mit anpackt. Aber auch in den Pflegeberufen, in denen noch immer mehr Frauen arbeiten. Zeit zum Feiern von Weiberfastnacht haben also erst einmal sowieso nur Frauen, die nicht zeitgleich im Pflegedienst lohnarbeiten, oder auf die Zuhause nicht auch noch weitere Pflege- und/oder Betreuungsarbeit wartet. Außer, die Arbeit darf liegen bleiben und am Tag nach Weiberfastnacht erledigt werden.

Der lästige Brauch der Belästigung

Es gibt aber noch eine weitere Tradition zu Karneval und Weiberfastnacht, die viele Karneval-Fans beim Schwärmen über die Bräuche vergessen: Sexuelle Belästigung und Übergriffe. Vielleicht ist Vergessen auch nicht der richtige Begriff, Verdrängen trifft es besser. Die Debatte um sexualisierte Gewalt beim Karneval wird als lästig empfunden. Darüber hinaus löst jeder Satz, in dem „Köln“ und „sexualisierte Gewalt“ vorkommen, unangenehme Erinnerungen an die Kölner Silvesternacht aus, welche die Mehrheitsgesellschaft doch eigentlich gerne ad acta legen würde. Außer, sie gilt der Instrumentalisierung zur rechten Hetze gegen Migrant*innen. Auf einmal überschatten nicht durchdachte Forderungen nach Abschiebungen und mehr Polizeipräsenz die Debatte über sexualisierte Gewalt gegen FLINT* (Frauen, Lesben, Inter, Nicht-Binäre, Trans)* Personen. Und gerne wird vergessen, dass selbstverständlich auch auf Karnevalsumzügen und der Weiberfastnacht belästigt wird, was das Zeug hält.5 Wochen nach den sexuellen Übergriffen der Kölner Silvesternacht 2016 wurden etwa 22 Anzeigen wegen sexueller Übergriffe erstattet, zwei davon waren schwerwiegend.

Unter all den Bräuchen um die Weiberfastnacht geht es vor allem darum, einen Tag verkehrte Welt, was hier anscheinend so etwas wie eine Herrschaft der Frau bedeutet soll, zu spielen. Natürlich spielen Karnevalisten, alte weiße cisMänner und das Patriarchat da gerne mit. Aber nur, weil sie wissen, dass das Düsseldorfer Rathaus morgen dann wieder überwiegend männlich besetzt ist und sie sich auf die gute, alte Tradition berufen können, wenn sie sich von weiblich gelesenen Personen ein „Bützchen“ erpressen (oder einfach zupacken).

Anmerkungen:
„Frau“ und „Mann“ bezeichnen soziale Kategorien.
Mit Männern sind in diesem Beitrag cisMänner gemeint.

 

Madita Perez Navarro 

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