Wenn man sich die aktuelle deutsche Literaturwelt anschaut, dann nicht ohne den Namen Caroline Wahl. Die gerade einmal 30-jährige Autorin hat mit ihrem Debütroman „22 Bahnen“ einen Verkaufsrekord von über einer Million Exemplaren erzielt. Jetzt erschien ihr neuster Roman „Die Assistentin“ und die öffentliche Aufmerksamkeit um Caroline Wahl bleibt dabei nicht nur positiv.
(c) Frederike Wetzels
Debütroman 22 Bahnen
Ihr Roman „22 Bahnen“, der seit Anfang September diesen Jahres auch als Film über die Kinoleinwände läuft, erzählt die Geschichte von Tilda und ihrer kleinen Schwester Ida. Tilda macht gerade ihren Master in Mathematik und geht gerne Schwimmen, dabei immer genau 22 Bahnen. Ida geht in die Grundschule und malt. Die beiden scheinen eine typische Geschwisterdynamik zu haben. Doch was sie verbindet und dennoch von so vielen anderen Geschwistern unterscheidet: ihre Mutter ist Alkoholikerin. Die meiste Zeit verbringt sie auf dem Sofa, dabei völlig betrunken, depressiv und angriffslustig. Ihren Job im Café hat sie verloren und ihren Kindern schenkt sie keine Aufmerksamkeit. Das Resultat: Tilda geht arbeiten, studiert und zieht nebenbei noch Ida groß.
Der Wendepunkt der Geschichte ereignet sich, als Tilda eine Doktorand*innenstelle in Berlin angeboten bekommt. Nun muss sie sich entscheiden: Bleibt sie bei ihrer Familie in der Kleinstadt oder zieht sie nach Berlin, lässt Ida mit ihrer Mutter alleine und lebt ihren eigenen Traum. Dann taucht auch noch Viktor auf, der große Bruder ihres verstorbenen besten Freundes, und lenkt Tildas Leben in eine völlig neue Richtung.

Kritik an Caroline Wahl
Nicht nur ihr neuer Roman „Die Assistentin“ hat die öffentliche Aufmerksamkeit auf Caroline Wahl gezogen. Denn neben Lobeshymnen hagelt es negative Kritik für die junge Autorin. Besonders die Darstellung von Armut in ihren Werken wird online kritisiert. Denn Caroline Wahl selbst sei wohlhabend und fahre gerne schnelle Autos. Was weiß sie über Armut? Aber muss man ein Thema selbst erfahren haben, um darüber schreiben zu können? Eigentlich nicht, das haben beispielsweise schon unzählige Fantasyautor*innen vor ihr bewiesen. Doch bei Caroline Wahl scheint besonders online eine neue Art der Kritik aufzutreten. Es geht dabei um den Schreibstil, Klischees, die sie wiedergibt, und um die Selbstdarstellung ihrer eigenen Person.
Auch Sophie Passmann hat sich in ihrer Podcastfolge vom 12. September 2025 mit Caroline Wahl befasst. Sophie Passmann ist selber bekannt für Werke wie „Pick me Girls“ und „Alte weiße Männer“. Sie produziert feministischen Content und kennt sich mit Shitstorms aus. Besonders für ihr Buch „Pick me Girls“ erntete sie Kritik. In Ihrem Podcast „Der Sophie Passmann Podcast“ ergreift sie für Caroline Wahl Position. Sie weiß, wie es als junge Frau in der Verlagsszene läuft und dass die Öffentlichkeit immer wieder Kritikpunkte bei jungen FLINTA*-Autorinnen findet, die sie bei anderen männlichen Autoren nicht einmal bemerkt hätte.
Ebenfalls sorgt das Hörbuch zu Caroline Wahls neuem Roman „Die Assistentin“, welches sie selbst eingesprochen hat, für Aufsehen. Dass Wahl dabei nicht wie eine professionelle Sprecherin klingt, war vorherzusehen, schließlich ist sie das nicht. Trotzdem scheint vielen Hörer*innen ihr Stil nicht zu gefallen. Doch viele Autor*innen, darunter auch Benjamin von Stuckrad-Barre, entscheiden sich dazu, ihre Bücher selbst einzulesen. Kritik gibt es für ihn jedoch kaum.
Die Assistentin
Am 28.08.2025 kam ihr neuster Roman „Die Assistentin“ heraus, welcher bereits jetzt Platz Eins der Spiegel Bestseller Liste erreicht hat. In dem Roman geht es um Charlotte. Eine junge Frau, die in einem Verlag in München arbeitet, obwohl sie eigentlich Musikerin werden möchte. Die Hauptthematik des Romans: Machtmissbrauch, Belästigung, patriarchale Strukturen, und auch „MeToo“.

Rezensionen zu dem Werk fallen unterschiedlich aus. Viele loben Caroline Wahls Schreibstil, finden die Erzählung jedoch fad, eine Geschichte die auch auf 100 Seiten ihren Platz gefunden hätte, anstatt auf 368. Die Thematik ist trotzdem wichtig. Die Verlagsstrukturen sind klar wiedergegeben, die Story jedoch vorhersehbar. Caroline Wahl schreibt in ihrem Roman dennoch nicht nur über „MeToo“, sie hinterfragt auch, wie man einen Roman schreibt, in dem es um „MeToo“ geht. Kann die Protagonistin Charlotte beispielsweise eine neue Liebesbeziehung eingehen und dennoch das sich auf sie auswirkende Ausmaß des Machtmissbrauchs durch ihren Chef darstellen?
Dass sie in ihrem neusten Roman über Machtstrukturen in der Verlagswelt schreibt, wirkt dabei schon fast ironisch. Denn auch wenn Charlotte sich in einer anderen Situation als Caroline Wahl befindet, geht aus der aktuellen Debatte um sie hervor, dass weibliche Autorinnen weiterhin eine andere Position haben, als ihre männlichen Kollegen.
Caroline Wahl selbst schreibt dazu auf ihrem Instagram-Account:
„[…] dass das alles gerade aufkocht, zu dem zeitpunkt, in dem die assistentin erscheint, ein roman, in dem ich vom patriarchalen machtmissbrauch in der verlagsbranche erzähle, den eine junge frau erlebt, finde ich einfach nur bezeichnend und eigentlich muss ich dazu auch wirklich gar nichts mehr sagen und kann jetzt weiter stillhalten, aushalten, zurückhalten oder sonst irgendwas halten.“ (Instagram Account: Caroline Wahl, 05.09.2025)
Sexismus in der Verlagsbranche
Wenn man die meisten Männer in der Verlagsbranche fragen würde, ob Männer und Frauen im Literaturbetrieb gleichgestellt sind, würden die meisten wohl mit „Ja“ antworten. Frauen hingegen sehen das anders und sprechen dabei aus eigener Erfahrung. Dass Männer in beruflichen Bereichen höhere Aufstiegschancen haben und auch sonst in vielen Betrieben bevorzugt werden, ist nichts Neues. Trotzdem hat in den letzten Jahren ein Wandel stattgefunden. Die Verkaufstische bei bekannten Buchhändler*innen sind belegt mit Literatur weiblicher und queerer Autor*innen. Universitäten greifen immer mehr Werke von Autorinnen auf und bieten dazu Seminare an. Aber Sexismus endet nicht, zumindest noch nicht und noch lange nicht in der Arbeitswelt.
Der Hashtag „MeToo“ hat viele Menschen zum Nachdenken angeregt und viele Situationen in die Öffentlichkeit gezogen. Trotzdem ist die MeToo Debatte in der Verlagsbranche weniger einflussreich gewesen als beispielsweise in der Filmbranche, sagt der ehemalige Verlagssprecher von Boos im Gespräch mit dem Handelsblatt.
Dass es für weibliche Autorinnen weiterhin schwieriger ist, in der Branche Fuß zu fassen, sieht man auch am Beispiel Caroline Wahl.

Verfilmung: 22 Bahnen
„22 Bahnen“, ein Film in dem es um so viel mehr als Schwimmen geht. Es geht um Familie, Liebe, Verlust, das Alleinsein und die Angst loszulassen. Der Film beschreibt die ergreifende Beziehung zwischen Tilda (Luna Wedler) und ihrer kleinen Schwester Ida (Zoë Baier). Verregnete Tage verbringen sie zusammen im Schwimmbad, Ida sitzt am Küchentisch und malt, während Tilda Mathe-Aufgaben für ihr Studium löst. Auf dem Sofa liegt ihre Mama, eingeschlafen im Vollrausch, wie in fast jeder Szene. Wenn sie nicht betrunken ist, dann ist sie dabei, Wiedergutmachung bei ihren Kindern zu leisten, ohne Erfolg. Eine Endlosschleife, in der sich die Familie befindet, ohne Hoffnung auf bessere Zeiten.
Als Tilda das Angebot für eine Doktorand*innenstelle in Berlin, weit weg von zu Hause, bekommt, lehnt sie ab. Vorerst. Für Tilda ist es keine Option, Ida alleine mit ihrer Mutter zu lassen, Ida ist noch nicht soweit, denkt sich Tilda. Doch der Wunsch nach Berlin zu gehen steigt und zum ersten Mal nimmt sich Tilda das Recht, an sich selbst zu denken. Und vielleicht ist Ida doch schon viel bereiter als sie es sich zuerst eingestehen wollte.
Der Film zeigt in menschlicher, emotionaler und roher Form die Liebe der Geschwister und ihr zerbrechliches Verhältnis zu ihrer Mutter. Man leidet und fiebert mit ihnen mit, möchte die Mutter am liebsten anschreien und die beiden Schwestern in den Arm nehmen. Es ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle und eine Geschichte, die nicht enttäuscht. Durch Rückblicke auf Tildas Jugend, begleitet von Partynächten, ihren besten Freund*innen und einem Leben, das so viel freier zu sein scheint als jetzt, wird der Kinosaal selbst zur Party und bildet einen Kontrast zur sonst erdrückenden Stimmung der Haupthandlung.
Wer 22 Bahnen schon gelesen hat und nicht genug bekommen kann, sollte auf jeden Fall ins Kino rennen. Und diejenigen, die gerade das erste Mal von Caroline Wahl hören: merkt euch den Namen, denn „Die Assistentin“ wird sicherlich nicht ihr letzter Erfolg sein.
Lana Corzelius



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