Wieso gehe ich überhaupt noch tanzen?

Aus dem Tagebuch einer Endzwanzigerin

Samstagabend – der Lidstrich sitzt, die Haare sind gekämmt und neben der üblichen Kleidung sind sogar eine Bluse und eine Kette zum Outfit dazugekommen. Ich könnte glatt von mir behaupten, dass ich startklar für die Nacht bin. Eine Freundin kommt zu Besuch, mit der festen Überzeugung, dass wir heute tanzen gehen. Mein Inneres sträubt sich noch, obwohl es ausgemacht ist. Zunächst ist das Sofa mein Ort Nummer eins, der am attraktivsten scheint, um ein Glas Wein zu trinken. Draußen ist es kalt und regnerisch und ich finde meine Wohnung sollte auch mein Outfit bewundern dürfen. Wieso also rausgehen?

Diskokugel in der Nacht

(c) Renate Strümpel

Früher war alles besser – wie immer eben

Dank der Entschlossenheit meiner Freundin gehen wir nach einer Flasche Wein dann doch noch aus dem Haus. Da es für die Disko (ja, ich sage noch Disko und nicht Club) zu früh ist, trinken wir noch einen Cocktail. In Gedanken trauere ich der Zeit hinterher, als meine Dorfdisse um 21 Uhr aufgemacht hat und um Mitternacht die Stimmung am Kochen war. Ja, ich oute mich damit voll als Kind vom Dorf – so war das eben bei uns. Mittlerweile kommt man vor 1 Uhr nicht einmal mehr in die Nähe des Schuppens, denn es könnte ja noch keine*r da sein. Dann stehst du allein gelassen an der Bar und fragst dich wieviel Alkohol nötig ist, um auf die leere Tanzfläche zu gehen. Außerdem ist mir aufgefallen, dass, immer wenn ich samstags tanzen gehe, echt nichts mehr los ist auf den Tanzflächen der Republik. Den Moment, seit dem der Samstag nicht mehr der beste Ausgehtag ist, habe ich irgendwann während meines Studiums verpasst. Student*innen feiern lieber unter der Woche in Studiclubs und nehmen jedes Special mit, um ihr Geld zusammenzuhalten. Der Rest der feierwütigen Menge geht freitags, da man das ganze Wochenende braucht, um sich davon auszukurieren.

Lektion für die Herren vom Nebentisch

Zurück zur Cocktailbar. Mit einem Cocktail aus der Happy Hour bewaffnet quatschen wir über alles Mögliche. Dabei sind wir gleichzeitig das Unterhaltungsprogramm für unseren Nebentisch. Die Gruppe von fünf Männern scheint sich nicht selbst unterhalten zu können und lauscht lieber bei uns mit. Das ist so offensichtlich und nervt, dass ich mich zwischenzeitlich frage, ob wir nicht lieber Themen wie Ausschläge, Weisheitszahn-OPs und meinen Stuhlgang besprechen sollten. Anderseits wäre es wahrscheinlich besser gewesen, über Alltagssexismus zu reden, denn laut meiner Freundin wurde ich bei einem kurzen Gang zur Toilette ordentlich von hinten ausgecheckt. Dann könnte ich von mir behaupten, diesen Männern noch etwas beigebracht zu haben. Wieso fallen mir solche coolen Aktionen eigentlich immer erst viel, viel später ein? Ich ärgere mich jedes Mal darüber.

Tanzakrobatik

Diskokugel

© Natascha Köhler

Wir steuern eine Durchschnittsdisko an, die keinen schlechten Ruf hat, aber auch nichts Besonderes ist. Mittlerweile ist es 2 Uhr und die Ersten kommen uns schon wieder entgegen. Das waren wahrscheinlich diejenigen, die die leere Tanzfläche vom frühen Abend bewundern durften und jetzt keinen Bock mehr haben. Wir tanzen und der erste Typ spricht uns an. Aber wir gehören nicht zu der Schar an Menschen, die auf der Suche nach einem Flirt ist, sondern wollen einfach nur tanzen – und das eben nicht in den eigenen vier Wänden. Wir haben schlichtweg Spaß beim Tanzen und manchmal wenden wir bewährte Tanztaktiken an, um komischen Typen aus dem Weg zu tanzen. Da wird sich dazwischengeschoben, der Ellenbogen ausgepackt oder irgendwelche anderen seltsamen Tanzmoves gemacht, um dem Ganzen zu entgehen. Retrospektiv betrachtet frage ich mich, wieso wir es uns so umständlich machen, wenn wir auf der Tanzfläche „nein“ sagen wollen. Einerseits habe ich mittlerweile eine Mir-ist-fast-alles-egal-was-andere-sagen-Einstellung und auf der anderen Seite falle ich immer wieder in alte Muster zurück. Das ist wie wenn man alte Schulfreundinnen wiedertrifft. Da verhält man sich dann wieder so wie zu Zeiten, wo die Geschichtshausaufgaben am nächsten Tag zu den größten Problemen zählten, obwohl wir uns alle entwickelt haben und erwachsen geworden sind. So tanzen wir durch die Nacht und fallen hier und da wieder in alte Verhaltensweisen, die wir eigentlich längst ablegen wollten.

Bye, Bye Sonntag

Diskokugel die von einem Scheinwerfer angestrahlt wird

(c) Renate Strümpel

Es ist mittlerweile fast 5 Uhr als wir in der Bahn sitzen und auf dem Rückweg sind. Ich habe es kommen sehen. Der Sonntag ist sowas von im Eimer. Und ich komme wieder zu dem Schluss, warum ich, trotz des Spaßes den wir hatten, nicht tanzen gehen wollte. Ich fühle mich zu alt für den ganzen Zirkus. Außerdem habe ich keinen Bock auf irgendwelche Anmachen von Fremden. Ja ich weiß, dass viele ausgehen, um neue Leute kennenzulernen. Aber seien wir einmal ehrlich: auf plumpe ausziehende Blicke und volltrunkene Antanzversuche, die auch für sexuelle Belästigung durchgehen würden, können wir herzlichst verzichten. Da ist er wieder, der Hashtag #MeToo. Und mit ihm ein Gefühl, dass etwas in unserer Gesellschaft nicht stimmt und wir gemeinsam unsere Stimme erheben müssen, um etwas zu ändern. Darüber reden, was uns missfällt und aktiv etwas ändern. Gleichzeitig denk ich mir einfach ‘vielleicht beim nächsten Mal‘. Wenn wir auf dem Sofa sitzen, Wein trinken und ich wirklich zu faul bin, tanzen zu gehen.

Seli S

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