Was macht die Nanny?

Buchcover mit Kindern auf Karussell

(c) Luchterhand Verlag

Leila Slimani, Dann schlaf auch du

„Das Baby ist tot. Wenige Sekunden haben genügt. Der Arzt hat versichert, dass es nicht leiden musste. (…..) Die Kleine dagegen war noch am Leben, als die Sanitäter kamen. Sie hatte sich gewehrt wie eine Wilde. (……) Adam ist tot. Mila wird ihren Verletzungen erliegen.“ So beginnt der Roman, und er benennt auch gleich die Täterin: Es ist die Nanny. Es ist also kein Krimi im klassischen Sinn, bei dem es um die Fahndung nach dem Täter geht. Wohl aber geht es um das Verständnis der Tat.

Myriam und Paul spielen ein glückliches junges Ehepaar. Nur: Myriam hasst ihre Rolle als Hausfrau und Mutter und will eine Stelle als Anwältin annehmen. Ihr Mann baut sich eine Existenz als Musikproduzent auf. So beginnen sie, nach einer Nanny zu suchen. „Keine ohne Papiere (….). Bei einer Putzfrau oder einem Maler stört es mich nicht. Diese Leute müssen ja auch irgendwie arbeiten, aber mit den Kindern ist das zu riskant. Ich will niemanden, der Angst hat, die Polizei zu rufen oder ins Krankenhaus zu gehen, wenn es ein Problem gibt. Ansonsten nicht zu alt, unverschleiert und Nichtraucherin.“ Bevor die Bewerberinnen kommen, räumen sie die Wohnung auf. „Die Bewerberinnen sollen sehen, dass sie nette Leute sind, anständige und ordentliche Leute, die sich bemühen, ihren Kindern das Beste zu bieten. Und es soll klar sein, dass sie die Arbeitgeber sind.“ Und sie haben Glück: Louise bewirbt sich, und es ist „wie Liebe auf den ersten Blick“.

„Meine Nanny ist eine Fee.“
So beschreibt Myriam Louise. Und in der Tat: Louise näht Knöpfe an, flickt Kleider, spült das Geschirr, räumt auf, kocht. Kurzum, sie ist das perfekte Dienstmädchen. Später merkt Paul einmal an: „Sie ist so perfekt, so rücksichtsvoll, dass es mich manchmal anwidert.“ „Sie hat die stille Wohnung ganz in ihrer Gewalt, wie einen Feind, der um Gnade bittet.“, ist die Anmerkung der Erzählerin, die immer wieder solche kleinen Kommentare einflicht, die die Idylle in Frage stellen. Auch den Kindern ist Louise eine Partnerin, die mit ihnen singt, ihnen Geschichten erzählt, mit ihnen spielt. Allerdings ist auffällig, dass Geschichten und Spiele immer einen Zug ins Grausame haben.

Die einsame Nanny
Myriam und Paul sind Arbeitgeber, die sich nicht darum kümmern, wie ihre Arbeitnehmerin außerhalb ihrer Arbeit lebt. Um die Wohnung in dem 10. Pariser Arrondissement zu erreichen, muss Louise aus ihrer Vorort-Wohnung mit der Bahn und dann mit der Metro fahren. Ihre Wohnung besteht aus einem Zimmer, möbliert, das sie nicht persönlich einrichtet und das sie ständig putzt. Louise lebt in diesem Zimmer ihre Einsamkeit aus, die sich in Zukunftsangst zuspitzt. Ihr verstorbener Mann hat ihr nur Schulden hinterlassen, ihre Tochter ist ausgezogen, sie haben keinen Kontakt. Sie ist allein. Sie trifft zwar andere Nannys in dem Park nebenan, aber sie vermeidet den Austausch mit ihnen.

Als ihr ihr schäbiges Zimmer gekündigt wird, versinkt sie in ihrer Einsamkeit. Sie kümmert sich nicht mehr um die Kinder, die ihr auf die Nerven gehen. „Ihr Herz ist hart geworden. Die Jahre haben es mit einer dicken, kalten Kruste überzogen, und sie hört es kaum noch schlagen.“

„Vereinbarkeit von Kindern und Beruf“ – das ist das Thema des Romans. Slimani bezieht dazu keine eindeutige Position. Paul und Myriam geben sich alle Mühe, mit ihrem Leben und auch mit dem Louises, soweit sie es sehen. Und Louise? Sie dreht sich an der Schwelle zu dem fremden Privatleben und gehört doch nicht dazu. „Verfolgt von dem Gefühl zu viel gesehen und gehört zu haben von der Intimität der anderen, einer Intimität, die man ihr nie zugestanden hat.“

Slimani hat einen großartigen Roman aus diesem Konflikt gemacht.

Leila Slimani ist 1981 in Rabat, Marokko, geboren. Als 18jährige kam sie nach Paris, wo sie studierte. 2016 bekam sie für “ Dann schlaf auch du“ den Prix Goncourt. Der Roman wurde übersetzt von Amelie Thoma

Das Buch ist 2018 erschienen bei btb TB , 224 Seiten und kostet 10 Euro.

 

 

 

 

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