Zwei Künstlerbiografien

Buchcover, gemaltes Frauenportrait

(c) Penguin Verlag

David Foenkinos, Charlotte
Hans Joachim Schädlich, Felix und Felka

Nein, eine amüsante und entspannende Lektüre versprechen die Bücher nicht, weder das eine noch das andere. Von allem Anfang ist klar, dass sie nicht gut ausgehen, auch nicht ein bisschen, ihr Ende ist Auschwitz.

Aber es gibt noch anderes, das die Bücher verbindet: Bei beiden ist die Hauptfigur ein*e Künstler*in, es handelt sich um eine Form der Künstlerbiografie.

Foenkinos hat Charlotte Salomon (1917-1943) bei der Ausstellung ihres Werkes „Leben? Oder Theater?“ kennengelernt und dann ihren Lebensweg verfolgt. Sie ist die Tochter des bedeutenden Arztes Albert Salomon, der in 2. Ehe mit einer gefeierten Sängerin verheiratet ist. Zwei Auffälligkeiten prägen Charlottes Leben: Ihre Familie mütterlicherseits ist von ungewöhnlich vielen Menschen geprägt, die sich das Leben genommen haben. So auch Charlottes Mutter. 1933 kommt Hitler an die Macht und mit ihm die Verfolgung und Ermordung der Juden. Nachdem Albert Salomon 1938 im Zuge der „Reichskristallnacht“ nach Sachsenhausen verschleppt worden ist, wollen die Eltern wenigstens Charlotte retten und schicken sie nach Villefranche-sur-Mer, einem Ort bei Nizza, wohin auch ihre Großeltern
geflüchtet sind. Ihre Großmutter nimmt sich, depressiv, das Leben; ihren Großvater vergiftet sie – möglicherweise. Sie ist erschöpft, ihr Arzt ermuntert sie zu malen. So malt sie in 800 Gouachen, denen sie Texte unterlegt und Musikstücke zuordnet „Leben? Oder Theater? Ein Singspiel“ und übergibt das Werk ihrem Arzt. „C’est toute ma vie.“, sagt sie. Sie lernt einen Mann kennen, Alexander, den sie heiratet, nachdem sie schwanger ist. Sie war vorher Lagern entkommen: Gurs, aus einem Bus wird sie von einem Polizisten gerettet, aber am Schluss werden sie beide über das Durchgangslager Drancy nach Auschwitz deportiert. Alexander stirbt nach drei Monaten vor Erschöpfung, Charlotte wird sofort vergast.

Foenkinos hat ein sehr persönliches Buch geschrieben, in dem er und seine Gefühle vorkommen und in dem er sich in Charlotte einfühlt. Und er hat einen besonderen Stil für das Buch gefunden. Er schreibt im Zeilenstil, fast ausschließlich in Hauptsätzen oder in kurzen Interjektionen, die an Alltagssprache erinnern. Auf jeder Seite stehen zwei oder drei Abschnitte. Dieser Stil nimmt die Lesenden mit, er lässt sie die eigenen Assoziationen entwickeln. Das folgende Zitat mag das Prinzip erklären:

„Dann fing ich an, mir Notizen zu machen.
Notizen über Notizen, jahrelang.
Ich blätterte dauernd in meiner Ausgabe von Leben? Oder Theater?
Charlotte fand in meinen anderen Romanen Erwähnung.
Ich saß immer da und wollte dieses Buch schreiben.
Aber wie?
Durfte ich selbst darin vorkommen?
Ich schrieb, löschte, kapitulierte.
Ich brachte keine zwei Zeilen zu Papier.
Nach jedem Satz geriet ich ins Stocken.
Es ging einfach nicht weiter.
Das war körperlich beklemmend.
Ich verspürte beständig das Verlangen, eine neue Zeile zu beginnen.
Um durchatmen zu können.
Irgendwann begriff ich, dass ich das Buch genau so schreiben musste.“

Buchcover, schwarze Schrift auf braunem Grund

(c) Rowohlt Verlag

Foenkinos gibt an, dass seine hauptsächliche Quelle „Leben? Oder Theater“ ist, während Hans Joachim Schädlich „Felix und Felka“ mit einer vierseitigen Aufzählung von Sekundärliteratur abschließt. In dieser Aufzählung gibt er auch an, wo er Zitate aus der Sekundärliteratur verwendet hat. „Felix“ ist Felix Nussbaum (1904-1944), der Osnabrücker Maler, und „Felka“ ist Felka Platek-Nussbaum (1899-1944). Schädlich schildert nur die Jahre ihres Lebens, die sie unter der Gewalt des NS-Regimes zubringen mussten. Und diese Jahre sind ein einziger Abstieg, von einem relativ wohlhabenden Paar zu einem in einem Mansardenzimmer hausenden. Wir sehen sie zuerst in der Villa Massimo, wo sie nach einer Auseinandersetzung abreisen, dann an der italienischen Riviera, in Paris, Ostende und Brüssel, Saint Cyprien, Mechelen, Auschwitz. Zu Anfang werden sie noch von Nussbaums Eltern unterstützt, dann als sie ihr Exil aufgegeben und nach Köln gezogen sind und von dort nach Amsterdam, sind die beiden selbst für ihren Lebensunterhalt verantwortlich. Felix Nussbaum erfährt große Unterstützung von einem Bekannten, der für ihn seine Bilder in den USA verkauft. Er muss sich aber bald Illustrationen und der Bemalung von Keramik widmen, um etwas Geld zu verdienen. Bei Kriegsbeginn wird er als „feindlicher Ausländer“ im Lager Saint Cyprien interniert, von dort gelingt ihm die Flucht zurück nach Brüssel. Er lebt nun als Illegaler. Sie finden noch Unterschlupf bei Bekannten, ziehen dann zurück in ihre Mansarde, wo sie festgenommen, ins Durchgangslager Mechelen verbracht und mit dem letzten Transport nach Auschwitz geschafft werden. Felka Platek-Nussbaum ist Ostjüdin, sie kommt aus Warschau, Felix Nussbaum hat sie in der Berliner Kunsthochschule kenngelernt. Sie gibt aber ihre Profession auf und widmet sich der Sorge um ihren Mann. Schädlich stellt an mehreren Stellen ihre Rezepte vor.

Schädlich schreibt radikal aus der Sicht der Nussbaums, dabei sind die Geschehnisse derart brutal, dass er keine Wertungen vornehmen muss. Die beiden kommen in ihren Dialogen viel zu Wort, sie sind auch sehr aufmerksam auf die politischen Ereignisse und wissen, wann es für sie zu spät ist, weiter zu fliehen. Interessanterweise ist der Zeilenstil ähnlich, wenn auch nicht so konsequent wie bei Foenkinos gehalten.

Auschwitz ist schrecklich, es ist in unserer Geschichte enthalten. Deshalb solltet ihr wenigstens eines der sehr berührenden Bücher lesen. Vielleicht habt ihr dann noch Lust, einige Bilder der beiden im Internet zu betrachten oder das Buch von Salomon durchzublättern oder nach Osnabrück in das von Libeskind konzipierte Felix Nussbaum-Museum zu fahren.

Der Roman von David Foenkinos hat 237 Seiten und ist 2015 bei DVA erschienen.
Übersetzung: Christian Kolb

Foenkinos ist 1974 geboren; er arbeitet als Schriftsteller und Drehbuchautor und lebt in Paris. Das Buch bekam den Prix Renandot und den Prix Goncourt des lycéens. In Frankreich wurde es über eine halbe Million mal verkauft.

Das Buch Felix und Felka von Hans Joachim Schädlich hat 201 Seiten und ist 2018 bei  Rowohlt erschienen.

Schädlich ist 1935 geboren, er übersiedelte 1977 aus der DDR in die BRD. Sein Werk ist mit vielen Preisen ausgezeichnet, unter anderem dem Bremer Literaturpreis.

Beide Bücher sind in der Bibliothek ausleihbar.

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