Glückwunsch zum Job!?

gezeichnete Kröte in blauer Abreitshose mit Schaufel in der Hand

©wuffel

Letztens bei einem Treffen mehrerer Frauen, als sich jede vorstellte und mitteilte, was sie so mache. Agathe sagte, dass sie vor ein paar Tagen einen Job gefunden hat. Es setzt Applaus ein und Freude auf den Gesichtern der anderen im Raum.  Agathe gehört jetzt wieder zur arbeitenden Bevölkerung, hurra! Glückwunsch, Agathe!
Dann erzählt sie, um was es sich bei dem neuen Job handelt:

Sie arbeitet Vollzeit (wau!) als Kassiererin in einem Lebensmittelmarkt und bekommt den Mindestlohn von 8,50 Euro (wau!). Das macht netto etwas mehr als 1000 Euro im Monat (wau!). Dafür verlangt der Arbeitgeber Schichtdienst und bis zu 10 Prozent Mehrarbeit bleiben unvergütet. Der Beitritt zu einer Gewerkschaft ist zwar nicht untersagt, aber Agathe erfährt schon gleich von den KollegInnen, dass das nicht gern gesehen ist. Vor und nach Arbeitsbeginn hat Agathe ihre Kasse auf Richtigkeit zu überprüfen, was nicht als Arbeitszeit gilt. Die Pausen werden im Wechsel gemacht, so dass ein Austausch der Beschäftigen kaum entsteht. Regelmäßig kommen als Kunden getarnte Testkäufer des Unternehmens vorbei, um die Freundlichkeit der KassiererInnen zu testen und zu sehen, wie lange die Wartezeit an den Kassen ist. Es existiert eine Vorgabe von Waren, die in einem Zeitquantum gescannt werden müssen. In der Filiale Vorgesetzte sind ermächtigt, Taschenkontrollen bei Verlassen des Geschäftes durchzuführen. Und wenn die Putzfrau der Filiale krank ist, gehört die Reinigung des Ladens auch zu Agathes Aufgaben, was ebenfalls nicht vergütet wird. Bis vor kurzem gab es Kameras an den Kassen und in den Pausenräumen, die aber nach öffentlichem Protest entfernt wurden.

Soll man dazu applaudieren?

Gerda hat es auch geschafft: sie arbeitet nun in einem Hühnermastbetrieb und ihre Aufgabe besteht vor allem in einer Trennung der Küken in Hähnchen und Hühner. Letztere werden nicht gebraucht, weshalb Gerda diese vom Fließband vor ihr aussondert und in einen Behälter wirft, wo die kleinen Tiere dann einem Schredder zugeführt werden. Der Lärm der Fließbänder in der großen Halle macht jegliche Kommunikation unmöglich. Bezahlt wird noch unter dem Mindestlohn, so dass Gerda froh ist, wenn sie im Monat mehr als 800 Euro Netto nach Hause bringt. Viele der Beschäftigten dort klagen über Arthrose in den Händen. Das Tempo des Aussortierens bestimmt das Fließband; still steht es nur dann, wenn etwas Unvorhergesehenes eintritt. Der Wechsel an den Arbeitsplätzen geschieht bei laufendem Band. Wenn Gerda nach 8 Stunden ihrer Tätigkeit den Heimweg von einer Stunde antritt, dann ist sie körperlich erschöpft und kaum noch zu mehr in der Lage, als sich abends vor die Glotze zu setzen. Mittlerweile hört sie nachts in ihrem Kopf nicht mehr das panische Quieken der Küken, die sie lieblos auszusortieren und ihrem hässlichen Tod zuzuführen hat. Das war lange so, bis Gerda ein Schlafmittel fand, das ihr diese Qualen nahm.

Glückwunsch, Gerda?

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