Was ist eigentlich „krank“?

Wir sagen krank und schnell gibt es eine der detaillierten Diagnosen des ICD-10 (ICD: International Classification of Diseases – ein von der Weltgesundheitsorganisation herausgegebenes Manual aller anerkannten Krankheiten und Diagnosen). Regelmäßig werden darin neue „Krankheitsbilder“ (wie z. B. Burnout, ADHS, um nur zwei zu nennen) aufgenommen und die Pharmaindustrie nimmt darauf maßgeblich Einfluss. Hat sie doch schon längst neue Präparate in der Hinterhand, mit denen sie verdienen wird. Besonders ideenreich erfolgt dies alles bei psychischem Unwohlsein, lassen sich hierfür nur schwer allgemein gültige Parameter bestimmen, die zudem überwiegend nur im Dialog mit Betroffenen zu erfahren sind. Wie viel Einfluss hierbei durch die Gestaltung und Intention des Interviewers möglich ist und wie manipulativ so ein Gespräch geführt werden kann, soll hier nicht dargelegt werden. Vielmehr möchte ich fragen: was ist denn krank? Ich verstehe darunter Symptome von Körper und Psyche, die kurz- oder langfristig Leid verursachen. Können Symptome betrachtet und nachhaltig behandelt werden, ohne dabei die Lebenssituation zu berücksichtigen? Ich denke, nein, wie auch der ganzheitliche Ansatz immer mehr Anhänger findet. Das halte ich für einen Fortschritt, doch geht er mir nicht weit genug.

Und was ist mit den Ursachen?

Insbesondere bei Menschen mit einer psychiatrischen Diagnose wie Depression, Essstörung, Bipolare Störung, Zwänge, Angstzuständen und Traumafolgestörung tue ich mich schwer, diese Menschen als krank anzusehen, sofern die Folge ist, dass die Symptome bekämpft und/oder in Schach gehalten werden sollen, ohne die Hintergründe und Lebensumstände zu betrachten. Vielmehr frage ich: Ist es krank, wenn Menschen Verhältnissen ausgesetzt sind, die sie in ihren Entfaltungsmöglichkeiten behindern oder diese unmöglich machen, und sie dann depressiv werden? Ihnen das Leben sinnlos erscheint? Ist es krank, wenn ein Mensch seinen Lebensunterhalt mit einer Arbeit verdienen muss, wo neben einer geringen Entlohnung Stress und Fremdbestimmung vorherrschen, und psychische Beschwerden oder anderes ihn aus diesen Zusammenhang zwingt? Sind Traumafolgestörungen eine Krankheit, wenn Menschen teilweise schon in frühen Jahren Misshandlungen erleben und dann ein Leben voller Angst und Misstrauen führen? Ich finde all das eher gesunde Reaktionen und kränker, wenn andere unter den o. g. Situationen keine Symptome entwickeln. Symptome, die ein Indiz dafür sind, dass die Lebensumstände ungünstig sind, um es gemäßigt zu formulieren. Symptome, die vielleicht kurzzeitig mit dem Segen der Pharmaindustrie verringert oder ausgeschaltet werden, langfristig aber den Menschen kein besseres Leben ermöglichen – außer den Herstellern solcher Medikamente. Darüber hinaus oft auch Kombinationen von Präparaten nötig sind, um Nebenwirkungen zu bekämpfen.

Der Mensch im Kapitalismus

Und schlussendlich: Dass das vermehrte Auftreten von psychischen Symptomen in den letzten Jahrzehnten sicherlich nicht nur mit einer größeren Sensibilität dafür und Offenheit zu begründen ist, steht wohl außer Frage. Im Kapitalismus zählt Geld mehr als der Mensch und die Natur. Insofern steht auch unser Gesundheitswesen unter dem Diktat, in erster Linie die Arbeitsfähigkeit, also die kapitale Produktivität wiederherzustellen, damit dem ständigen Wachstumsgebot der Volkswirtschaft Rechnung getragen wird. Und wer sich nicht einfinden kann in das Lebensprinzip von „Höher- Schneller-Weiter – Hauptsache: Mehr“, wird als faul, dumm oder als Schmarotzer bezeichnet und gesellschaftlich missachtet.
Sind die alle „krank“??? Oder ist vielmehr die Art und Weise, wie unser Zusammenleben, insbesondere unsere Wirtschaft, gestaltet wird, krank?

One Response to Was ist eigentlich „krank“?

  1. Helma says:

    Weise Worte, nach denen ich mich so sehr gesehnt habe.
    Ich bin autistisch. Doch niemand merkt und sieht es mir an. Niemand weiß wieviel Kraft und Mühe ich aufbringe, um den Anforderungen der Gesellschaft standzuhalten.
    Oute ich mich in der Hoffnung auf etwas Rücksichtnahme und Entgegenkommen anderer, z. B. KOllegen, stoße ich auf Ratlosigkeit. Trotzdem fragt niemand fragt nach. Irgendwann der Satz, dass ich doch ganz normal sei – heißt, dann könne ich doch auch die Leistungen erbringen.
    Ich bin Tag für Tag Verhältnissen ausgesetzt, die mich in meinen Entfaltungsmöglichkeiten behindern. Muss alles irgendwie schaffen- nicht schlapp machen, irgendwie ohne soziale Unterstützung durchkommen, damit ich nicht in die Behindertenschiene rutsche, noch acht Jahre bis zur Rente – irgendwie. In meinem Beruf als Fotolaborantin lief alles gut. Dunkelkammer gibt es nicht mehr. Aber als Tagelöhner muss ich nicht jeden Tag schufften, nur wenn ich mich zur Verfügung stelle und nur wenn Arbeit da ist und wehe ich werde krank. Lohnfortzahlung? Fremdwort! Immer weiter der Herde folgen, mitmachen und so meine Identität verlieren…

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