Landleben als grüne Hölle

Alina Herbing: Niemand ist bei den Kälbern

grüne Gummistiefel

Umschlagmotiv © Simon Belcher/Getty Images Umschlaggestaltung Büro Jorge Schmidt, München

Christin ist Anfang zwanzig und wohnt irgendwo im Niemandsland in Meck-Pomm. Sie ist zu ihrem Freund Jan gezogen, und viele Alternativen hatte sie auch nicht: keine Ausbildung, Vater Alkoholiker, Mutter abgehauen. Eigentlich will sie ja auch mit Jan zusammen sein, aber nicht mit allem, was an ihm dranhängt: ein Milchviehbetrieb in ständiger Finanznot, sein autoritärer Vater, der nichts von ihr hält und sie herumkommandiert, dessen blasse schwangere Lebensgefährtin; der Stallgeruch, der kaputte Trecker und das ewige Melken zu nachtschlafender Zeit. Kirschlikör, kleiner Feigling und anderer Schnaps sind ihre verlässlichen Begleiter. Sie mogelt sich mit kleinen oder auch dicken Lügen durch den Alltag. Die Dorffeste mit den herumhängenden Jugendlichen machen die Tristesse auch nicht besser, es wird gesoffen, gekokst und ´ne schnelle Nummer geschoben, so war es bisher auch bei Christin: Niemand kommt raus, nichts ändert sich für sie, weder mit noch ohne Jan. Weiterlesen

Kakophonie

Buchcover mit Mann mit Aktentasche

(c) Kiepenheuer und Witsch

Julian Barnes, Der Lärm der Zeit

Wie eine Partitur blättert Barnes das Leben des Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch (1906-1975) auf, vom jungen Mann, der „Auf der Treppe“ steht, zu dem erfolgreichen Vertreter seines Staates „Im Flugzeug“ bis zu dem alten Mann „Im Auto“.

Als er „Auf der Treppe“ steht, ist Schostakowitsch schon ein erfolgreicher Komponist, dessen Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ im In- und Ausland bejubelt wird. 1936, in einem Schaltjahr, besucht Stalin die Oper, zusammen mit Molotow,Mikojan und Schdanow. Stalin verbirgt sein Gesicht hinter einem Vorhang, die Regierungsloge liegt über dem Schlagzeug und den Blechbläsern, und die sind die Anführer einer infernalisch lauten Musik. Stalin verlässt die Oper. Am übernächsten Tag erscheint in der Prawda der Artikel „Chaos statt Musik“, er wird Stalin zugeschrieben. In dem Artikel wird die Musik scharf abgelehnt, vor allem aber wird sie dem „Formalismus“ und „Linksabweichlertum“ zugerechnet. Das sowjetische Publikum erwarte eine melodiöse, romantische Musik. Schostakowitsch wird aus dem Komponistenverband ausgeschlossen, seine Oper darf nicht mehr gespielt werden, Weiterlesen

Wörter mit Eigenleben

Arabische Muster in Lila

(c) Random House btb

Nava Ebrahimi:  Sechzehn Wörter

Sechzehn Wörter erinnern Mona immer wieder daran, dass die deutsche Sprache, in der sie ihr Leben in Deutschland gestaltet, nicht ihre Muttersprache ist. Sie überfallen die junge Deutsch-Iranerin  hinterrücks, sie ist ihnen ausgeliefert – bis sie anfängt, eins nach dem anderen zu übersetzen und sich damit ihrer Geschichte zu stellen. Und so betrachten wir zu Beginn jedes Kapitels eines dieser eleganten, verschnörkelten und auf uns so geheimnisvoll wirkenden arabischen Zeichen. Darunter eine Darstellung der Wörter in lateinischer Schrift, die jedoch auch zunächst rätselhaft bleiben und die im Laufe des Kapitels und schließlich im Laufe der ganzen Geschichte ihren Zusammenhang enthüllen. Weiterlesen

Gutsituiertes Elend

Cover mit rot-blau-gelben Mustern

(c) Droschl Verlag

Gertraud Klemm: Aberland

Zwei Frauen in gutbürgerlichen Verhältnissen beschreiben ihr Leben: Ich-Erzählerin Elisabeth und ihre Tochter Franziska. In abwechselnden Kapiteln kommen sie zu Wort und setzen das Bild ihres Alltagslebens zusammen.

Die Mutter…

Elisabeth ist Ende 50, verheiratet mit Kurt, zwei Kinder – es könnte auf einen geruhsamen Lebensabend hinauslaufen.  Stattdessen hadert Elisabeth mit dem Altern, mit ihrer erkalteten Ehe, ihrer angespannten Beziehung zu ihrer Tochter Franziska, mit der Pflege der ungeliebten dementen Schwiegermutter, und nicht zuletzt mit ihrem verhinderten Seitensprung mit dem Maler Jakob. Kurt hat ständig Affären, Jakob und seine brotlose Kunst verlieren allmählich an Attraktivität, die Tochter geizt mit Vertrauen und dem Enkelkind. Elisabeth schaut mit Missfallen auf ihre ereignisarme, um nicht zu sagen hohle Umgebung, vor allem aber auf sich selbst und ihren erschlaffenden Körper, mit dem Gefühl, das Leben endgültig verpasst zu haben. Einzig ihre verstorbene Freundin Edith war eine Art Verheißung auf eine Lebensalternative. Die beiden träumten von einem gemeinsamen Leben ohne die lästig gewordenen Männer. Stattdessen wird sich nichts mehr verändern in ihrem Leben.

… und die Tochter

Franziska hat noch viel Leben vor sich, aber auch schon einigen Frust  hinter sich. Ihr Ehe mit Tom, die eine Beziehung auf Augenhöhe sein sollte, ist seit Manuels Geburt  immer stärker in das klassische Modell der Hausfrauenehe abgeglitten. Manuel ist über drei, da möchte Tom nun das zweite Kind und damit das Ideal der gelungenen kompletten Familie durchsetzen – ohne allerdings Franziska nennenswert zu entlasten. Sie wiederum hat das Kindertümeln ihrer Umgebung und die halbherzige Hilfe des Ehemanns satt und möchte endlich ihre Dissertation beenden, da wäre ein zweites Kind das Aus. Schon Manuel hat sie an den Rand der Belastbarkeit gebracht, und vor allem an die ihrer Ehe

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(c) Dolores David

Ein Roman ohne viel Handlung, dafür mit vielen Beobachtungen, vielen Alltagsmomenten und Schlüsselsituationen, die Müttern und Töchtern ziemlich bekannt vorkommen, schonungslos bis zur Schmerzgrenze. Ein klarer Blick auf die Gegebenheiten ist nicht unbedingt aufbauend, aber  unerlässlich für jede Entwicklung. Eine lesenswerte Lektüre.

Das Buch ist erschienen im Literaturverlag Droschl, Wien 2015, hat 184 Seiten und kostet 19,- Euro. Es war auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2015.

Gertraud Klemm, geboren 1971 in Wien, „ist eine österreichische Schriftstellerin, deren Werk die feministische Analyse der zeitgenössischen bürgerlichen Frauenrolle ins Zentrum ihrer Erzählungen rückt.“ (Sagt Wikipedia)

Freiwillig gefangen

 

Buchcover mit Frau und Mann in blauem Overall

(c) Berlin Verlag

Margaret Atwood, Das Herz kommt zuletzt

Charmaine und Stan sind noch nicht lange verheiratet, sie sind ein typisches Paar der amerikanischen unteren Mittelschicht. Sie hat es gern sauber und liebt Blümchenmuster, er gebraucht schon mal einen Kraftausdruck, fühlt sich von „den Reichen“ übervorteilt und hält den Mund. Gerade haben sie begonnen, sich eine Existenz aufzubauen, da geraten sie in eine Wirtschaftskrise, die viel Ähnlichkeit mit der Finanzkrise hat. Sie verlieren ihr Häuschen, das sie durch harte Schufterei abbezahlen, und ziehen in ihr Auto um, immer in Angst vor Vandalen. Charmaine hat einen kleinen Job in einer schäbigen Bar, dort sieht sie die Werbung für die Stadt Consilience mit dem „Positron-Projekt“. Weiterlesen

Heiratsmarkt auf kaukasisch

Zwei Frauen mit Kopftuch schauen auf Frau im Bikini am StrandGanijewa, Alissa: Eine Liebe im Kaukasus

Patja lebt in Dagestan, ist „schon“ 25 und immer noch nicht verheiratet. In der Siedlung, in der ihre Eltern leben, drängen sie alle, sich endlich einen Mann zu suchen: Freundinnen, Nachbarinnen und natürlich ihre Mutter. Nicht anders ergeht es Marat, einem jungen Anwalt in Moskau und ebenfalls aus der Siedlung stammend: Seine Mutter hat eine Liste von Kandidatinnen erstellt, die abgearbeitet werden muss – denn die Eltern haben eigenmächtig schon einen Hochzeitssaal gemietet. Bis die beiden sich über den Weg laufen, wird noch einige Zeit in der Geschichte vergehen. Weiterlesen

Von Bienen und Menschen

Buchcover mit toter Biene

(c) btb

Lunde, Maja: Die Geschichte der Bienen

England 1852, Ohio, USA 2007, China 2098 – das sind die Schauplätze dieses Romans. Und, wie der Titel naheliegt, geht es in jedem dieser Teile um Bienen und die Menschen, die ohne sie nicht leben können.

Im England des 19 Jahrhunderts versucht William seine enttäuschten wissenschaftlichen Ambitionen zu überwinden. Sein Mentor hat sich auf gehässige Weise von ihm zurückgezogen, er muss seine umfangreiche Familie mit sieben Töchtern und dem schwierigen Sohn Edmund mittels eines Ladens ernähren, seine Ehe mit Thilda ist frustrierend. Einer tiefen Depression entkommt er durch ein Buch über Bienen, das ihn mit neuem wissenschaftlichem Eifer erfüllt. Er will eine neuartige Bienenbehausung konstruieren, die das Arbeiten mit Bienenvölkern einfacher macht. Weiterlesen

Dem Leben ins Herz geguckt

Buchcover in Grautönen

(c) Luchterhand Verlag

Terézia Mora, Die Liebe unter Aliens
Als Terézia Mora in diesem Winter den Bremer Literaturpreis bekam und ich ihre Dankesrede hörte, war ich hingerissen. Statt dieser doch oft etwas abgenutzten artigen Worte las sie – eine Geschichte vor! In der ging es unter anderem um das nicht gerade einfache Leben einer Frau zwischen Schriftstellerin mit klammen Mitteln und gestresster Mutter einer Halbwüchsigen. Das Unverblümte, Ungeglättete und Ehrliche daran gefiel mir auf Anhieb. Wie sie zum Beispiel klarmachte, dass ein solcher Preis auch wegen des Preisgeldes etwas sehr Erstrebenswertes ist.

Also klar: von der wollte ich mehr lesen. Als erstes nahm ich mir „Das Ungeheuer“ vor, der Roman, mit dem Mora 2013 den Deutschen Buchpreis gewonnen hat. Zugegeben: mit diesem Roman kam ich erst mal überhaupt nicht zurecht und brachte ihn nach den ersten 50 Seiten Ratlosigkeit zurück in die Bibliothek. Dann also der von der Bremer Jury erwählte Band „Die Liebe unter Aliens“. Weiterlesen

Trost durch Vögel

Cover mit Vogel vor Landschaft

(c) S. Fischer Verlage

Norbert Scheuer, Die Sprache der Vögel

„Im vergangenen Jahr habe ich über 137 Vogelarten beobachtet, darunter 35 Erstsichtungen.“ Paul Arimond schreibt Tagebuch und lässt seine LeserInnen an seinen Beobachtungen teilhaben, er bildet sogar einen Teil in sogenannten „Kaffeeaquarellen“ ab, nennt die lateinischen Namen der Vögel und er legt ein Buch an, in dem er Vogelfedern dokumentiert. Er ist aber nicht als Ornithologe unterwegs, sondern 2003/2004 im Krieg in Afghanistan als Sanitäter. Weiterlesen

Liebe auf brüchigem Eis

Buchcover mit Paar und Wellen

(c) Verlag Kiepenheuer & Witsch

Dorit Rabinyan: Wir sehen uns am Meer

Liat stammt aus Tel Aviv, Chilmi aus Ramallah – aber sie wären sich dort, obwohl so nahe beieinander, nicht begegnet. Sie mussten um die halbe Welt, um sich zu treffen. In New York lernen sie sich kennen und verlieben sich Hals über Kopf, fliegen sozusagen auf- und ineinander. Er ist Maler, sie Übersetzerin, beide Mitte/Ende zwanzig. Mitten im eiskalten New Yorker Winter tauchen sie in ihre Liebe ein und sind einander für Wochen genug. Eine intensive Liebesgeschichte, die aber entscheidende Fallstricke aufweist. Eine Israelin und ein Palästinenser, das ist nur möglich um den Preis, den festgefahrenen politischen Hintergrund zwischen Israel und Palästina auszuklammern. Weiterlesen