Schlagwort-Archive: Familie

Wörter mit Eigenleben

Arabische Muster in Lila

(c) Random House btb

Nava Ebrahimi:  Sechzehn Wörter

Sechzehn Wörter erinnern Mona immer wieder daran, dass die deutsche Sprache, in der sie ihr Leben in Deutschland gestaltet, nicht ihre Muttersprache ist. Sie überfallen die junge Deutsch-Iranerin  hinterrücks, sie ist ihnen ausgeliefert – bis sie anfängt, eins nach dem anderen zu übersetzen und sich damit ihrer Geschichte zu stellen. Und so betrachten wir zu Beginn jedes Kapitels eines dieser eleganten, verschnörkelten und auf uns so geheimnisvoll wirkenden arabischen Zeichen. Darunter eine Darstellung der Wörter in lateinischer Schrift, die jedoch auch zunächst rätselhaft bleiben und die im Laufe des Kapitels und schließlich im Laufe der ganzen Geschichte ihren Zusammenhang enthüllen. Weiterlesen

Gutsituiertes Elend

Cover mit rot-blau-gelben Mustern

(c) Droschl Verlag

Gertraud Klemm: Aberland

Zwei Frauen in gutbürgerlichen Verhältnissen beschreiben ihr Leben: Ich-Erzählerin Elisabeth und ihre Tochter Franziska. In abwechselnden Kapiteln kommen sie zu Wort und setzen das Bild ihres Alltagslebens zusammen.

Die Mutter…

Elisabeth ist Ende 50, verheiratet mit Kurt, zwei Kinder – es könnte auf einen geruhsamen Lebensabend hinauslaufen.  Stattdessen hadert Elisabeth mit dem Altern, mit ihrer erkalteten Ehe, ihrer angespannten Beziehung zu ihrer Tochter Franziska, mit der Pflege der ungeliebten dementen Schwiegermutter, und nicht zuletzt mit ihrem verhinderten Seitensprung mit dem Maler Jakob. Kurt hat ständig Affären, Jakob und seine brotlose Kunst verlieren allmählich an Attraktivität, die Tochter geizt mit Vertrauen und dem Enkelkind. Elisabeth schaut mit Missfallen auf ihre ereignisarme, um nicht zu sagen hohle Umgebung, vor allem aber auf sich selbst und ihren erschlaffenden Körper, mit dem Gefühl, das Leben endgültig verpasst zu haben. Einzig ihre verstorbene Freundin Edith war eine Art Verheißung auf eine Lebensalternative. Die beiden träumten von einem gemeinsamen Leben ohne die lästig gewordenen Männer. Stattdessen wird sich nichts mehr verändern in ihrem Leben.

… und die Tochter

Franziska hat noch viel Leben vor sich, aber auch schon einigen Frust  hinter sich. Ihr Ehe mit Tom, die eine Beziehung auf Augenhöhe sein sollte, ist seit Manuels Geburt  immer stärker in das klassische Modell der Hausfrauenehe abgeglitten. Manuel ist über drei, da möchte Tom nun das zweite Kind und damit das Ideal der gelungenen kompletten Familie durchsetzen – ohne allerdings Franziska nennenswert zu entlasten. Sie wiederum hat das Kindertümeln ihrer Umgebung und die halbherzige Hilfe des Ehemanns satt und möchte endlich ihre Dissertation beenden, da wäre ein zweites Kind das Aus. Schon Manuel hat sie an den Rand der Belastbarkeit gebracht, und vor allem an die ihrer Ehe

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(c) Dolores David

Ein Roman ohne viel Handlung, dafür mit vielen Beobachtungen, vielen Alltagsmomenten und Schlüsselsituationen, die Müttern und Töchtern ziemlich bekannt vorkommen, schonungslos bis zur Schmerzgrenze. Ein klarer Blick auf die Gegebenheiten ist nicht unbedingt aufbauend, aber  unerlässlich für jede Entwicklung. Eine lesenswerte Lektüre.

Das Buch ist erschienen im Literaturverlag Droschl, Wien 2015, hat 184 Seiten und kostet 19,- Euro. Es war auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2015.

Gertraud Klemm, geboren 1971 in Wien, „ist eine österreichische Schriftstellerin, deren Werk die feministische Analyse der zeitgenössischen bürgerlichen Frauenrolle ins Zentrum ihrer Erzählungen rückt.“ (Sagt Wikipedia)

Von Bienen und Menschen

Buchcover mit toter Biene

(c) btb

Lunde, Maja: Die Geschichte der Bienen

England 1852, Ohio, USA 2007, China 2098 – das sind die Schauplätze dieses Romans. Und, wie der Titel naheliegt, geht es in jedem dieser Teile um Bienen und die Menschen, die ohne sie nicht leben können.

Im England des 19 Jahrhunderts versucht William seine enttäuschten wissenschaftlichen Ambitionen zu überwinden. Sein Mentor hat sich auf gehässige Weise von ihm zurückgezogen, er muss seine umfangreiche Familie mit sieben Töchtern und dem schwierigen Sohn Edmund mittels eines Ladens ernähren, seine Ehe mit Thilda ist frustrierend. Einer tiefen Depression entkommt er durch ein Buch über Bienen, das ihn mit neuem wissenschaftlichem Eifer erfüllt. Er will eine neuartige Bienenbehausung konstruieren, die das Arbeiten mit Bienenvölkern einfacher macht. Weiterlesen

Warschau / Holland

Cover in rot und orange

(c) Wallstein Verlag

Lot Vekemans, Ein Brautkleid aus Warschau

Die Geschichte wird aus drei Perspektiven erzählt: der von Marlena, der von Andries, der von Szymon. Das sind auch die wichtigsten Personen des Romans.

Marlena ist 25, sie lebt bei ihren Eltern, denen ein kleiner Hof eine Stunde von Warschau gehört. Sie verträgt sich nicht mit ihrer Mutter. Auf der Rückfahrt vom Besuch des Papstes trifft sie zufällig in einem Restaurant Natan, einen Amerikaner, der in Polen die Geschichte seiner im Holocaust ermordeten Familie rekonstruiert. Marlena verliebt sich unsterblich in Natan und er wohl auch in sie. Drei Monate sind sie zusammen, dann muss er zurück in die USA. Weiterlesen

Vietnam erobert den Prenzlauer Berg

Buchcover mit Bambusbrücke vor blauem Himmel

(c) C.H.Beck Verlag

Karin Kalisa: Sungs Laden

 Ein kleiner unscheinbarer Obst- und Gemüseladen am Prenzlauer Berg in Berlin wird zum Kristallisationspunkt für eine Bewegung, die den ganzen Stadtteil erfasst. Unmöglich?! Nicht bei Karin Kalisa.

Ihre Zutaten: Eine Grundschule in Berlin, die auf Anordnung von oben eine „Woche der Verständigung“ gestalten soll – ausgerechnet in der stressigen Vorweihnachtszeit; eine vietnamesische Familie, deren Mitglieder in der ehemaligen DDR als VertragsarbeiterInnen für das „Bruderland“ gearbeitet haben und geblieben sind; eine Großmutter, die eine schmerzliche Vergangenheit mit sich trägt. Weiterlesen

Familiengeschichten

 Adriana Altaras, Titos Brille. Die Geschichte meiner strapaziösen Familie

 Adriana_Altaras_Titos_BrilleTrug Marschall Tito – ja, um den handelt es sich – überhaupt eine Brille? Jedenfalls hat der Vater sie ihm repariert und Anlass für ihr Erzählen ist der Tod ihrer Eltern. Sie ist mit der Nachlassverwaltung betraut, eine Mammutaufgabe, da die Eltern seit ungefähr 40 Jahren kein Zettelchen weggeworfen haben. Für Altaras Zeit zum Sinnieren, für Wutausbrüche, für Tränen, zum Selbstmitleid und zum Aufblühen ihrer Stauballergie. Weiterlesen

Kleinfamilie on the Road

Toews_Trautmans

Buchcover

Miriam Toews: Die fliegenden Trautmans.
Hattie ist mit Anfang 20 nach Paris geflohen, weg aus einer kanadischen Kleinstadt und weg von ihrer etwas verrückten Familie. Aber dann kommt ein Anruf ihrer kleinen Nichte Thebes, dass deren Mutter wieder einmal vom psychischen Absturz bedroht ist. Thebes´Bruder Logan ist aus der Schule geflogen – kurz: nur Hattie kann versuchen, die Lage in den Griff zu kriegen. Sie fliegt nach Hause, bringt die schwer depressive Min in eine Klinik und beschließt, mit den Kindern deren Vater Cherkis zu suchen, der schon vor Jahren abgehauen ist, weil Mins Krankheit die Beziehung ruiniert hat. Thebes ist 11 und blitzgescheit, redet ununterbrochen und hat eine blühende Fantasie. Logan ist 15 und einsilbig, zieht sich wann immer möglich in seinen Kapuzenpulli zurück oder trainiert Basketball. Diese ungleiche Dreier-Combo macht sich in einem klapprigen alten Van auf den weiten Weg nach South Dakota… Weiterlesen