Archiv des Autors: Alwine

Was macht die Nanny?

 

Was macht die Nanny?

 

Buchcover mit Kindern auf Karussell

(c) Luchterhand Verlag

Leila Slimani, Dann schlaf auch du

 

„Das Baby ist tot. Wenige Sekunden haben genügt. Der Arzt hat versichert, dass es nicht leiden musste. (…..) Die Kleine dagegen war noch am Leben, als die Sanitäter kamen. Sie hatte sich gewehrt wie eine Wilde. (……) Adam ist tot. Mila wird ihren Verletzungen erliegen.“ So beginnt der Roman, und er benennt auch gleich die Täterin: Es ist die Nanny. Es ist also kein Krimi im klassischen Sinn, bei dem es um die Fahndung nach dem Täter geht. Wohl aber geht es um das Verständnis der Tat. Weiterlesen

Ein Dorf voller Witz und Menschlichkeit

Buchcover mit Okapi und Apfel

(c) DuMont Verlag

Mariana Leky, Was man von hier aus sehen kann

 Luise ist zehn und lebt in einem kleinen Dorf im Westerwald, wo die Menschen recht kurz angebunden sind, „weil sie das Sprechen gern schnell hinter sich bringen“. Ihre Großmutter Selma ist eine resolute und freundliche Person, aber alle paar Jahre jagt sie dem Dorf einen Riesenschrecken ein: Wenn sie von einem Okapi träumt, stirbt innerhalb von 24 Stunden oder kurz danach jemand. Wie bereits mehrmals vorgekommen. Die Handvoll Dorfbewohner sind beunruhigt, auch wenn sie eigentlich behaupten, nicht abergläubisch zu sein: Wen würde es treffen? Viele finden es an der Zeit, reinen Tisch zu machen und mit lang verschwiegenen Wahrheiten herauszurücken. Weiterlesen

Im Rausch der Warenwelt

Junge Frau mit Sonnenschirm

Skizze von Menzel 1890

Emile Zola, Das Paradies der Damen

Was für eine Geschichte, meine Damen Leserinnen! Ich verwette mein letztes Hemd, dass ihr euch aufs Feinste amüsieren werdet. Denn wo bekommt man eine haarscharfe Kritik des Raubtierkapitalismus, eine amüsante Analyse der feinen Pariser Gesellschaft und eine zuckersüße Soap in einem?! Aber eins nach dem anderen.

Die Lage
Paris gegen Ende des 19. Jahrhunderts: Handel und Gewerbe befinden sich in einem tiefgreifenden Wandel. Der kleine Einzelhandel wird von der Konkurrenz aufstrebender großer Kaufhäuser erdrückt, die als strahlende Paläste das weibliche Publikum in seinen Bann ziehen. Weiterlesen

Die langen Schatten der Franco-Diktatur

Buchcover mit Apfelsinen

(c) Aufbau Taschenbuch Verlag

Verena Boos, Blutorangen

Es beginnt im Jahr 2004 mit einem kurzen Kapitel, in dem Vieles im Unklaren bleibt und das uns doch in eine abgründige Geschichte hineinzieht: Ermordete werden – nach 65 Jahren – aus einer Grube geborgen, eine Frau noch ohne Namen nimmt an der Ausgrabung teil und wird zu einem anderen bedeutungsvollen Ereignis gerufen. Dann werden wir uns als LeserInnen nach und nach in eine verschlungene Geschichte hineinfinden, die über vier Generationen geht und ihren Anfang im faschistischen Spanien nimmt: im Jahr 1939, als die Rache des Franco-Regimes gnadenlos über die Reste des republikanischen Widerstands hereinbrach. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Maite oder Maria Teresa – der Name, den ihr die Eltern gaben. Ihr Vater war sein Leben lang strammer Franco-Anhänger, Soldat und Mitglied der berüchtigten Guardia Civil, ihre Mutter Isabel, die zu ihm hält und doch ihr Leben lang ihre eigenen Geheimnisse bewahrt. Weiterlesen

Lebenslügen

 

Buchcover mit aufragenden Halmen

(c) dtv

Celeste Ng, Was ich euch nicht erzählte

Erzählt wird die Geschichte einer Familie in der Jetztzeit und in Rückblenden. Die Familie, das sind: James und Marylin Lee und die Kinder Nath, Lydia, Hannah. Jedes der Familienmitglieder bekommt Passagen, in denen nur es im Mittelpunkt steht. Diese Familie leidet an dem weit verbreiteten Übel: Sie sprechen nicht über die wesentlichen Dinge miteinander. Das müssen sie mühsam begreifen, als ihre Tochter und Schwester aus dem See gezogen wird, der in der Mitte der Kleinstadt liegt. „Lydia ist tot.“, heißt der erste Satz des Buches, und wir erfahren zum Schluss, wie es dazu gekommen ist. Weiterlesen

Ein Junge, seine Mutter und seine drei Väter

Buchcover mit junger Frau die sich kämmtMeir Shalev, Judiths Liebe

Ein Dorf in Israel in den 40er Jahren: Ein Junge wird geboren und erhält von seiner Mutter Judith den Namen Sejde, das bedeutet „Großvater“. „Wenn der Todesengel kommt und ein kleines Kind sieht, das Sejde heißt, merkt er sofort, dass hier ein Irrtum vorliegt, und geht woandershin“, erklärt Judith den befremdlichen Namen. Noch befremdlicher aber ist, dass der Junge drei Väter hat – leibliche Väter wohlgemerkt. Sie haben ihm vielerlei mitgegeben: Vom Bauern Mosche Rabinowitz hat er den Hof und das blonde Haar geerbt, vom Kanarienvogelzüchter Jakob Scheinfeld ein Stadthaus und die hängenden Schultern und vom Viehhändler Globermann einen Batzen Geld und die riesigen Füße. So beginnt die Geschichte, erzählt von Sejde als erwachsenem Mann, und schon werden wir in den Bann  fantastischer Ereignisse gezogen. Weiterlesen

Drei Tage mit dem Tod

Buchcover mit drei gezeichneten schwarz-weiß Figuren

(c) Kiepenheuer Witsch

Thees Uhlmann, Sophia, der Tod und ich

Was für ein intelligentes, witziges, nachdenkliches Buch!
Der Ich-Erzähler ist einer von denen, die man nicht wirklich bemerkt. Er gehört zu den sogenannten „kleinen Leuten“, deren Meinung in Wahrheit nicht interessiert. Er ist 42, arbeitet als Altenpfleger, kommentiert auf schnoddrige Art und Weise, was ihn umgibt, interessiert sich für Fußball, schreibt seinem Sohn, der bei seiner Mutter lebt, jeden Tag eine Karte – er lebt eben so vor sich hin.  Er ist also den meisten von uns sehr nahe, auch darin, dass er nicht über den Tod nachdenkt. Der klingelt aber eines Tages an seiner Tür, gibt ihm noch drei Minuten und will ihn dann mitnehmen. Weiterlesen

Südstaaten Blues

Cover mit einer Hausfassade

(c) Diogenes Verlag

Carson McCullers, Die Ballade vom traurigen Café

„Die Stadt selbst ist trostlos…“ so beginnt die Autorin ihre Erzählung. Eine Kleinstadt im amerikanischen Nirgendwo der 20er oder 30er Jahre. An der verlassenen Hauptstraße steht ein altes windschiefes vernageltes Haus. Es war vor langer Zeit ein Laden und ein Café und gehörte der reichen Miss Amelia, einer eindrucksvollen Frau: unabhängig und stark wie ein Mann, die ausgezeichneten Whisky brannte, handwerklich ebenso geschickt war wie beim Heilen von Krankheiten, der alles gelang – außer gut mit anderen Menschen auszukommen. Sie zog alle übern Tisch und fing wegen Nichtigkeiten Streit an. Kurz, sie war in der ganzen Stadt respektiert und gefürchtet. Weiterlesen

Schwindel im Kreisverkehr

Cover mit Zwei Auto-Lenkrädern

(c) Nagel & Kimchi

Dominique Paravel: Die Schönheit des Kreisverkehrs

Ich gebe es zu: Auf der Suche nach einer schnellen Urlaubslektüre war ich nicht wirklich wählerisch – überschaubar sollte sie sein und irgendwas eher Leichtes. So griff ich in der Bibliothek ein bisschen wahllos in das Regal „Der literarische Tipp“ und dort zu einem Titel, der mich neugierig machte. Die Schönheit des Kreisverkehrs?? So gelangte ich unversehens in eine unterhaltsame und skurrile Erzählung, auf die sicher weder ich noch kaum jemand aus meinem Umkreis gestoßen wäre. Immerhin erinnerte ich mich gleich an die Begeisterung der Franzosen für diese eher nervigen Kreisel, die alle Nase lang den Verkehrsfluss unterbrechen. Dass sie im Mittelpunkt eines Romans stehen könnten, fand ich gewagt. Sie sind es aber tatsächlich. Weiterlesen

Landleben als grüne Hölle

Alina Herbing: Niemand ist bei den Kälbern

grüne Gummistiefel

Umschlaggestaltung: Büro Jorge Schmidt, München/Umschlagmotiv: © Simon Belcher/Getty Images

Christin ist Anfang zwanzig und wohnt irgendwo im Niemandsland in Meck-Pomm. Sie ist zu ihrem Freund Jan gezogen, und viele Alternativen hatte sie auch nicht: keine Ausbildung, Vater Alkoholiker, Mutter abgehauen. Eigentlich will sie ja auch mit Jan zusammen sein, aber nicht mit allem, was an ihm dranhängt: ein Milchviehbetrieb in ständiger Finanznot, Jans autoritärer Vater, der nichts von ihr hält und sie herumkommandiert, dessen blasse schwangere Lebensgefährtin; der Stallgeruch, der kaputte Trecker und das ewige Melken zu nachtschlafender Zeit. Kirschlikör, kleiner Feigling und anderer Schnaps dieser Sorte sind Christins verlässliche Begleiter. Sie mogelt sich mit kleinen oder auch dicken Lügen durch den Alltag. Die Dorffeste mit den herumhängenden Jugendlichen machen die Tristesse auch nicht besser, es wird gesoffen, gekokst und ´ne schnelle Nummer geschoben, so war es bisher auch bei Christin: Niemand kommt raus, nichts ändert sich für sie, weder mit noch ohne Jan. Weiterlesen