Liebe in Zeiten der Besatzung

Randi Crott, Lillian Crott Berthung:
Erzähl es niemandem!

2009 reist Randi Crott nach Nordnorwegen, wie schon oft in ihrem Leben. Diesmal hat sie jedoch etwas Besonderes im Gepäck: die Urne mit der Asche ihres Vaters. Erst als junge Frau hat sie von den jüdischen Wurzeln ihrer Familie erfahren und sich auf Spurensuche begeben.

Das ist der Beginn dieses dokumentarischen Buchs, das im Untertitel heißt: „Die Liebesgeschichte meiner Eltern“. Und diese Geschichte beginnt 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg. 1940 hat die deutsche Wehrmacht Norwegen unter Verletzung von dessen Neutralität überfallen, um England am Eingreifen durch See- und Luftstreitkräfte zu hindern. Dennoch werden die deutschen Besatzungstruppen zunächst zwar als ungebetene Eindringlinge, aber nicht als solche brutalen Besatzer wahrgenommen, wie es an der Ostfront der Fall war. So lässt sich vielleicht auch erklären, dass es zu einer Einladung von zwei deutschen Soldaten auf die Hütte der Familie Berthung gekommen ist, Lillians Familie.

Sie ist die 19 Jahre alte Tochter, und wie das Leben spielt: der deutsche Besatzungssoldat und das norwegische Mädchen verlieben sich ineinander. Das ist in Kriegszeiten ein äußerst problematisches Unterfangen und der Beginn einer unendlichen Geschichte voller gefährlicher Komplikationen. Was nämlich Lillian zunächst nicht weiß: Die Mutter ihres Liebsten Helmut ist Jüdin, somit ist er ein so genannter „Halbjude“, was er den Nazi-Behörden verschweigt, denn es hätte seine Deportation zur Folge. Als Lillian Helmut mit der immer brutaleren Vertreibung und Unterdrückung von Norwegens Bevölkerung konfrontiert, erfährt sie sein Familiengeheimnis, verbunden mit dem Versprechen, niemandem davon zu erzählen.

Es folgen Jahre des Krieges, die das Paar auseinanderreißen, die Lillian ihren Eltern und Geschwistern wegen ihrer Beziehung zu Helmut entfremdet. Je länger der Krieg tobt und je aussichtsloser ein deutscher Sieg wird, umso größer wird die Gefahr, dass ihre Beziehung auffliegt und sie als Nazi-Liebchen angesehen wird, zumal sie zwangsweise für das deutsche Militär Arbeitsdienst leisten muss.
Währenddessen wird Helmuts Familie auseinandergerissen, ihre Lage immer verzweifelter. Seine Heimatstadt Wuppertal wird ausgebombt, seine Tante im KZ umgebracht und seine Mutter nach Theresienstadt deportiert,.

Erst das Ende des Krieges bringt für das Liebespaar einen Hoffnungsschimmer, obwohl noch Jahre vergehen, bis die beiden nach Kriegsgefangenschaft und Einreiseverbot zusammenkommen, was noch einmal sehr dramatisch wird.

Ein bewegendes Stück Lebens- und Zeitgeschichte

Der Satz „Erzähl es niemandem!“ hat ihr Vater auch auf die Autorin übertragen, denn erst nach seinem Tod kann sie sie die Recherche beginnen. Randi Crott erzählt die Geschichte, die anhand der erhaltenen Briefe der Eltern und den Erinnerungen ihrer Mutter authentisch rekonstruiert ist, in verschiedenen Strängen und Zeiten: die Besatzung in Norwegen, die Judenverfolgung in Deutschland, und schließlich die Jetztzeit, in der die Tochter Randi auf die Spurensuche ihrer deportierten Großmutter geht und ihrem Vater den Willen für seine letzte Ruhestätte erfüllt. Zugleich werden die historischen Fakten und Kriegsschauplätze dargestellt und  anschaulich eingebaut – ein Kapitel europäischer Geschichte, über das sicher die meisten Deutschen kaum etwas wissen. So ist dieses schnörkellos geschriebene Buch nicht nur eine bewegende Liebesgeschichte, sondern ein sehr informatives Geschichtsbuch, ohne je langweilig oder trocken zu werden.

Das Buch ist 2012 im Dumont Verlag erschienen, inzwischen als Taschenbuch erhältlich, hat 288 Seiten und kostet 9,99 €. Es enthält Originaldokumente und Fotos.

Randi Crott wurde 1951 in Wuppertal geboren und arbeitet als Journalistin für Radio und Fernsehen. 2016 entstand aus dem Buch in Zusammenarbeit mit ihrem Ehemann Klaus Martens ein gleichnamiger Dokumentarfilm.

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