Lebenslügen

 

Buchcover mit aufragenden Halmen

(c) dtv

Celeste Ng, Was ich euch nicht erzählte

 

Erzählt wird die Geschichte einer Familie in der Jetztzeit und in Rückblenden. Die Familie, das sind: James und Marylin Lee und die Kinder Nath, Lydia, Hannah. Jedes der Familienmitglieder bekommt Passagen, in denen nur es im Mittelpunkt steht. Diese Familie leidet an dem weit verbreiteten Übel: Sie sprechen nicht über die wesentlichen Dinge miteinander. Das müssen sie mühsam begreifen, als ihre Tochter und Schwester aus dem See gezogen wird, der in der Mitte der Kleinstadt liegt. „Lydia ist tot.“, heißt der erste Satz des Buches, und wir erfahren zum Schluss, wie es dazu gekommen ist. 

James ist ein Asiate, seine Eltern sind illegal in Kalifornien eingereist. Er war ein Musterschüler und ein Musterstudent und hofft, dass er in Harvard als Professor für Geschichte angestellt wird. Aber das zerschlägt sich und er geht in das provinzielle Middlewood/Ohio. Da hat er sich schon mit der Studentin Marilyn zusammengetan, die ihn heiratet, weil sie schwanger ist. Sie wird Hausfrau. Damit ist ihr Wunschtraum zerstoben, in dem sie sich als Medizinerin sah. 

Marilyns Mutter lebt getrennt von ihrem Mann und bringt sich und ihre Tochter als Hauswirtschaftslehrerin durch. Sie ist durchdrungen von der Vorstellung, dass ein perfekt geführter Haushalt der Lebensinhalt von Frauen sein sollte. Marilyn verachtet diese Ideologie und trennt sich endgültig von ihrer Mutter, als diese ihre Ablehnung des asiatischen Mannes deutlich macht. „Es ist nicht richtig.“, wiederholt sie am Hochzeitstag ihrer Tochter, und das ist das letzte Mal, dass sie sich sehen. Das war 1958, als Ehen zwischen Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe noch nicht in den ganzen USA erlaubt waren.

Doch Marylin hat sich noch nicht von ihrem Traum getrennt. Als sie den Haushalt ihrer toten Mutter auflöst, hat sie genug eigenes Geld. Sie zieht in die nächstgelegene College-Stadt, um weiter zu studieren, und lässt ihre Familie – James, Nath, Lydia – zurück. Ihren Abschiedsbrief zerreißt sie. In dem hatte sie erklärt, dass sie „immer ein ganz bestimmtes Leben vor Augen“ hatte und jetzt feststellen muss, dass sich alles „ganz anders entwickelt“ hat. James hat den Brief wieder zusammengeklebt und er liest ihn als Bestätigung seines Traumas: Er sammelt die kleinen rassistischen Bosheiten, von denen er umgeben ist, und glaubt, dass die Mutter mit ihrem Ausspruch „Es ist nicht richtig“ Recht hatte und er nicht in der Lage ist, seine Familie glücklich zu machen. Marilyns zweiter Anlauf misslingt. Als sie merkt, dass sie schwanger ist, kehrt sie nach Hause zurück.

Die Kinder haben sehr darunter gelitten, dass sie weg war, und Lydia hat sich das Versprechen gegeben, alles zu tun, was ihre Mutter je von ihr verlangen würde, wenn sie nur zurückkäme. Ein folgenschweres Versprechen! Sie wird der Star ihrer Eltern, indem sie deren Träume trägt. Marilyn will aus ihr keinesfalls eine Hausfrau machen, sie soll Medizinerin werden. Und so lernt Lydia in allen möglichen Kursen Naturwissenschaften, obwohl ihr das keinen Spaß macht und sie auch bald nicht mehr mitkommt. James sieht in ihr den beliebten Mittelpunkt ihrer Gruppe und schenkt ihr ein Buch, das Ratschläge verteilt, wie man sich Freunde macht. Lydia spielt mit, bis sie nicht mehr kann. Kurz bevor sie stirbt, versucht sie, sie selbst zu werden.

Die anderen beiden Kinder sind für ihre Eltern nicht wichtig.

Die Familie, die so fest gefügt und harmonisch wirkte, zerfällt.

 „Was ich euch nicht erzählte“ ist ein Familienroman und auch ein bisschen ein Krimi. Ng versteht es, die vielen Handlungsstränge miteinander zu verknüpfen und lakonisch zu erzählen. Man versteht, welches Leid die unerfüllten Wünsche hervorbringen: für die Frauen, die in ihrer Hausfrauenrolle eingezwängt sind, und die vom Rassismus, der das Leben auffrisst, Betroffenen.

 Nur der Schluss wirkt auf mich kitschig.  Ng hat so viel Unglück über der Familie ausgeschüttet und will zum Ende kitten: Die Familie lernt doch noch, miteinander zu reden.

 

 Celeste Ng (sprich: Ing) schrieb Erzählungen und Esssays, bevor sie mit „Was ich euch nicht erzählte“ ihren ersten Roman veröffentlichte, der ein New York Times-Bestseller wurde. Inzwischen ist er vielfach prämiert, in zahlreiche Sprachen übersetzt und verfilmt.

 

Celeste Ng, Was ich euch nicht erzählte, dtv-Taschenbuch 2017 ,  280 Seiten, 10,90 €

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