Kein home sweet home

bjerk_auerhausBjerg, Bov: Auerhaus

Sechs junge Leute gründen eine Land-WG und ziehen zusammen in ein altes Haus in ihrem Dorf. Klingt unspektakulär, ist aber ein Gebilde voller Abgründe. Alle haben mehr oder weniger gruselige Familienverhältnisse, wollen raus aus dem Dorfmief oder sich zumindest abgrenzen: Frieder, der versucht hat, sich umzubringen, sein Freund Höppner, der den „fiesen Freund meiner Mutter“, kurz „2F2M“ , satt hat; seine Freundin Vera, die ihn gern hat, aber nicht mit ihm schlafen will; Cäcilia aus gutem ödem Hause; Harry, der seinen Eltern nicht sagen kann, dass er schwul ist; Brandstifterin Pauline, die Frieder in der Psychiatrie kennengelernt hat. Alle wissen nur, was sie nicht wollen, aber das reicht nur knapp, um das Hier und Jetzt hinzukriegen. Sie leben also gemeinsam drauflos mit dem rührenden Charme von Jugendlichen, die ihren Sack voller Ideen und Hoffnungen zusammenkippen, die klauen, kiffen, trampen, sich grundlos am Küchentisch kaputtlachen, die allen möglichen Scheiß machen, zusammenhalten und davon träumen, dass diese Schwebe nie enden soll.

Aber die Brüchigkeit ist immer zu spüren. Wird Pauline die Bude abfackeln? Wird Harrys Vater ihn zusammenschlagen? Wird Cäcilia kein braves Mädchen mehr sein? Wird Vera bei Höppner bleiben, auch wenn er zur Bundeswehr muss? Schafft der sein Abitur? Kommen alle vor Gericht wegen aller möglichen Dummheiten? Und vor allem: Wird Frieder noch einmal versuchen sich umzubringen?

Nein, trotz des trockenen Humors, mit dem Höppner die Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt, lustig ist das alles nicht wirklich. Als sich die Lage zuspitzt, wird das „Auerhaus“, eigentlich das  „Our house, in the middle of our street“ aus dem Song von Madness, der ständig aus dem Recorder tönt, immer mehr zum Kartenhaus, das zusammenfällt.

So treffend komisch und traurig wird das Dorfleben mit seinen stumpfen Gestalten wie dem Dorfsheriff, den verständnis- und sprachlosen Eltern und den arroganten Lehrern beschrieben, dass einem beim Lesen das Lachen immer wieder im Halse stecken bleibt. Bjerg weiß genau, wovon er spricht und zeichnet die Jugendlichen voller Sympathie, aber ohne romantischen Kleister. Und auch den Versuch eines „Abspanns“, in dem der Autor alles gut ausgehen lässt, haut er selbst am Ende wieder in Stücke. Keine Idylle. Gerade darum sehr lesenswert.

„Auerhaus“ ist 2015 im Aufbau Verlag im Programm „Blumenbar“ erschienen und hat 240 Seiten. Es gibt auch eine schöne Lizenzausgabe bei der Büchergilde Gutenberg, wo jedoch eine Mitgliedschaft erforderlich ist.

Bov Bjerg wurde 1965 in Heiningen geboren und ist ein deutscher  Schriftsteller und Kabarettist. Sein bürgerlicher Name ist Rolf Böttcher.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.