Gegen den „Sittenverfall“ – das Lehrerinnenzölibat

Schwarz/weiß-Bild, Frau mit Frack und Zylinder

Meta Schmidt © gemeinfrei, Staatsarchiv Bremen

Als Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr Frauen – insbesondere aus bürgerlichen Kreisen – eine qualifizierte berufliche Tätigkeit aufnahmen wollten, war der Lehrerinnenberuf für viele eine Alternative, da Ausbildungseinrichtungen existierten. Wie schon bei den kaufmännischen Kräften empfanden das die männlichen Kollegen als eine bedrohliche Konkurrenz und eine mögliche Gefährdung der Sittsamkeit von Frauen.

Schluss mit dem „Sittenverfall“

Mit der Einführung des Lehrerinnenzölibats 1880 versuchte man, der Konkurrenz und einem angeblich möglichen „Sittenverfall“ entgegen zu wirken. Fortan mussten sich Lehrerinnen entweder für den Beruf oder die Ehe entscheiden. Bei Eheschließung schieden sie endgültig aus dem Beruf aus und verloren auch alle erworbenen Pensionsansprüche. Trotz dieser eklatanten Diskriminierung traten viele Frauen für die Beibehaltung des Zölibats ein. Auf der ersten Deutschen Frauenkonferenz 1904 kam es zur Auseinandersetzung mit dieser Frage. Maria Lischnewska gehörte dem radikalen Flügel der Frauenbewegung an. Sie forderte in ihrem Referat „Freiheit und wahre Freude auf dem Gebiet des geschlechtlichen Lebens“ und wandte sich gegen den Zölibat weil „die Ehe- und Kinderlosigkeit zu einem verkümmerten Dasein verdamme.“ Gegen das Argument, eine berufliche Tätigkeit könne eine Beeinträchtigung der Haushaltsführung und der Erziehung der Kinder führen, verwies sie auf die zunehmende Technisierung des Haushalts. Ihre Meinung wurde jedoch von der Mehrheit der Lehrerinnen nicht geteilt.

Diskussion über Moral und Sexualität

Portrait einer Frau mit strenger Frisur in schw/weiß

Mathilde Lammers © gemeinfrei, Staatsarchiv Bremen

Nun müsste Ehelosigkeit nicht generell bedeuten, auf sexuelle Beziehungen zu Männern oder Frauen zu verzichten. Dies war aber angesichts der rigiden bürgerlichen Moral verpönt und kaum vorstellbar. Viele Lehrerinnen – auch in Bremen – lebten mit Freundinnen zusammen, sie bezeichneten ihre Beziehung als Lebensgemeinschaft oder eheähnliches Verhältnis. Ob es sich bei diesem Zusammenleben um eine lesbische Beziehungen handelte, ist nicht zu ermitteln. Es gab nur wenige, die aus ihrer lesbischen Orientierung keinen Hehl machten. So trat die Lehrerin Meta Schmidt, die jahrelang eine Lehrerinnen-Theatergruppe leitete, im Frack mit einem betont männlichen Gestus auf. Die Lehrerin Mathilde Lammers befürwortete zwar das Zusammenleben von zwei Frauen und wies auf die Vorteile einer solchen eheähnlichen Verbindung hin. „Manchmal wohl, in neuerer Zeit häufige als früher, schließen sich zwei Freundinnen zu völliger Lebensgemeinschaft zusammen und haben davon vieles, was eine gute Ehe bietet, wenn man von ihrer geschlechtlichen Seite absieht.“ Ausdrücklich jedoch wandte sie sich gegen den Verdacht einer lesbischen Beziehung.

Bürgerliche Doppelmoral

Wie schwierig eine Diskussion über Sexualität war, zeigen die Reaktionen auf die Gründung des Verbandes Mutterschutz und Sexualreform, der sich nicht nur für ledige Mütter einsetzte, sondern sich auch mit der Forderung nach einer Sexualreform gegen die herrschende „Lüge und Heuchelei“ in Fragen des sexuellen Lebens richtete. Vorsitzende der 1909 gegründeten Bremer Ortsgruppe des Vereins waren Adele Schmitz und Auguste Kirchhoff. Der Bund wurde häufig bezichtigt, Ehe- und Familie zu zerrütten und als er in der Kirchbachstraße ein Heim für ledige Mütter einrichten wollte, hagelte es Proteste der Anwohner*innen, die einen Sittenverfall befürchteten. Sie setzten sich auch mit der Prostitution auseinander und geißelten die Doppelmoral der Männer. In den zwanziger Jahren meldeten sich mehr Frauen zu diesem Thema: So veröffentlichte 1922 Grete Meisel das Buch „Die sexuelle Krise“, in dem sie die Liberalisierung der Sexualmoral forderte. In der Sexualität sah sie die Grundlagen für eine ausgewogene psychische und physische Gesundheit des Menschen und sie schlug, gerade aus diesem Grund, eine umfassende Sexualreform vor.

Edith Laudowicz

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