Warum brauchen wir geschlechtersensible Pädagogik?

„Ich brauch mal zwei starke Jungs, die die Stühle für mich tragen.“ In meiner Schulzeit war das ein Satz, den ich oft von meiner Lehrerin gehört habe, wenn es darum ging, etwas im Klassenzimmer umzuräumen. Damals dachte ich mir wahrscheinlich nur: „Cool, dann muss ich das nicht machen.“ Wenn ich heute nochmal darüber nachdenke, macht es mich sauer, dass die Mädchen somit von vornherein ausgeschlossen wurden. Und das ist nur eins von vielen Beispielen. Genau deshalb braucht es geschlechtersensible Pädagogik.

Ich unterstelle dieser Lehrerin dabei nicht einmal eine böse Absicht, als sie diesen Satz gesagt hat. Denn wir alle haben bestimmte Geschlechterklischees verinnerlicht, mit denen wir aufgewachsen sind. Und das ist normal. Kategorisierungen bieten Halt und Orientierung – vor allem kleinen Kindern. Es ist jedoch wichtig zu betrachten, welche Erwartungen wir in Bezug auf das Mann- bzw. Frau-Sein an diese Geschlechterklischees koppeln und wie wir diese nach außen tragen.

Ein Junge in einem Prinzessinenkleid steht neben einem Mädchen, dass ihre Muskeln zeigt

(c) Melissa Eiseler

Was ist geschlechtersensible Pädagogik?

Hier setzt die geschlechtersensible bzw. geschlechterbewusste Pädagogik an. Das Ziel ist es hierbei, die Kinder von früh an in ihren individuellen Interessen und Fähigkeiten zu fördern – und das unabhängig von Geschlechterklischees und der Vorstellung davon, was es heißt ein „richtiges Mädchen“ bzw. ein „richtiger Junge“ zu sein.

„Geschlechterbewusste Pädagogik beruht auf einer Haltung, die auf der Anerkennung vielfältiger Lebensweisen basiert und Chancengerechtigkeit und Inklusion betont.“ – Petra Focks

Unsere Sprache hat dabei einen enormen Einfluss darauf, wie wir Stereotype und Klischees aufrechterhalten. Meine Lehrerin hätte zum Beispiel auch einfach fragen können: „Wer kann mir helfen, die Stühle zu tragen?“ Somit wäre niemand von vornherein ausgeschlossen und alle wären gleichermaßen dazu aufgefordert aktiv zu werden.

Besser nicht Verschlimmbessern

Wenn wir es zu gut meinen mit dem Aufbrechen von Geschlechterrollen, kann es zum sogenannten Verschlimmbessern kommen. Hierbei wird Kindern das Gefühl gegeben, etwas Besonderes oder Unnormales zu tun, wenn sie geschlechtsuntypische Verhaltensweisen ausprobieren. Bei unserem Stuhl-Beispiel würde das so aussehen, dass wir dem Mädchen, was doch auf die Idee kommt, sich einen Stuhl zu schnappen dann sagen: „Das ist ja super, dass du auch als Mädchen sowas machst. Du bist ja fast so stark wie die Jungs.“ Die Rolle des Geschlechts wird hier unnötig verkompliziert und thematisiert. Manchmal reicht es da auch aus, sich als Pädagog*in oder Elternteil zurückzulehnen und die Kinder einfach probieren zu lassen.

Auch Jungs verdienen Einhornglitzer

Nicht nur die Mädchen werden in ihren Fähigkeiten und Interessen durch Geschlechterklischees eingeschränkt. Nils Pickert widmet sich in seinem Buch Prinzessinenjungs der Frage, wie wir es schaffen, Jungs aus der Geschlechterfalle zu befreien. Hier beschreibt er, dass wir Jungen um so viel berauben, wenn wir sie mit Sätzen wie „Das macht ein Junge nicht“, „Rosa ist nur etwas für Mädchen“ und „Hör auf zu weinen“ konfrontieren.

„Was können wir tun, um Jungen aus der Geschlechterfalle herauszuhelfen? Denn sie verdienen so viel mehr als das, was ihnen momentan angeboten wird. Sie verdienen Körperkontakt, Mitgefühl, Trost und Einhornglitzer.“ – Nils Pickert

Im Austausch mit Freunden und Familie ist mir klargeworden, dass fast alle von ihnen solche Erlebnisse – wie ich mit meiner Lehrerin – aus ihrer Kindheit verinnerlicht haben. Ein eben mal so hingesagter Spruch einer Erzieherin, eines Trainers oder eines Elternteils kann uns unser ganzes Leben lang prägen und verunsichern.

Also Leute, seid euch bewusst, was für einen Einfluss eure Worte auf Kinder, aber auch auf Erwachsene haben können und vor allem: Lasst Mädchen Stühle tragen, denn ja, natürlich sind sie stark. Lasst Jungs Röcke tragen, denn ja, sie sehen toll darin aus.

Melissa Eiseler

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