Buchtipp: „Raum“ von Emma Donoghue

Einen einzigen Raum, mehr kennt er nicht. Der Roman „Raum“ von Emma Donoghue erzählt die Geschichte von Jack und seiner Mutter, die von Old Nick gefangen gehalten werden. Das Buch ist schwierig zu lesen, nicht zuletzt, da es aus der Sicht eines fünfjährigen Jungen geschrieben ist. Es öffnet aber gleichzeitig die Augen für die Opferseite eines Verbrechens, was man selbst hoffentlich nie erleben wird.

Jack, Ma und Raum

Die Geschichte wird erzählt aus der Sicht des fünfjährigen Jack. Sein ganzes Leben lang hat Jack nur in Raum gelebt, zusammen mit seiner Mutter, Ma. Sie haben alles Nötige: Eine Badewanne, eine Kochnische, einen Schrank, ein Regal und Essen, das ihnen Old Nick vorbeibringt. Old Nick wohnt nicht bei den beiden, sondern kommt und geht durch die einzige Tür im Raum. Er ist immer nur abends da, wenn auch nicht täglich. Jack schläft nachts im Schrank und solange Old Nick da ist, verbietet seine Mutter ihm herauszukommen. Die erste Zeit seines Lebens kannte Jack nur den Raum. Er dachte, alles, was er im Fernsehen sieht, sei nicht real. Für ihn gibt es nur diese kleine Welt. Als Jack zu Beginn des Romans fünf Jahre alt wird, beginnt Ma, ihm die Wahrheit zu erklären: Ma wurde mit 19 von Old Nick entführt und ist seitdem seine Gefangene. Jack ist das Ergebnis des wiederholten Missbrauchs durch Old Nick, was Ma ihm aber natürlich nicht erklärt. Ma hat immer wieder versucht auszubrechen, aber ohne Erfolg. Jetzt aber hat sie eine Idee, wie die zwei sich befreien können. Und Jack soll dabei eine zentrale Rolle spielen.

Teufelsgestalt fällt vom Himmel herab zur Erde

© Gustave Doré, 1866 (via Wikimedia Commons)

Der Teufel steckt im Detail

Der Roman ist voller symbolischer Anspielungen und Geheimnisse. Old Nick beispielsweise ist ein anderer Name für den Teufel, entnommen aus Washington Irvings „The Devil and Tom Walker“. Auch durch die kindliche Erzählweise aus Jacks Sichtpunkt versteht man viele Dinge erst beim zweiten Mal. Eine tägliche Übung, die Jack und seine Mutter machen, besteht daraus, sich nah an das einzige Fenster im Dach zu stellen und so laut zu schreien, wie es geht. Was seine Mutter ihm als Übung für die Stimme verkauft, ist ein Versuch, bemerkt zu werden. Deswegen machen sie dies auch nur nachmittags unter der Woche und nie am Wochenende – dann ist Old Nick nämlich arbeiten. Dass Ma manchmal nachts nicht schlafen kann und deswegen die Lampe bei ihrem Bett wiederholt an und aus macht, versteht Jack ebenfalls nicht. Er glaubt, es hilft ihr wieder einzuschlafen. Sie macht das Licht dreimal kurz, dreimal lang und dann wieder dreimal kurz an – und sendet damit ein SOS-Signal, in der Hoffnung, dass jemand es sieht.

Bedrückende Geschichte

Raum ist traurigerweise angelehnt an reale Fälle. Beispiele wären der Fall Elisabeth Fritzl oder das Schicksal von Natascha Kampusch. Dass diese Geschichte eben so echt gewesen sein könnte, gibt dem Roman eine unglaublich unangenehme Note. Man kann nicht umhin sich vorzustellen, dass den Kinder von Joseph Fritzl und seiner Tochter die Welt genauso komplett fremd erschien wie Jack, als sie das erste Mal frei waren. Oder dass Natascha Kampusch ähnlich verzweifelt versucht hat, auszubrechen und dabei genauso gescheitert ist wie Ma. Das Buch ist daher nichts für zarte Seelen und alle die, denen so viel Realität das Lesevergnügen nimmt. Wichtig ist ein solches Werk trotzdem. Es bringt diese abstrakten Konzepte von Isolation und Angst näher. Man schwankt zwischen Mitleid mit beiden, abartiger Faszination und Angst um ihr Schicksal.

Der Roman von Emma Donoghue erschien 2011 im Piper Verlag (ISBN 978-3-492-05466-9), hat 416 Seiten und kostet als Taschenbuch 9,99 €.

Im letzten Jahr wurde dieses Buch auch verfilmt. Schauspielerin Brie Larson, die die Rolle der Mutter übernah, gewann einen Golden Globe und einen Oscar für diese. Der Trailer fängt die Stimmung des Buches schon ganz gut ein.

Kim Hofschröer

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