Toxische Weiblichkeit: Auch Frauen haben zerstörerische Tendenzen

Wenn Männer Rollenbilder und Denkweisen verinnerlichen, die auf Macht, Kontrolle und Aggression basieren, spricht man von toxischer Männlichkeit. Dieser Begriff wurde in den letzten Jahren viel thematisiert und diskutiert. Denn toxische Männlichkeit birgt viele Gefahren. So zum Beispiel Gewaltausübung gegen sich selbst und Andere. Diese Sichtweise beruht zwar auf stereotypen Denkweisen, die Auswirkungen, die damit einhergehen, sind jedoch statistisch nachweisbar.

Was ist toxische Weiblichkeit?

(c) Melissa Eiseler

Doch auch zerstörerische Verhaltensweisen von Frauen können zu einem Problem werden. Auslöser sind auch hier wieder Rollenbilder, die Frauen verinnerlicht haben und immer wieder reproduzieren. Viele Frauen verspüren einen Druck, in allem gut sein zu müssen und die Bedürfnisse von Anderen vor die eigenen zu stellen. Dabei sollen sie zudem bitte auch noch immer gut aussehen und das Ganze mit einem Lächeln meistern.

Wenn dies einmal nicht gelingt, verurteilen sich Frauen selbst oder vergleichen sich mit anderen Frauen. „Wie schaffen die das nur immer, dass das alles so leicht aussieht? Wieso kriege ich das nicht so gut hin?“

Da kommt es schnell zu Neid und Missgunst gegenüber anderen Frauen. Verstärkt wird das Ganze durch die Tatsache, dass es in Filmen, Comics und Serien oftmals nur ein „cooles“ Mädchen gibt. Da hätten wir zum Beispiel Vanessa bei den wilden Kerlen, Black Widow bei den Avengers oder Elfi in Stranger Things. So entsteht der Eindruck, dass nur für eine starke Frau Platz ist. Rückt dann eine weitere Frau ins Bild, kommt es zu einem Konkurrenzkampf. Es entsteht eine Angst vor Verdrängung.

Ich scheine nicht, wenn du nicht scheinst

Als Antwort auf dieses Phänomen hat die amerikanische Redakteurin Ann Friedmann die Shine-Theorie entwickelt. Die Kernaussage dieser Theorie: „Ich scheine nicht, wenn du nicht scheinst.“ Hierbei geht es darum, sich in der Interaktion mit einer anderen Frau nicht bedroht zu fühlen, sondern sich zu fragen „Wäre es nicht besser, wenn wir zusammenarbeiten, anstatt gegeneinander?“

Bislang ist es jedoch oftmals noch Realität, dass von Frauen erwartet wird, passiv zu sein und sich zu fügen, anstatt Eigeninitiative zu ergreifen oder sich zusammenzuschließen. Männer hingegen werden dafür belohnt, aktiv zu sein. Der große Unterschied? Frauen erreichen durch das Erfüllen der an sie gerichteten Erwartungen keine Machtpositionen.

Ein weiterer Unterschied ist, dass bei der toxischen Weiblichkeit meist nur die Frauen selbst unter den Auswirkungen leiden. Die toxische Männlichkeit hingegen kann auch zu Gewalt gegen Frauen führen.

Trotz großer Unterschiede lassen sich toxische Männlichkeit und Weiblichkeit nicht als Gegenteilpaare bezeichnen. Vielmehr lässt sich toxische Weiblichkeit als eine weitere Erscheinungsform von toxischer Männlichkeit einordnen.

„Man könnte sagen: Beide Phänomene sind Teil einer toxischen Binarität – beide ausgerichtet auf den Bestand einer von Männern dominierten Welt.“

Wie bereits erwähnt, entstehen die beiden Phänomene durch überholte Rollenbilder und bestimmte Erwartungen an Männer und Frauen. Um diesen toxischen Verhaltensweisen auf beiden Seiten zu begegnen, braucht es aufgrund ihrer systematischen Unterschiede jedoch unterschiedliche Herangehensweisen.

Im Grunde geht es aber darum: Ja, wir stecken oftmals noch in veralteten Rollenbildern fest und es ist gar nicht so leicht aus diesen festgefahrenen Strukturen herauszukommen. Ein Schritt in die richtige Richtung wäre es aber zum Beispiel, diese Rollenbilder immer wieder zu hinterfragen. Auf diese Weise wird unser Verständnis davon, was es heißt ein Mann oder eine Frau zu sein, hoffentlich erweitert. Davon würden schlussendlich alle Seiten profitieren.

Melissa Eiseler

  1 comment for “Toxische Weiblichkeit: Auch Frauen haben zerstörerische Tendenzen

  1. Libelle sagt:

    Leider ist es diesem Artikel einseitig nur gelungen, toxische Weiblichkeit allein auf das männlich-binäre Täter-Stereotyp zu reduzieren. Für wirkliche toxische Weiblichkeit in Form tatsächlicher Übergriffigkeit und ungehobelten Verhaltens gegenüber Mänern, welches seit Jahren grassiert und für das es perfider Weise nichtmal ein Bewusstsein gibt (anders als für toxische Männlichkeit), wird leider nicht sensibilisiert.

    Schade!
    Ich hoffe auf Freischaltung…

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