Unwiderstehlich widerlich – Die Pick-Up-Artist Szene

Sie nennen sich Verführungskünstler. Sie schreiben Bücher mit Titeln wie „Physical Game – Wie man Frauen physisch führt und ins Bett kriegt“. Aus Flirt-Tipps für schüchterne Männer haben sie ein organisiertes Netzwerk geschaffen: Die Pick-Up-Artist Szene. Die Frau wird zu Beute, der Mann jagt.

Vom Ratgeber zur organisierten Community…

Bücherstapel mit diversen Dating- und Pick-Up-Ratgebern

By Harbelser (Own work) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Die Pick-Up-Artist Szene nahm ihren Ursprung in den späten achtziger Jahren mit Ross Jeffries. Obwohl es früher schon How-to-Guides gab, die schüchternen Männern dabei helfen sollten Frauen ins Bett zu bekommen, gründete sich mit Ross Jeffries erstmals eine organisierte Community. Er veranstaltete Seminare, in denen er Techniken des neurolinguistischen Programmierens unter dem Namen Speed Seduction lehrte. Neurolinguistisches Programmieren meint Vorgänge im Gehirn mit der Sprache zu verändern. Also Menschen gezielt zu manipulieren.

Auch heute werden in Pick-Up Foren seine Bücher und das Prinzip der Speed Seduction besprochen und Ross Jeffries zu einem der ganz, ganz Großen innerhalb der Szene erklärt. Ein Schüler Ross Jeffries‘ gründete 1994 dann das Internetforum alt.seduction.fast, das zahlreiche Foren, Blogs und Websites nach sich zog. So entstand ein großes Netzwerk, in denen hauptsächlich Männer Verführungstechniken und Tipps austauschen konnten. Die nächste große Veränderung der Szene war der Schritt in den Mainstream. Neil Strauss sorgte mit seinem Bestseller „Die perfekte Masche“ dafür, dass die Pick-Up-Szene nun in der Öffentlichkeit stand und auch kritisch diskutiert wurde.

…Und vom unsicheren Mann zum Alpha-Tier

Zwei Frauen in altmodischen Kleidern sitzen auf einer Bank. Daneben steht ein Mann mit Hut, der sich mit ihnen unterhält und flirtet. Im Vordergrund steht ein Korb mit Äpfeln

Eugene de Blaas [Public domain], via Wikimedia Commons

Die Idee von Pick-Up scheint vor allem auf die Unsicherheit der Männer abzuzielen. Erfolg bei attraktiven Frauen zu haben wird als allumfassende Lösung angepriesen. Und Pick-Up ist der ultimative Weg dorthin. Es wird damit geworben den unsicheren, schüchternen Mann zu einem starken Alpha-Männchen zu machen. Welche Rolle die Frau dann zu spielen hat, kann man sich ja denken. Die Feministin und bekennende Sadomasochistin Clarisse Thorn hat für ihr Buch „Fiese Kerle? Unterwegs mit Aufreißern“, jede Menge Männer aus der Szene kennengelernt und begleitet. Bei den Recherchen für ihr Buch erlebt sie oft, wie Männer versuchen mit dem strategischen Aufreißen ihre echten Probleme zu kompensieren. Für die sexpositive Bloggerin gibt es verschiedene Arten von Pick-Up-Artists. Nur rund 20 bis 40 Prozent der Szene gehören ihrer Meinung nach zu den „widerlichen Frauenfeinden“. Der Rest seien entweder Männer, die einfach nur Spaß haben wollen, unbeholfen und schüchtern seien oder das große Geld wittern. Trotz der vermeintlich vielfältigen Intentionen der Männer schreibt Clarisse Thorn von einem offensichtlichen Sexismus in der Community.

Pick-Up-Artists in Deutschland

Die Seduction Community ist längst keine amerikanische Subkultur mehr. Auch in Deutschland gibt es eine große Szene, die hauptsächlich in Internetforen wie dem Pick-Up Forum  stattfindet. In diesen Foren ist von Threads wie „Wenn die Frau zu viel redet“ bis zu „Nein-Girls zu Ja-Girls transformieren“ alles dabei. Der unverhohlene Sexismus in vielen Threads ist schlimm. Aber genauso schockierend ist die kalkulierende und irgendwie kaltherzige Ausdrucksweise. Es gibt für alles eine Strategie. Und eine eigene Sprache. Frauen werden auf einer Hot-Babe Skala bewertet, in eine Frau wird investiert und ihre Verhaltensweisen in Kategorien geordnet. LMR (Last Minute Resistance) meint zum Beispiel:

„Bevor es zum ersten Sex kommt, leisten Frauen oft im letzten Moment Widerstand. Dies Verhalten beruht wohl auf der Furcht als zu leicht rumzukriegen zu sein und so als Bitch angesehen zu werden oder auch nur benutzt zu werden. Dieses Phänomen ist kein Indicator Of Desinterest (IOD) und es gibt einige Pick Up Strategien, um geschickt mit solchen Situationen umzugehen. (sic!)“

Misogynie in der Pick-Up-Szene

rotes Ampellicht

(c) A. Behnk

In den Foren wird häufig betont, dass es auch Frauen in der Pick-Up-Szene gibt und die Community alles andere als frauenfeindlich sei. Viele der Einträge lesen sich jedoch anders. Und einige der Pick-Up-Gurus aus der Szene sind sogar ganz offen misogyn. 2014 machte der Pick-Up-Artist Julien Blanc und der Protest gegen ihn Schlagzeilen. Er forderte in seinen Videos Männer dazu auf, ein Gespräch mit einer Frau mit dem choke opener zu beginnen. Also sie zu würgen. Oder Roosh Valizadeh, ebenfalls Pick-Up-Artist, steht für eine Teillegalisierung von Vergewaltigungen. Dieses Beispiel ist sehr extrem und spricht nicht für die gesamte Pick-Up-Szene, doch Roosh Valizadeh sagt auch, dass ein „Nein“ für einen Mann eigentlich nur eine größere Herausforderung bedeuten würde. Und das weist meiner Meinung nach große Ähnlichkeit zu der eben erwähnten Kategorie Last Minute Resistance auf. Die sogenannten Strategien von Pick-Up-Artists sprechen Frauen damit jegliche Selbstbestimmung ab. Während der Recherchen stellt sich bei mir immer wieder ein mulmiges Gefühl ein. Denn in dieser Szene ist ein Nein kein Nein.

Katja Hoffmann

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.