Die feministische Kapitalismuskritik untersucht die Beziehung zwischen kapitalistischen Wirtschaftsstrukturen und geschlechtlicher Ungleichheit. Aus feministischer Perspektive nutzt der Kapitalismus bestehende ungleiche Geschlechterverhältnisse für sich aus.

Der kapitalistische Nutzen der Care-Arbeit
Ein zentrales Merkmal dafür ist der Gender Pay Gap. Frauen verdienen im Durchschnitt etwa 16 Prozent weniger als Männer. Diese Lohnungleichheit liegt natürlich nicht daran, dass sich Frauen kollektiv dafür entschieden hätten, weniger Geld verdienen zu wollen, sondern an strukturellen Bedingungen. Frauen übernehmen weiterhin den Großteil der unbezahlten, im privaten Raum stattfindenden Care-Arbeit, also die Hausarbeit, Kindererziehung und Pflege von Angehörigen. Der mit der Übernahme von Sorgearbeit verbundene zeitliche und körperliche Aufwand führt dazu, dass Frauen im Vergleich zu ihren männlichen Partnern geringere zeitliche Ressourcen und Kapazitäten für eine Erwerbstätigkeit zur Verfügung haben.
Zugleich trägt die gegenwärtige Ungleichheit im Entgelt zwischen den Geschlechtern dazu bei, dass es sich innerhalb familiärer Entscheidungsprozesse als rentabler erweist, dass Frauen ihre Erwerbstätigkeit reduzieren oder ganz aufgeben, um die Sorgearbeit zu übernehmen. Es entsteht ein sich selbst verstärkender Kreislauf aus geringerer Bezahlung, finanzieller Abhängigkeit und der Übernahme der Care-Arbeit.
Die überwiegend von Frauen geleistete, unbezahlte Care-Arbeit im privaten Bereich erfüllt eine zentrale Funktion innerhalb kapitalistischer Gesellschaften, indem sie die Reproduktion der Arbeitskraft sichert. Denn einerseits sorgen Frauen für die Einsatzfähigkeit der männlichen Erwerbsarbeit und übernehmen andererseits zusätzlich die Erziehung und Versorgung der nächsten Generation als potenzielle Arbeitskräfte. Kapitalistische Ökonomien profitieren damit von dieser nicht vergüteten Arbeit.
Die Frau auf dem Arbeitsmarkt
Die Vorstellung der bürgerlichen Familie mit ihrer stereotypischen, geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung prägt den für Frauen zur Verfügung stehenden Arbeitsmarkt in erheblichem Maße. Unternehmen nutzen bei ihrem Angebot von Löhnen, Karrierewegen oder Beschäftigungsformen die gesellschaftlich etablierte Rollenzuschreibung aus, nach der Männer als Ernährer oder Versorger und Frauen als Zuverdienerinnen gelten. So werden Frauen häufiger in niedrig entlohnte, prekäre oder teilzeitförmige Beschäftigungen gedrängt. Die angebotenen Löhne sind nicht auf die eigenständige Existenzsicherung ausgerichtet, sondern als Ergänzung zum Familieneinkommen konzipiert.
In einer auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Arbeitswelt bemessen sich die Löhne nicht an der geleisteten Arbeit, sondern am Marktwert der Arbeitskraft, der wesentlich durch ihre Ersetzbarkeit geprägt ist: Je leichter eine Arbeitskraft ersetzbar ist, desto geringer ist ihre Verhandlungsmacht und desto niedriger fällt ihr Lohn aus. Die Frauen, welche innerhalb patriarchaler Strukturen als tendenziell leistungsunfähiger als ihre männliche Konkurrenz eingestuft werden, sind somit dazu gezwungen, solche Arbeitsbedingungen zu akzeptieren und sich damit zurecht zu finden, dass ihr Einkommen nicht zur eigenständigen Finanzierung ihres Lebensunterhalt ausreichen wird. Niedrigere Löhne, eingeschränkte Aufstiegschancen und prekäre Beschäftigungsverhältnisse werden dabei mit der vermeintlich eingeschränkten zeitlichen Verfügbarkeit von Frauen, ihrer Sorgeverantwortung oder einer drohenden Schwangerschaft gerechtfertigt und so ökonomisch funktionalisiert.
Frauenarbeit?
Frauen sind überdurchschnittlich häufig in sozialen Dienstleistungsberufen wie Erziehung, Pflege und Betreuung tätig. Diese geschlechtsspezifische Konzentration beruht auf gesellschaftlichen Zuschreibungen einer „weiblichen Persönlichkeit“, die Eigenschaften wie Fürsorglichkeit, Empathie und Selbstlosigkeit impliziert und in care-orientierten Tätigkeiten besonders gesucht wird. Das traditionelle Rollenbild der Frau als Hausfrau und Mutter, der Pflegerin anderer Menschen, wird somit auch in den Beruf verlagert. Da solche sozialen Berufe für Frauen aufgrund ihrer „natürlichen“ Charaktereigenschaften zugänglicher sind, finden sie in diesem Bereich, der grundsätzlich schlechter bezahlt wird, mehr Angebot.
„Die sozialen Dienstleistungen in Erziehung, Alten- und Krankenpflege zeichnen sich ökonomisch dadurch aus, dass sie zwar nötig, aber keine Beiträge zum Wachstum des Kapitals, sondern Unkosten des Gemeinwesens sind, die aus verstaatlichten Lohnteilen, den Mitteln der Sozialversicherungen oder dem Staatshaushalt finanziert werden und deshalb stets unterfinanziert sind.“ (Quelle: GegenStandpunkt, „Die Frau im Kapitalismus“)
Zwar stellen soziale Berufe einen vergleichsweise offenen Zugang zum Arbeitsmarkt für Frauen dar, sie bieten jedoch selten langfristige ökonomische Sicherheit oder Aufstiegsperspektiven.
Die feministische Kapitalismuskritik wendet sich gegen die hierarchische Aufteilung, bei der Rationalität, Konkurrenz und Profitmaximierung über Werte wie Fürsorge, Kooperation und soziale Verantwortung gestellt werden. Diese Bewertung führt dazu, dass männlich konnotierte Arbeiten gesellschaftlich und ökonomisch höher geschätzt werden, während weiblich konnotierte Tätigkeiten – insbesondere im Care-Bereich – systematisch abgewertet und unterbezahlt bleiben.
Fazit
Insgesamt macht die feministische Kapitalismuskritik deutlich, dass Geschlechterungleichheit ein strukturelles Element kapitalistischer Gesellschaften ist. Zudem soll gezeigt werden, dass die Arbeit der sozialen Reproduktion gleichwertig mit der auf dem Markt als „produktiv“ geltenden Arbeit ist, da sie die Arbeitskraft selbst erhält und somit die Grundlage der kapitalistischen Produktion sichert.
Linea Strugies


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